Die Schweizer Bank, die auf nachhaltige Anlagen spezialisiert ist, hat
diesen Sachverhalt in der Studie "Made in China - ist dieses Label
nachhaltig?" untersucht, die der "Welt am Sonntag" vorab vorliegt.
"Immer mehr Unternehmen errichten Produktionsstandorte in China", sagt
Eckhard Plinke, Leiter Sustainability Research bei Sarasin und Ko-Autor
der Studie. "Wer als Anleger nachhaltig investieren möchte, muss also
die ökologischen und sozialen Konsequenzen berücksichtigen, die daraus
folgen. Dafür wollen wir mit dieser Studie eine Orientierung geben."
Seit China in den 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts offen für
ausländische Investoren ist, steht das Land im Fokus der ökonomischen
Welt. Mehr als eine Milliarde potenzielle Kunden, ein
Wirtschaftswachstum von bis zu neun Prozent pro Jahr und geringe
Lohnkosten haben unzählige europäische, US-amerikanische und japanische
Unternehmen nach China gelockt. Doch den guten Wirtschaftsaussichten
stehen negative soziale und ökologische Auswirkungen gegenüber.
Niedrige Löhne und schlechte Arbeitsbedingungen sind die Kehrseite der
aus Unternehmenssicht attraktiven Lohnkosten. Landflucht und die
Schließung von Staatsbetrieben spülen unzählige Menschen auf den
Arbeitsmarkt, vor allem in den aufstrebenden industriellen Zentren des
Landes. "Das verstärkt den Druck auf die Löhne für ungelernte
Arbeiter", sagt Andreas Knörzer, Leiter Sustainable Investment bei der
Bank Sarasin. Hinzu kämen schlechte Arbeitsbedingungen wie übermäßig
viele Überstunden und eine hohe Zahl von Arbeitsunfällen.
Doch auch die Umwelt leidet unter dem Boom in China. So führen
Industrialisierung und Urbanisierung zu einem starken Anstieg des
Energieverbrauchs. China hat weltweit den größten Kohleverbrauch, ist
zweitgrößter Importeur von Erdöl und steht bei den Emissionen von
Kohlendioxid, dem nachgesagt wird, die Umwelt zu schädigen, an zweiter
Stelle.
Zwar hat China in den vergangenen Jahren viele Umwelt- und
Sozialgesetze beschlossen. "Die gesetzlichen Regelungen werden
allerdings ungenügend umgesetzt", sagt Sarasin-Experte Knörzer.
Regionale Behörden hätten wenig Interesse, die Arbeitsbedingungen für
die Beschäftigten zu verbessern und stünden gewerkschaftlichen
Aktivitäten oft feindlich gegenüber. Der Wettbewerbsrahmen für
internationale Unternehmen, die in China tätig sind, würden von
Staatsunternehmen bestimmt, die oftmals schon minimale Anforderungen an
Umweltschutz und Arbeitsbedingungen nicht erfüllten, so Knörzer.
Die daraus entstehenden Risiken sind für internationale Konzerne
beträchtlich. "Verbraucher und Öffentlichkeit erwarten von ihnen
zunehmend die Wahrnehmung ihrer sozialen Verantwortung", sagt Knörzer.
Das betreffe nicht allein die Produktionsstätten, sondern auch ihre
Lieferketten. "Schlechte Arbeitsbedingungen und geringe Umweltstandards
gefährden somit den Ruf des Unternehmens", sagt der Sarasin-Experte.
Weitere Risiken seien geringe Produktivität und hohe Fluktuation auf
Grund schlechter Arbeitsbedingungen.
Die Studie der Bank Sarasin zeigt anhand von Beispielen auf, welche
Möglichkeiten Unternehmen unter den gegebenen Umständen haben, mit den
verschiedenen Herausforderungen in China umzugehen. "Diese Beispiele
können an nachhaltigen Investments interessierten Anlegern als
Messlatte für die Beurteilung konkreter Unternehmen dienen", sagt
Knörzer, "aber auch, um zu entscheiden, ob unter den gegebenen
Bedingungen in China die Einhaltung ökologischer und sozialer
Mindestanforderungen überhaupt möglich ist."
Um die genannten Risiken möglichst gering zu halten, achten viele
Unternehmen darauf, angemessene Umwelt- und Sozialstandards in ihrer
Lieferkette einzuhalten. Positive Beispiele aus der Konsumgüter- und
Elektronikbranche sind der Sportartikler Adidas-Salomon, PC-Bauer
Hewlett-Packard und die Kaufhausgruppe Marks & Spencer. Sie
berücksichtigen laut der Studie soziale Mindestanforderungen bei den
Lieferanten und setzen zur langfristigen Verbesserung der sozialen
Verhältnisse unterstützende Maßnahmen wie Schulungen und Beratung ein.
"Marks & Spencer etwa verfügt über ein formelles Auditing-Programm
für seine Zulieferer, in dem Arbeitsbedingungen überprüft werden", sagt
Studienautor Plinke. Adidas-Salomon hat in seinen chinesischen Werken
und bei Zulieferbetrieben Arbeitnehmerausschüsse gebildet, die als
Ansprechpartner für Arbeitssicherheit und Gesundheit dienen.
Weiteres Ergebnis der Studie: Die untersuchten Firmen mit eigenen
Produktionsstandorten in China haben fast immer ein konzernweites
Umweltmanagement. Ein Beispiel ist das japanische High-Tech-Unternehmen
Canon, das im Reich der Mitte mit fast 20 000 Mitarbeitern Kameras,
Bürogeräte und Zubehör produziert. "Canon hat für seine Werke
spezifische Umweltprogramme mit strengen Richtlinien entwickelt, die
weit über den gesetzlichen Vorgaben liegen", so Plinke weiter.
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