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29.07.2004

Neue Unternehmenskonzepte: ökologische Nachhaltigkeit und Verteilungsgerechtigkeit

LWB-Konsultation ruft Unternehmen zur Wahrnehmung ihrer sozialen und ethischen Verantwortung auf

Quelle: lutheranworld.org
Stuttgart/Genf, 29. Juli 2004 (LWI) – Es müsse überlegt werden, „wie sich das Konzept der Nächstenliebe in Organisationen und Firmen durch die Wahrnehmung ihrer sozialen und ethischen Verantwortung verwirklichen lässt“, betonte die Direktorin der Abteilung für Theologie und Studien (ATS) des Lutherischen Weltbundes (LWB), Pfarrerin Dr. Karen Bloomquist, während der LWB-Konsultation „Globalizing Vocation and Neighbor-Responsibility“ (Berufung und Verantwortung gegenüber unseren Nächsten globalisieren). Die Diskussion und Erarbeitung neuer Konzepte zur Umsetzung sozialer und ethischer Ziele in Firmen und Organisationen stand im Mittelpunkt der Tagung, die unter Leitung der ATS vom 17. bis 19. Juni in Stuttgart stattfand.

Angesichts der alltäglichen ethischen Herausforderungen, der sich MitarbeiterInnen von Unternehmen in Bezug auf die ökonomische Globalisierung ausgesetzt sehen, stelle sich die Frage, wie die Kirche Menschen motivieren und ermutigen könne, angesichts der Realitäten der ökonomischen Globalisierung Handlungsalternativen zu entwickeln, so Bloomquist.

Konsultation will praktische Vorschläge erarbeiten
Ziel der Konsultation ist laut ATS-Direktorin Bloomquist vor allem, Vorschläge und Ansätze zu entwickeln, „die hilfreich sein könnten für diejenigen, die in der Gemeinde und in der Wirtschaft aktiv sind“. Als Ergebnis der Konsultation biete sich nach den abstrakten Positionspapieren jüngster Konsultationen zum Thema der wirtschaftlichen Globalisierung eine einfach zugängliche, flugblattartige Veröffentlichung an, die Gemeinden durch Hervorhebung konkreter Schritte zur Problematisierung des Themas in ihren Reihen ermutigen soll.

Die Konsultation fand im Rahmen der fortlaufenden theologisch-ethischen Auseinandersetzung der Abteilung für Theologie und Studien mit der wirtschaftlichen Globalisierung statt und konzentrierte sich auf die Beziehungen zwischen den Bereichen Kirche und Wirtschaft. Während einer ATS-Tagung zum Thema „Kirchen nehmen die Regierungen in die Verantwortung“ im Januar dieses Jahres in Genf hatten die TeilnehmerInnen zu Transparenz und Ausübung des politischen Amtes zum Wohle der Bevölkerung aufgerufen.

Als wirtschaftsethische Grundlage schlug Dr. Susanne Edel, Gemeindepfarrerin aus Esslingen, ein Modell zur Beziehung zwischen dem Individuum und seinen Nächsten auf drei Ebenen vor: auf der Ebene der individuellen Ethik, der Organisations- bzw. Institutionsethik und der gesamtgesellschaftlichen, strukturellen Ethik. Die Herausforderung sei nun, wie „die drei Ebenen zusammenkommen können, um am besten den Bedürfnissen der Menschen zu dienen“, erklärte Edel. Nächstenliebe müsse auf allen drei Ebenen eingefordert und praktisch umgesetzt werden. Besonders auf der Ebene der Unternehmensethik und in der Zusammenarbeit zwischen Kirchen und kleinen sowie mittleren Unternehmen besteht laut Bloomquist Nachholbedarf für die Kirchen.

Werteorientierte Unternehmenskulturen
„Wir müssen Unternehmenskulturen so verändern, dass Firmen ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen dazu ermutigen, entsprechend bestimmter Werte zu handeln, sowie ökologische Nachhaltigkeit und Verteilungsgerechtigkeit fördern“, forderte Dr. Stewart W. Herman, Professor für Unternehmensethik am Concordia College in Minnesota (USA).

