Was muss besser werden?
Drei Punkte erachtet Professor Simonis bezüglich der zukünftigen europäischen Umweltpolitik als besonders wichtig:
1. Die europäische Umweltpolitik muss demokratischer, partizipativer werden. Wenn es um eine Politik von und für Europäer gehen soll, dann müssen sich die sozialen und ökologischen Bewegungen stärker einbringen, indem sie sich "europäisieren". Sowohl im 6. Umweltaktionsprogramm als auch im EU-Verfassungsentwurf sind neue Elemente bürgernaher Politik vorhanden. So ist unter anderem eine "Bürger-Initiative" vorgesehen, wonach bei einer Beteiligung von mindestens einer Million EU-Bürgern die EU-Kommission zum Tätigwerden in einem Themenfeld aufgefordert werden kann. Ein Klagerecht für Umweltverbände ist hingegen nicht vorgesehen.
2. Die europäische
Umweltpolitik muss kosmopolitischer werden, treibende Kraft einer
Weltumweltpolitik sein. Sie müsste perspektivisch das Ziel verfolgen,
die EU-Erweiterung an das Prinzip der europäischen Eigenständigkeit zu
knüpfen - und so gleichermaßen identitätsbildend und kosmopolitisch
ausgerichtet sein. Europa spielt bereits in Bezug auf einzelne globale
Umweltprobleme eine wichtige Rolle, insbesondere beim Klimaschutz. Die
EU-Richtlinie zum Emissionshandel ist seit Oktober 2003 geltendes
Recht, eine Ergänzungsrichtlinie ist in Vorbereitung. Diese Mechanismen
können für die EU der 25 also zur Anwendung kommen, selbst wenn das
Kyoto-Protokoll wegen der Verweigerungshaltung Russlands nicht
völkerrechtlich verbindlich werden sollte.
Ein anderes großes Thema
sind die erneuerbaren Energien. Nach der erfolgreichen Konferenz in
Bonn über "Renewables" im Juni 2004 sollte es neue Allianzen geben, die
den Ressourcenwechsel (von den fossilen zu den erneuerbaren Ressourcen)
beschleunigen und den Weg ins solare Zeitalter frei machen.
Das neue
Europa müsste sich aber auch in anderen Bereichen der globalen
Umweltpolitik stärker einbringen. Die biologische Vielfalt ist weltweit
gefährdet, das Wasser wird zunehmend knapp. Beim Thema biologische
Vielfalt kann Westeuropa von Osteuropa lernen, beim Thema Wasser geht
es um die Kontroverse: öffentliches oder privates Gut, wozu in Europa
viel Erfahrung gesammelt wurde.
3. Die europäische Umweltpolitik
muss sich thematisch erweitern, sich ernsthaft der nachhaltigen
Entwicklung widmen. Die Entkopplung von Wirtschaftswachstum und
Energieverbrauch (De-Karbonisierung) ist zu einer strategischen
Kategorie der Klimapolitik geworden. Trotz erheblicher
wissenschaftlicher Vorleistungen ist De-Materialisierung dagegen bisher
nicht zu einem eigenständigen europäischen Projekt geworden, wenn man
einmal von den Vorhaben zur EU-Chemikalienpolitik absieht. Der
überhöhte Stoffwechsel der Industriegesellschaft müsste nun in den
Blick genommen werden, insbesondere der "Ressourcenwechsel" von den
fossilen zu den erneuerbaren Energien und der "Verkehrswechsel" von der
Straße zur Bahn. Der gesamte Materialaufwand (GMA) des
Durchschnitts-Europäers liegt bei rund 52 Tonnen (der eines Deutschen
bei rund 80 Tonnen) pro Jahr; und der Anteil der nicht erneuerbaren
Ressourcen an diesem Materialaufwand liegt überaus hoch, zwischen 79
und 98 Prozent. Wir leben also in höchstem Maße von der Substanz, dem
natürlichen Kapital, nicht von dessen Zinsen. Dies entspricht nicht dem
Prinzip der starken Nachhaltigkeit (strong sustainability). Kein
Zweifel: Die Europäer tragen einen schweren "ökologischen Rucksack".
Dieser Rucksack muss aus Umweltschutzgründen, aber auch aus Gründen der
internationalen Gerechtigkeit leichter werden. Genauer gefasst: Die
Stoff- und Energieströme dürfen aus Gründen der ökosystemaren
Stabilität nicht weiter wachsen, sie müssen sinken - und dies bei
Beachtung der Lebensinteressen der bisher materiell Zu-Kurz-Gekommenen.
Das Thema "Ökologischer Strukturwandel" ist also auch im neuen Europa
keineswegs
zu Ende buchstabiert; De-Materialisierung ist ein großes Thema der
Zukunft, das allerlei soziale, technische und institutionelle
Innovationen erfordert - vor allem aber eine grundsätzliche
Entscheidung für starke Nachhaltigkeit.
Den vollständigen Beitrag von Professor Simonis sowie weitere Beiträge über die Zukunft Europas kann man im Schwerpunktheft der UNIVERSITAS "Altes Europa, neues Europa" lesen.
Dieses Heft kann als kostenloses Probeexemplar angefordert werden bei der Redaktion UNIVERSITAS
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