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27.09.2006

Verwundbarkeit ist der Schlüssel: RUB-Tagung zum Risikofaktor Wasser

Die Zahl der Menschen, die von Überschwemmungen bedroht sind, wird bis 2050 auf weltweit zwei Milliarden steigen. Ursache ist nicht nur der Klimawandel, sondern auch die Verwundbarkeit der Menschen. Was man regional, national und global dagegen tun kann, erörtern Experten auf der internationalen Tagung "Integrated Water Resources Management" vom 26. bis 28. September in Bochum. Gefragt sind vor allem ein Gesinnungswandel - von der (Wieder-)Aufbauhilfe zur Vorbeugung - sowie deutlichere gesetzliche Regelungen zum Hochwasserschutz. Die Tagung zeigt aber auch Beispiele für ein effizientes Wassermanagement auf regionaler Ebene. Veranstalter des Kongresses ist der Lehrstuhl für Hydrologie, Wasserwirtschaft und Umwelttechnik der RUB (Prof. Dr. Andreas Schumann).

Quelle: idw
Die Zahl der Menschen, die von Überschwemmungen bedroht sind, wird bis 2050 auf weltweit zwei Milliarden steigen. Ursache ist nicht nur der Klimawandel, sondern auch die Verwundbarkeit der Menschen. "Der Grund dafür liegt an der sich verändernden Schnittstelle zwischen hydro-meteorologischen Naturgefahren und unserer Gesellschaft", sagt Prof. Dr. Janos Bogardi von der United Nations University in Bonn (UNU, Institute for Environment and Human Security). Was der Mensch regional, national und global dagegen tun kann, erörtern Experten auf der internationalen Tagung "Integrated Water Resources Management" vom 26. bis 28. September in Bochum. Veranstalter ist der Lehrstuhl für Hydrologie, Wasserwirtschaft und Umwelttechnik der RUB (Prof. Dr. Andreas Schumann).

Verletzbarkeit wächst an

Die Schnittstelle zwischen Mensch und Natur verändert sich zum einen durch den Klimawandel, durch Entwaldung und den Anstieg der Meeresspiegel, zum anderen aber auch durch zunehmende Bevölkerungsdichten in gefährdeten Regionen. Bereits heute leben ca. eine Milliarde Menschen - ein Sechstel der Weltbevölkerung und zumeist die Ärmsten der Armen - in hochwassergefährdeten Gebieten. Ohne vorbeugende Maßnahmen wird sich diese Zahl in den nächsten zwei Generationen verdoppeln, schätzt Prof. Bogardi. "Die Anzahl der Naturkatastrophen ist in den letzten 50 Jahren um einen Faktor 4 angestiegen", so Bogradi, "während die ökonomischen Schäden der Naturgefahren im selben Zeitraum um einen Faktor 14 drastisch zugenommen haben. Dies ist ein deutliches Anzeichen dafür, dass unsere Exponiertheit und Verletzbarkeit unverhältnismäßig schnell anwachsen."

Gesinnungswandel tut Not

"Was wir brauchen, ist ein internationaler Gesinnungswandel - von Aufbauhilfe zu Katastrophenvorbeugung", sagt Prof. Bogardi. Trotz häufiger auftretender Extremereignisse (z. B. Hurrikan Katrina in den USA, Hurrikan Mitch in Honduras, der Tsunami im Indischen Ozean) werde nur ungern und zögerlich in die Vorbeugung investiert. "Mit der finanziellen Hilfe nach einer Katastrophe ist man weitaus freigiebiger", so der Experte. Zwar variieren die Schätzungen, wie effizient die Katastrophenvorsorge tatsächlich ist, "doch die Weltbank gibt zum Beispiel an, dass jeder US Dollar, der rechtzeitig in Katastrophenvorbeugung investiert wird, zwischen 4 und 15 US Dollar in der Soforthilfe und beim Wiederaufbau erspart", erläutert Prof. Bogardi.