In diesem Zusammenhang könne das Modell eines sogenannten „Nachhaltigkeitsaudit“ (sustainability audit), das neben der üblichen Finanzbilanz auch die Bilanzierung der sozialen und ökologischen Zielsetzungen eines Unternehmens einschließe, einen wichtigen Beitrag leisten, so Peter Stoll, LWB-Schatzmeister und Vorstandsvorsitzender der diakonischen Trägergesellschaft Unternehmensgruppe Dienste für Menschen e. V. Weitere Kriterien seien eine ordentliche Unternehmensführung (corporate governance) sowie faire Geschäftsbeziehungen.

Weiterhin diskutierten die TeilnehmerInnen der Tagung Konzepte wie Investitionstätigkeit unter ethischen und sozialen Gesichtspunkten und die Vergabe von Mikrokrediten an kleine und mittlere Unternehmen. Als weiterer Ansatzpunkt wurde die Strategie der „kritischen AktionärInnen“ benannt, bei der Organisationen wie z. B. die Kirchen als Anteilseigner an Firmen die Unternehmenspolitik in Richtung sozialer, ökologischer und ethischer Verträglichkeit beeinflussen.

Hilfe bei Entwicklung innovativer Unternehmenskonzepte
Gerade die Kirchen müssten als Plattform für kleine werteorientierte Unternehmen dienen, forderte Carl-Gustav Bjertnes, Geschäftsführer von Orah, einer Schweizer Risikokapitalgesellschaft, die in kleinere und mittlere Betriebe in Südosteuropa investiert. Mit diesen Unternehmen müssten innovative, an ethischen und sozialen Kriterien orientierte Unternehmenskonzepte entwickelt und die Firmen bei deren Umsetzung unterstützt werden, so Bjertnes. Es sei jedoch sehr schwierig, wirtschaftliche Themen auf der Gemeindeebene zur Sprache zu bringen, genauso wie es erst einmal gelte, die Kirche als ernst zu nehmende Partnerin des Wirtschaftssektors in die Diskussion zu bringen.

Das Engagement der Kirchen im Bereich Anwaltschaft stoße im Bereich der Unternehmensethik jedoch auf Grenzen, betonte Gunstein Instefjord, Direktor der Abteilung für Politik und Menschenrechte des norwegischen christlichen Hilfswerks Norwegian Church Aid (NCA). Der Start einer NCA-Kampagne gegen den Textilkonzern Tommy Hilfiger, der laut Instefjord in Thailand unter menschenunwürdigsten Bedingungen produzierte, habe anstatt zu einer Umgestaltung anhand von ethischen und sozialen Kriterien nur zur Schließung des Werkes und zur Abwanderung des Konzerns aus der Region geführt.

Nicht nur dieses Beispiel zeige, dass es fragwürdig ist, ob eine Veränderung auf der Ebene der einzelnen Unternehmen wirklich ohne die gleichzeitige Veränderung der strukturellen Rahmenbedingungen umgesetzt werden könne, erklärte Pfarrerin Sandra Bach aus München. Die Unternehmen seien gezwungen, unter bestimmten strukturellen Bedingungen zu handeln, so Bach. Zur Einforderung von Unternehmensverantwortung auf struktureller Ebene bietet laut Dr. Cynthia Moe-Lobeda die Besteuerung von sozialen und ökologischen Kosten durch den Staat ein probates Mittel. „Es wäre als Unternehmen in meinem eigenen Interesse, mich am Prinzip der Nachhaltigkeit zu orientieren, wenn ich für die Verschmutzung der Umwelt Steuern zahlen müsste“, erläuterte die Professorin für Theologie und Religionswissenschaften der Universität Seattle (USA) den Ansatz.

Die Ergebnisse dieser Tagung wie auch der Positionspapiere vorheriger Konsultationen zum Thema der wirtschaftlichen Globalisierung sollen Ende dieses Jahres in der Reihe LWB-Dokumentation unter dem Titel „Communion, Responsibility, Accountability“ (Communio, Verantwortung und Rechenschaft) veröffentlicht werden.

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