"Erst die Wirtschaft entwickeln, die Umwelt kommt später". Diese unter lokalen Funktionären in China verbreitete Denke ist ein Grund für die mangelhafte Umsetzung von Umweltgesetzen und -Richtlinien, die es im bevölkerungsreichsten Land der Erde durchaus gibt, haben Ostasienwissenschaftler Thomas Heberer und Politikwissenschaftler Dieter Grunow festgestellt. Die beiden Professoren von der Universität Duisburg-Essen sind gerade zurück von einer fünfwöchigen Forschungsreise in Dörfer und Provinzen in Nordwest-, Nordost- und Südostchina, wo sie Gespräche mit zuständigen Ämtern führten, Firmen aus verschiedenen Branchen und neue Umweltschutzprojekte in Augenschein nahmen.
Quelle: (idw) Universität Duisburg-Essen
Die Reise, der weitere folgen werden, ist Teil eines bis
2009 laufenden Projekts zur Verwaltungsreform in China am Beispiel der
Umweltpolitik. Die Haniel-Stiftung fördert das Projekt finanziell, und auch die
chinesische Führung, die großes Interesse an den Ergebnissen hat, ist über eines
ihrer Beratungsinstitute eingebunden.
"In der chinesischen Geschichte
kündigte sich der Untergang von Dynastien oftmals durch Naturkatastrophen an -
der Kaiser, so die Interpretation, hatte das Mandat des Himmels verloren. Vor
dem Hintergrund dieser Tradition könnten auch heutige Umwelt- und
Naturkatastrophen zu einer Bedrohung für die Regierung werden", erklärt Heberer.
"Dieser Gefahr ist sich die chinesische Führung durchaus bewusst, und man kann
ihr auch nicht absprechen, dass sie nicht versucht, die Umweltprobleme
anzugehen. Es gibt eine Vielzahl von Gesetzesinitiativen und Aufrufen, die auch
dazu geführt haben, dass unter großen Teilen der Bevölkerung und unter den
Behörden das Umweltbewusstsein deutlich gewachsen ist."
Doch diese
Entwicklung bietet allenfalls Grund für vorsichtigen Optimismus. Denn im
boomenden China genießt die Steigerung der Wirtschaftsdaten nach wie vor
Priorität vor Umweltfragen. "Lokale Behörden setzen die Gesetze und Vorgaben der
Zentralregierung nicht oder nur eingeschränkt um, weil sie glauben, diese
beeinträchtigten die ökonomische Entwicklung und damit ihr eigenes Fortkommen",
so Grunow.
Der Umbau der Verwaltung tut sein Übriges: Die
Zentralregierung hat zur Stimulierung wirtschaftlicher Entwicklung Kompetenzen
an nachgeordnete politische Ebenen abgegeben, was deren Entscheidungsmacht
gestärkt hat. "Wenn auf lokaler Ebene Wirtschaftsziele nicht erreicht werden
oder es aus welchen Gründen auch immer nicht gelingt, die soziale und politische
Stabilität zu bewahren, werden lokale Funktionäre abgestraft", erklärt Heberer.
"Ganz anders beim Umweltschutz. Weil er keine Priorität genießt, fließt er in
die Bewertung der Arbeit der lokalen Funktionäre nicht ein. Die Funktionäre
wissen, dass sie im Falle von Umweltschäden wenig zu befürchten haben, solange
keine größere Unruhe unter der Bevölkerung entsteht."
Was außerdem
typisch ist: Allerorts gibt es mächtige Koalitionen lokaler Funktionäre mit
Unternehmern, die direkt oder indirekt an einem die Umwelt verschmutzenden
Betrieb partizipieren. Diese widersetzen sich bestehenden Umweltschutzgesetzen
mit den auch im Westen bekannten Argumenten: Die Schließung solcher Betriebe
könne zu Verlust von Arbeitsplätzen und sozialer Sicherung führen,
Steuereinnahmen könnten ausbleiben und Unternehmer verlören Gewinne (und damit
natürlich Funktionäre ihre Pfründe und Zusatzeinnahmen).
Um
Umweltverstöße ausreichend sanktionieren zu können mangelt es in China an
effizienten Mitteln wie z.B. dem Rechtsweg oder einer Kontrolle durch die
Medien. "Die chinesische Umweltbehörde ist bislang schwach und wenig
durchsetzungsfähig", sagt Heberer. "Ein Unternehmer formulierte es uns gegenüber
so: 'Die Umweltbehörde nützt der Betriebsentwicklung am meisten, wenn sie sich
nicht um die Unternehmen kümmert' ". Zudem seien die Umweltämter personell und
finanziell schlecht ausgestattet: "In einem Stadtbezirk einer südchinesischen
Millionenstadt waren acht Mitarbeiter für die Kontrolle von über 3.000 Betrieben
zuständig - ein unmögliches Unterfangen."
Grunow und Heberer fanden
überdies heraus, dass Betriebe in Zusammenarbeit mit lokalen Behörden häufig
versuchen, Umweltauflagen zu umgehen, indem sie etwa Daten über Emissionen oder
Abwasser fälschen. "Kein Wunder, dass viele Menschen den Berichten der
Stadtverwaltungen zur Wasser- oder Luftqualität nicht glauben", so Grunow. "Laut
chinesischer Umfragen fehlt knapp 84% der Bevölkerung das Vertrauen in diese
Berichte."