Service

29.11.2005

Es wird heiß in Europa. Klimaveränderung wird zur größten umweltpolitischen Herausforderung

Politische Entscheidungsträger, Unternehmen und jeder Einzelne müssen jetzt gegen eine Reihe von Umweltproblemen Maßnahmen ergreifen oder später einen hohen Preis zahlen

Quelle: Europäische Umweltangentur
Die vier heißesten Jahre seit Beginn der Wetteraufzeichnungen waren 1998, 2002, 2003 und 2004. Allein im Sommer 2003 verschwanden zehn Prozent der alpinen Gletscher. Beim gegenwärtigen Tempo werden drei Viertel der Schweizer Gletscher bis 2050 geschmolzen sein. Seit 5.000 Jahren hat Europa nicht mehr derartige Klimaveränderungen erlebt, so ein aktueller Bericht der in Kopenhagen ansässigen Europäischen Umweltagentur (EUA).

'The European environment - State and outlook 2005' (Die Umwelt Europas: Zustand und Perspektiven 2005), eine über fünf Jahre angelegte Bestandsaufnahme in 31 Ländern, bietet einen Überblick über Europas Umwelt und weist auf Herausforderungen hin, von denen die Klimaveränderung nur eine unter vielen ist. Weitere problematische Bereiche sind die biologische Vielfalt, die Meeres ökosysteme, Flächer- und Wasserressourcen, Luftverschmutzung und Gesundheit. Zum ersten Mal enthält der Bericht eine nach Ländern aufgeschlüsselte Analyse der Situation mit Leistungsindikatoren und Vergleichen aller Teilnehmer: die EU-25 plus Bulgarien, Island, Liechtenstein, Norwegen, Rumänien, Türkei und Schweiz.

Aus dem Bericht geht hervor, dass die Durchschnittstemperatur in Europa während des 20. Jahrhunderts um 0,95 Grad Celsius gestiegen ist. Dies liegt um 35 % über der durchschnittlichen weltweiten Zunahme von 0,7 Grad, und die Temperaturen werden weiter steigen. Die EU hat dies erkannt und sich das Ziel gesetzt, dass die weltweiten Temperaturen nicht mehr als 2 Grad über den vorindustriellen Stand steigen sollten.

'Ohne effektive Maßnahmen über Jahrzehnte wird die globale Erwärmung zum Abschmelzen des Eises im Norden und zur Ausbreitung von Wüsten von Süden aus führen. Die Bevölkerung des Kontinents könnte sich zwangsläufig in der Mitte konzentrieren. Selbst wenn wir die globale Erwärmung auf das EU-Ziel von 2 °C begrenzen, werden wir unter atmosphärischen Bedingungen leben, die Menschen noch nie erlebt haben. Stärkere Emissionsreduzierungen sind vonnöten,' meint die Exekutivdirektorin der EUA, Jacqueline McGlade.

Die bisherige EU-Umweltgesetzgebung hat ihren Zweck erfüllt, so der Bericht. Wir haben unser Wasser und unsere Luft gereinigt, die Verwendung einiger der Stoffe, die die Ozonschicht zerstören, beendet und das Recycling verdoppelt. Wir haben auch Autos, die die Umwelt weniger belasten; ohne die dramatischen Verbesserungen durch Katalysatoren während der letzten zwanzig Jahre hätten wir das Zehnfache der jetzigen Emissionen. Dennoch hat es zehn bis zwanzig Jahre gebraucht, bis diese Maßnahmen gegriffen haben, so der Bericht weiter.

Diese umweltpolitischen Erfolgsgeschichten werden nun durch individuelle Konsummuster zunichte gemacht. Die Europäer leben länger und immer mehr von uns leben allein, was zu einem immer größeren Flächenbedarf führt. Zwischen 1990 und 2000 waren mehr als 800.000 Hektar Fläche in Europa bebaut. Dies entspricht einer Fläche, die dreimal größer ist als Luxemburg. Hält dieser Trend an, wird sich die Verstädterung in etwas mehr als einem Jahrhundert verdoppeln. Wenn wir unsere natürlichen Ressourcen schützen wollen, müssen wir die Zersiedelung unbedingt in den Griff bekommen, fährt der Bericht fort.

Wir legen öfter größere Strecken zurück und verbrauchen doppelt so viel natürliche Ressourcen wie der Durchschnitt der Weltbevölkerung. Der Verkehr ist der am schnellsten wachsende Bereich, der zur Zunahme der Treibhausgasemissionen beiträgt; dies wird sich auch auf absehbare Zeit nicht ändern. Beispielsweise geht man davon aus, dass sich der Luftverkehr bis zum Jahre 2030 verdoppeln wird. So hinterlassen wir außerhalb Europas deutliche Spuren, indem wir die natürlichen Ressourcen erschöpfen und die Umwelt weltweit schädigen.

Eurobarometer-Umfragen zufolge wollen über 70 Prozent der Europäer, dass Entscheidungsträger der Umwelt-, Wirtschafts- und Sozialpolitik ein gleich starkes Gewicht einräumen. Um diese Meinungen zu berücksichtigen, müssen politische Entscheidungsträger auf europäischer, nationaler und lokaler Ebene zusammenarbeiten, hebt der Bericht hervor. Sie müssen in Bereichen wie Verkehr, Landwirtschaft und Energie umweltpolitische Überlegungen mit einbeziehen und einen Rahmen schaffen, innerhalb dessen jeder Einzelne und Unternehmen aktiv werden können.

'Politische Entscheidungsträger müssen weitsichtig handeln. Wir müssen schrittweise von der Besteuerung der Arbeit und Investitionen hin zu einer Besteuerung von Umweltverschmutzung und ineffizienter Nutzung von Materialien und Fläche kommen. Ebenso brauchen wir Reformen hinsichtlich der Art und Weise, wie Verkehr, Wohnraum, Energie und Landwirtschaft subventioniert werden. Was wir brauchen sind Subventionen, die nachhaltige Praktiken und effiziente Technologien fördern,' meint Professorin McGlade.

'Sobald die erforderlichen Anreize mit eingeflossen sind, werden derartige Reformen zu mehr Investitionen, Innovation und Wettbewerbsfähigkeit führen. In bestimmten Ländern und Bereichen konnten wir dies bereits in der Praxis sehen. In den vergangenen Jahrzehnten haben eine starke Besteuerung von Benzin in Europa und strenge Normen dazu geführt, dass hier Autos auf den Markt kamen, die fast doppelt so kraftstoffsparend sind wie die auf Amerikas Straßen. Wir haben erfahren, welche Folgen Untätigkeit für menschliches Leben und die Umwelt hat, beispielsweise beim Verschwinden von Fischbeständen, bei der Verwendung von Asbest in Gebäuden, beim sauren Regen und bei verbleitem Benzin. Es lohnt sich, jetzt aktiv zu werden, um die Zukunft zu sichern', meint Professorin McGlade.

Weitere Informationen:
http://reports.eea.eu.int/state_of_environment_report_2005_1/

Newsletter


Registrieren Sie sich für unseren aktuellen FONA-Newsletter!
Newsletter abonnieren
(URL: https://www.fona.de/de/newsletter.php)