31.07.2004

Die Lebenskrise der Erde

«Global Change and the Earth System» - Eine internationale geo- und biowissenschaftliche Diagnose

Quelle: Neue Zürcher Zeitung / Autor: Hans-Jochen Luhmann
Carl Friedrich von Weizsäcker war der «junge Mann», der 1957 die «Erklärung der Göttinger Achtzehn» formuliert hat. Dieser Appell von Wissenschaftlern an die Politik ist berühmt, weil er außerordentlich erfolgreich war. Weizsäcker hat später einmal das Geheimnis gelüftet: Er hatte vorher Martin Buber nach einem Erfolgsrezept gefragt. Der habe geantwortet: Wollt ihr Erfolg im politischen Raum, so dürft ihr nicht nur von anderen etwas fordern, sondern müsst zugleich euch selbst öffentlich zu etwas verpflichten.

Ein besonderer «Gegenstand»
Auch die global organisierten Erdwissenschafter wollen mit ihrem Buch «Global Change and the Earth System» eine Botschaft an Öffentlichkeit und Politik überbringen und verbinden dies mit einer Selbstverpflichtung. Letztere lautet: Wir wollen unsere Wissenschaft - und also uns selbst - so wandeln, dass das von uns Bereitgestellte nicht nur in traditioneller Weise von Fachkollegen gegengelesen, also fachlich richtig ist. Es soll vielmehr auch verlässlich fürs Handeln taugen. Nur angedeutet ist damit, dass die heutige Praxis in der Wissenschaft und das genannte Ziel in Konflikt miteinander stehen könnten.

Man kann dem Buch und der Selbstverpflichtung der Autorengruppe nur gerecht werden, wenn man die «erkenntnistheoretische» Besonderheit des Gegenstandes völlig illusionslos zur Kenntnis nimmt. Ein geeigneter Zugang ist, das Buch als eine Neufassung von James Lovelocks «Gaia» auf dem neuesten Stand der (Natur-)Wissenschaft zu lesen - Leitbegriff ist schließlich «Earth». Die Erde ist einzig, und also ist «Erde» kein Begriff, sondern ein Name. Das Individuum ist in der Zeit, hat also Geschichte. Es weist zudem alle Anzeichen eines Lebewesens auf, welches sich in einer Krise, an einem Gabelpunkt seiner «Biografie», befindet. So betrachtet wird an diesem Gegenstand etwas Paradoxes offensichtlich: Er ist zwar der Inbegriff des Gegenstandes von Naturwissenschaften, aber die eine Erde kann, will man ihr gerecht werden, so wenig «Gegenstand» sein wie ein menschliches Individuum. Sie kann nur Partner eines erkennenden Subjektes sein, dann aber befindet es sich mit ihr in Wechselwirkung.

Zukunft ohne Vergleich
Diesen Herausforderungen stellt sich die Gruppe von Wissenschaftlern unter dem Titel «sustainability science». Die inhaltliche Botschaft lautet: Das Leben auf der Erde ist «at risk». Die der Systemanalyse verpflichteten Erdanalytiker betonen die vielen Nichtlinearitäten und rücken damit die offene Zukunft der Erde in den Blick. Sie, die von den Naturwissenschaften herkommen, können das nicht so ausdrücken, wie es zum Beispiel Theologen tun würden: Die Zukunft der Erde wird «totaliter aliter» sein als bisher vertraut. Die Autoren deuten das nur an, indem sie die Gegenwart betonen. Ihre explizite Diagnose lautet: Der Planet Erde ist unter der Erdherrschaft des Menschen, im «Anthropozän», in «einen präzedenzlosen Zustand, in eine Situation ohne Analogie in ihrer Entwicklung» geraten.