Hochwasserrisiko im Gesetz

Die meisten Naturkatastrophen sind jedoch nicht von weltweitem Interesse wie etwa der Tsunami an Weihnachten 2004. Beispiel Europa: "Hier ereigneten sich zwischen 1998 und 2004 über 100 große Hochwasser, darunter Katastrophen an Donau, Oder und Elbe. 700 Menschen starben, 500.000 mussten in Sicherheit gebracht werden, die Schäden betrugen 25 Milliarden Euro", resümiert Prof. Dr. Andreas Schumann. "Das Hochwasserrisiko ist nunmehr in den Instanzen der Gesetzgebung angekommen." Etwa durch ein neues Artikelgesetz vom 3. Mai 2005, das die Vorschriften des deutschen Wasserhaushaltesgesetzes ergänzt. Demnach sollen Überschwemmungsgebiete bzw. gefährdete Gebiete kartiert werden. "Die Umsetzung kann jedoch nur auf der Grundlage von Landesgesetzen erfolgen", so Prof. Schumann, und genau hier sieht der Bochumer Experte ein Problem: "Damit besteht die Gefahr, dass sich an den Landesgrenzen zwar nicht das Hochwasserrisiko, zumindest aber dessen Bewertung sprunghaft ändert." Unklare Vorgaben enthalte zudem die geplante Hochwasserdirektive der EU, die demnächst dem EU-Parlament zur Beschlussfassung vorliegen soll. Ziel ist, bis Ende 2012 das Hochwasserrisiko in Europa zu ermitteln: Hier werde zwar vorgegeben, ein "extremes" Hochwasser in der Planung mit zu berücksichtigen, "wie extrem dieses extreme Hochwasser ausfallen soll, wird nicht geregelt", kritisiert Prof. Schumann.

Effektives Wasser- und Gefahrenmanagement

Beispiele für ein effektives Wasser- und Gefahrenmanagement gibt es indes auf regionaler Ebene, so etwa an der Ruhr mit ihren Talsperren. Deren Bedeutung für den Hochwasserschutz zeigte sich beim jüngsten Starkregenereignis am 17. September im Sauerland. In nur neunzig Minuten fielen an der Hennetalsperre 65 Liter Regen pro Quadratmeter. "Ein solches Ereignis tritt seltener auf als ein Mal in hundert Jahren", sagt Prof. Dr. Harro Bode, Vorstandsvorsitzender des Ruhrverbandes, der für die umfassende Wasserwirtschaft im 4.500 Quadratkilometer großen Flussgebiet der Ruhr verantwortlich ist. Der Zufluss zur Talsperre stieg innerhalb weniger Stunden von unter 300 auf 23.500 Liter pro Sekunde, die Abgabe der Talsperre wurde auf 1.000 Liter pro Sekunde begrenzt. "Ohne die Hennetalsperre hätte die Innenstadt von Meschede zusätzlich bis zu 20.000 Liter Wasser pro Sekunde verkraften müssen", so Prof. Bode.

Gewässerschutz nicht erst "End of Pipe"

Auch beim aktuellen "PFT-Skandal" in der Möhne spielen die Talsperren und der integrierte Ansatz im Wassermanagement die entscheidende Rolle, um die PFT-Konzentration in der Ruhr unterhalb der Vorgaben des Umweltbundesamtes zu halten: "Durch geschicktes Steuern der Talsperren wird das belastete Wasser der Möhne und unbelastetem Wasser der Sorpe- und Hennetalsperre verdünnt", erklärt Prof. Bode. Dennoch fordert der Experte: "Um die lebenswichtige Ressource Wasser auch zukünftig nachhaltig schützen zu können, darf Gewässer- und Gesundheitsschutz nicht immer erst 'End of Pipe', also auf der Kläranlage oder im Wasserwerk beginnen. Wir müssen uns verstärkt dafür einsetzen, dass wasser- und gesundheitsgefährdende Stoffe erst gar nicht in das Abwasser oder über diffuse Quellen in die Gewässer gelangen."

Wasserinitiativen an einem Tisch

Drei Tage lang beschäftigen sich über 300 Experten aus aller Welt auf der Tagung in Bochum mit solchen Ansätzen für ein nachhaltiges Management der Ressource Wasser. Die Tagung ist das größte internationale Forum der hydrologischen Wissenschaften in diesem Jahr. Zugleich setzen sich hier die Repräsentanten verschiedener internationaler Wasserinitiativen erstmals an einen Tisch, um gemeinsam Strategien und Lösungsansätze zu entwickeln.

Weitere Informationen:

Prof. Dr. Andreas Schumann, Lehrstuhl für Hydrologie, Wasserwirtschaft und Umwelttechnik, Fakultät für Bauingenieurwesen der RUB, Tel. 0234/32-24693, E-Mail: andreas.schumann@rub.de  
 
http://www.pm.ruhr-uni-bochum.de/pm2006/msg00323.htm - Statements der PK vom 26.9. in Bochum

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