Interdisziplinäres Forschungsprojekt untersucht, welche unterschiedlichen Strategien einzelne Großstädte in Europa einschlagen, um ihre Entwicklung nachhaltig zu gestalten / Strukturelle Bedingungen auf städtischer Ebene spielen eine ebenso große Rolle wie eine Förderung durch übergeordnete politische Maßnahmen / Beispielhafte Untersuchungen in Hamburg, Leipzig und Wien / Beteiligung von lokalen Fachleuten am Projekt gewährleistet Integration von Wissen und Erfahrung aus der Praxis / Ergebnisse des Projektes sind nun als Buchpublikation erhältlich.
Quelle: (idw) Koordinationsstelle Wissenschaft und Gesellschaft - Projektträger im DLR e.V., Umwelt, Kultur, Nachhaltigkeit
Die Großstädte in Europa entwickeln sehr unterschiedliche
Strategien und Konzepte, um den Herausforderungen der Zukunft gerecht zu werden.
Dabei wird zunehmend auch dem Prinzip der Nachhaltigkeit Rechnung getragen. Die
Ergebnisse des Forschungsprojektes "Nachhaltige Entwicklung zwischen Durchsatz
und Symbolik" (NEDS) zeigen, dass die jeweiligen lokalen
Nachhaltigkeitsstrategien zum einen von den spezifischen Bedingungen abhängen,
auf die man sich vor Ort stützen kann, sich zum anderen aber auch stark nach den
Angeboten übergeordneter Politikebenen richten; dabei spielt ganz offenbar
insbesondere die Struktur-Förderung durch die Europäische Union eine
entscheidende Rolle. "Überspitzt gesagt: Nachhaltigkeit heißt in den Metropolen
oft das, was am meisten Geld bringt", fasst die Projektkoordinatorin Dr. Sybille
Bauriedl die Ergebnisse zusammen. "Nachhaltigkeit ist demzufolge oft ein
Zusatzprojekt, das die Kommunen auf ihre Entwicklungspolitik draufsatteln -
sofern es dafür Fördermittel gibt." Das Projekt, das die wissenschaftliche
und politische Nachhaltigkeitsdebatte in Europa aus unterschiedlichen
Perspektiven untersucht hat, wurde vom Bundesministerium für Bildung und
Forschung (BMBF) im Rahmen des Forschungsschwerpunktes "Sozial-ökologische
Forschung" gefördert. Die Sozial-ökologische Forschung verfolgt das Ziel,
gemeinsam mit gesellschaftlichen Akteuren Lösungen für Nachhaltigkeitsfragen zu
erarbeiten und die Ergebnisse stärker in die Umsetzungspraxis zu
integrieren. Für seine Untersuchungen hat das Projekt drei beispielhafte
Städte ausgewählt: Hamburg als Region mit einem anhaltenden Wachstum, Leipzig
als Stadt in einer vom Bevölkerungsschwund gekennzeichneten Region, sowie Wien
als ökonomisch konsolidierte Kommune mit einem starken politisch-administrativen
System. Die Raumordnungspolitik der EU ist in den letzten Jahren verstärkt
darauf ausgerichtet, die Metropolregionen zu stärken und sie zu "Motoren der
Entwicklung" zu machen. Dort sollen innovative Prozesse entwickelt werden, die
Europa zukunftsfähig machen. Dementsprechend spielen hier
Nachhaltigkeitskonzepte eine große Rolle. So geht der Trend verstärkt zu einer
"Stadt der kurzen Wege", in der Arbeiten, Wohnen und Freizeit auf kompaktem Raum
möglich gemacht werden. Dies wiederum grenzt den enormen Flächenverbrauch durch
Zersiedelung im Umland ein, der inzwischen als eines der größten Probleme für
die nachhaltige Stadt der Zukunft angesehen wird. Vier Trends, mit denen
Zukunftsunsicherheit zwangsläufig verbunden ist, wirken sich auf die Entwicklung
aller großen europäischen Städte aus: Zum einen findet ein Wandel von der
Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft statt; zum zweiten macht sich der
demografische Wandel mit einer Überalterung und einem räumlich völlig
unterschiedlichen Rückgang der Bevölkerung bemerkbar. Zum dritten sind auch die
Metropolen von der ökonomischen Globalisierung und dem Trend zu übernationalen
politischen Entscheidungen betroffen. Schließlich ist in der Bevölkerung ein
Wertewandel hin zu einer Pluralisierung der Lebensstile festzustellen. Das
Forschungsprojekt hat mit seinen Untersuchungen gezeigt, dass die Städte ganz
unterschiedlich auf diese Zukunftsunsicherheit reagieren. "Als Tendenz ist dabei
unter anderem zu erkennen, dass nach wie vor eher Wachstums- und
Effizienzstrategien im Vordergrund stehen als ressourcenschonende Suffizienz-,
das heißt Verzichtsstrategien". Es sei aber auch deutlich geworden, dass man die
unterschiedliche Ausgangslage auch jeweils als positive Chance begreifen könne.
So könne der Bevölkerungsrückgang in einer Region und eine Abwanderung vom Land
in die Metropolen auch zu eine Art "nachhaltiger Aufgabenteilung" führen:
Ländliche Regionen sind dann eher für die ökologische Dimension von
Nachhaltigkeit, die Städte eher für die ökonomische und soziale Dimension
zuständig. "Die Untersuchung zeigt auch, dass es keine vorgezeichneten Wege
zur nachhaltigen Stadt gibt", betont Sybille Bauriedl. "Was in der einen Kommune
erfolgreich war, muss in einer anderen nicht gleichermaßen wirksam sein", so die
Geografin. Dies bedeute jedoch keinesfalls, dass Nachhaltigkeit beliebig sei:
"Jede Kommune muss sich klar darüber sein, welche Nachhaltigkeitsstrategie sie
einschlägt, und dies auch öffentlich transparent machen."
Weitere Informationen:
Angaben zur
Publikation: "Stadtzukünfte denken - Nachhaltigkeit in europäischen
Stadtregionen"; hrsg. von Sybille Bauriedl, Delia Schindler, Matthias Winkler;
oekom Verlag München 2008, ISBN 978-3-86581-110-3
Dr. Sybille Bauriedl, Ludwig-Maximilians-Universität
München Lehrstuhl für Sozialwissenschaftliche Geographie Luisenstraße 37,
80333 München Email:
sybille.bauriedl@geographie.uni-muenchen.de Tel.: +49 (0) 89 / 289 -
22666 oder Sekretariat Durchwahl: - 22812