Etwas entfaltet heißt das: Das Leben und damit die Menschheit gehen mit der zweiten Jahrhunderthälfte auf einen «Engpass» zu. Dessen Ausgang wird darüber entscheiden, wie das Leben im 22. Jahrhundert aussehen wird. Die einzige Option, die dem Menschen heute geblieben ist, ist die, gleichsam «unter der Operation» zu lernen, wie der Patient sich verhält, um zu retten, was noch zu retten ist. Das Bild von Arzt und Patient ist nicht zufällig gewählt. Das Niveau des Bewusstseins der «Nachhaltigkeitswissenschaft» hält durch, wem es gelingt, die Illusion, die in der nur scheinbaren Eindeutigkeit der Begriffe von Akteur und Patient, von Produzent und Produkt angelegt ist, konsequent zu vermeiden. Der Mensch in seiner zukünftigen Geschichte wird unausweichlich in einer Doppelrolle auftreten. Das ist selbst-bewusste Wissenschaft in Aktion.

Lernen beim Steuern
Die Gattung Mensch unter eher geringen Opfern durch die «Enge» zu manövrieren, ist eine Aufgabe der Steuerung. Es verwundert daher nicht, dass Begriffe wie «Management» und «Governance» die Sprechweise der Autoren beherrschen. Der Erfolg beim Navigieren hängt aber bekanntlich nicht nur daran, das Steuer bedienen und die Mannschaft führen zu können. Genauso wichtig ist das Orientierungsvermögen. Die heutige Herausforderung der Erdwissenschaften ist dadurch charakterisiert, dass die Menschheit zwar schon «in See gestochen» ist, Seekarten aber nur skizzenartig existieren - sie müssen beim Navigieren teilweise erst noch gezeichnet oder vervollständigt werden. Das will die Erdsystemwissenschaft leisten, «um wirklich zu taugen, wenn jemand es riskieren will, sich beim Handeln darauf zu verlassen».

Tritt man ohne diese Vorbereitung an das Buch heran, so wird man es leicht für ein rein naturwissenschaftliches Fachbuch des International Geosphere-Biosphere Programme (IGBP) halten. Es handelt sich aber, dem Anschein zum Trotz, um ein «durchgeschriebenes» Buch. Dem außergewöhnlichen Anliegen angemessen haben elf Personen für das IGBP geschrieben, als ob sie ein Autor wären. Im IGBP kommen die beiden Wissenschaftszweige, die die Erde erforschen - die Geophysik für den leblosen und die Biowissenschaften für den lebenden Teil -, zusammen, um international koordiniert die Interferenzen zwischen den beiden Teilen zum Thema zu machen. Der Anspruch, für die Erde als ein einzigartiges «Lebewesen» zu schreiben, wird hier zu Recht erhoben.

Menschen als die schlechteren Bienen
Das Buch ist abschreckend teuer, weil es ein «Bilderbuch» ist. Die Erdwissenschaftler haben begriffen, dass sie untereinander und zur Außenwelt, sei es die wissenschaftliche oder die politische, in Bildern und Grafiken kommunizieren müssen. Es ist zugleich ein Buch, in dem man mit Jugendlichen zusammen auf Entdeckungsreisen gehen kann - es geht schließlich um die «gemeinsame» Zukunft der beiden Generationen in dem prägnanten Sinn, dass die ältere Generation sie macht und zu verantworten hat und die jüngere sie, mindestens, zu erleiden hat.

Man kann dies zum Beispiel an einem Foto festmachen, auf dem vor einem Hochgebirgshintergrund ein in Blüte stehender Baum zu erkennen ist, auf dem ein Mensch sich weit auf die Äste hinauswagt. Die Bildlegende lautet: «Im Gebiet von Maoxian, nahe der Grenze zwischen China und Nepal, bestäuben Menschen Apfelbäume von Hand, weil die Bienen, die diese Bäume bestäubt hatten, ausgerottet wurden. Es braucht 20 bis 25 Leute, um die Arbeit von zwei Bienenvölkern zu besorgen.» - Die quantitative Präzision in diesen Sätzen ehrt diese Wissenschaftskultur. Und zugleich offenbart sie in ihrer Unschuldigkeit erst das absurde Ausmaß an Ineffizienz, wenn der Mensch seine Lebensgrundlagen und die Dienste der Natur nun selber zu schaffen sich anschickt.

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