Koreas Hauptstadt Seoul ist eine typische Megastadt: pulsierend, groß, laut und voller Abgase. Für Städte wie diese entwickeln Fraunhofer-Forscher neue Baukonzepte und IT-Lösungen, die Energie sparen, die Umweltbelastung reduzieren und das Leben in der Stadt angenehmer machen. Für die Koordination der Projekte wird jetzt in Seoul ein Fraunhofer Representative Office eröffnet
Quelle: (idw) Fraunhofer-Gesellschaft
Häuser so weit das Auge reicht. Seoul gehört zu den
Megastädten der Welt. In den vergangenen Jahrzehnten ist die Hauptstadt
Südkoreas exponentiell gewachsen: Innerhalb von fünfzig Jahren hat sich die
Einwohnerzahl vervierfacht. Heute leben 10 Millionen Menschen innerhalb der
Stadtgrenzen. Rechnet man das Umland, die Metropolregion, noch dazu, sind es
mehr als 20 Millionen. Mit dem Bevölkerungswachstum stieg auch die
Umweltbelastung - Verkehrslärm und Luftverschmutzung nahmen dramatisch
zu.
Bürgermeister Oh Se-hoon will dieser Entwicklung nicht länger
tatenlos zusehen. Wenn es nach seinem Willen geht, wird Seoul schon bald eine
grüne Stadt mit sauberer Luft - ein Vorbild für andere Megastädte, die mit
ähnlichen Problemen zu kämpfen haben. Die Stadt investiert in innovative
Technologien und Bauprojekte. Unterstützt wird sie dabei auch von Fraunhofer,
Europas größter Einrichtung für Forschung und Entwicklung. Am 3. September wird
in Seoul ein Fraunhofer Representative Office eröffnet, das Projekte zwischen
den Fraunhofer-Instituten und koreanischen Partnern koordiniert. Einer der
Schwerpunkte wird dabei die Entwicklung von Technologiekonzepten sein, die das
Leben in den Megacitys der Zukunft umweltfreundlicher, angenehmer und einfacher
machen.
Trend 1: Nutzung regenerativer Energien Forscher am
Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE in Freiburg entwickeln jetzt
im Auftrag der Stadt Seoul ein energieeffizientes Demonstrationsgebäude. Es soll
nach allen Regeln der modernen Energiespartechnik konstruiert und mit
regenerativen Energiequellen geheizt beziehungsweise gekühlt werden.
"Das
Gebäude wird der Bevölkerung das Potenzial für den Einsatz erneuerbarer Energie
vor Augen führen. Geplant sind Seminar-, Forschungs- und Wohnräume, die
aufzeigen, welche technischen Möglichkeiten es gibt, Energie regenerativ zu
gewinnen, aber auch einzusparen", erklärt Prof. Volker Wittwer,
stellvertretender Leiter des ISE. "Wir wollen demonstrieren, dass das
Null-Energie-Haus über das Jahr gerechnet möglich und dass es komfortabel ist:
Wir werden es ausstatten mit modernster Gebäudetechnik und in die landesüblichen
Energieversorgungsnetze einbinden." Schon im kommenden Jahr - pünktlich zur
Jahrestagung des Arbeitskreises Megacitys in Seoul - soll mit dem Bau begonnen
werden. "Unser Ziel ist ein Gebäude mit Vorbildcharakter: ein Anreiz für die
Industrie, in Niedrigenergietechnik zu investieren", ergänzt der
Forscher.
Sein Team liefert im Projekt "Null-Energie-Haus" das Know-how
für die Nutzung alternativer Energiequellen - beispielsweise Sonnenlicht,
Erdwärme oder Wind.
Trend 2: Energieeffizienz und Behaglichkeit Auch
in schon bestehenden Gebäuden lässt sich die Wohnqualität verbessern. Im
Frühjahr 2008 unterzeichneten Wissenschaftler vom Fraunhofer-Institut für
Bauphysik IBP in Holzkirchen einen Kooperationsvertrag mit Samsung Engineering
& Construction, einem der größten Bauunternehmen Koreas. "Wir wollen die
Behaglichkeit und die Energieeffizienz von Wohnhäusern steigern" berichtet Dr.
Andreas Holm.
Mehr als die Hälfte aller Koreaner lebt heute in hohen
Wohnblocks, die in den vergangenen Jahrzehnten errichtet wurden. Diese Häuser
sind - verglichen mit deutschen Standards - schlecht gedämmt. Die Bewohner
benötigen viel Energie zum Heizen beziehungsweise Kühlen der Wohnräume. Weitere
Probleme sind sommerliche Überhitzung und Schimmelpilzbefall.
Die
Ursachen werden jetzt systematisch untersucht. Die Holzkirchner Forscher werden
bis Ende diesen Jahres 24 Wohnungen in Seoul mit Sensoren bestücken, die rund um
die Uhr Temperatur und Luftfeuchte ermitteln. Mit Hilfe dieser Messwerte können
die Experten das Raumklima simulieren und Empfehlungen geben, wie sich
Energieeffizienz und Behaglichkeit steigern lassen. "Das Ziel ist es, den
Energieverlust durch besser gedämmte Fenster und Fassaden weiter zu reduzieren
und gleichzeitig ein für die Bewohner angenehmes Raumklima zu schaffen, ohne die
Kosten dafür unnötig nach oben zutreiben. Wir haben den Massenmarkt im Auge",
resümiert Institutsleiter Prof. Klaus Sedlbauer.
Trend 3: Akustik Ein
brisantes Forschungsthema in Seoul ist der Schallschutz. Der Straßenverkehr in
der Hauptstadt erzeugt eine ständige Geräuschkulisse, die Hochhäuser sind zudem
hellhörig. Neue Gesetze sollen jetzt den Bürgern mehr Ruhe bescheren: So gilt
seit 2006 eine neue Verordnung beim Trittschallschutz - diese geht übrigens weit
über die in Deutschland geltenden Auflagen hinaus. Die Akustiker vom
Fraunhofer-Institut für Bauphysik IBP in Stuttgart arbeiten jetzt zusammen mit
koreanischen Ingenieuren an innovativen, dämmenden Baumaterialien. "Wir haben
ein neuartiges Dämmsystem auf der Basis eines Verbundmaterials entwickelt, das
den koreanischen Forderungen entspricht und zugleich Perspektiven für einen
hochwertigen Schallschutz in Deutschland eröffnet", berichtet Dr. Philip
Leistner, Leiter der Abteilung Akustik. "Die Interessen koreanischer
Großunternehmen wie etwa LG Chemicals und Samsung gehen im Gebäudebereich aber
noch deutlich weiter. Sie zielen auf ganzheitlich und nachhaltig gestaltete
Lebens- und Arbeitsräume in Gebäuden. Das ist auch für Fraunhofer ein
Zukunftsthema. Und es betrifft nicht nur Korea und Deutschland, sondern gilt
weltweit."
Trend 4: Bürgernahe Verwaltung Auch im Bürger-Service will
die Stadt Seoul künftig modernste Technologien einsetzen. Diese sollen den
Umgang mit Behörden bequemer, einfacher und unkomplizierter machen: "Die
National Information Agency NIA entwickelt spezielle IT-Services für die
Regierung. Diese sollen nicht nur Informationen bereitstellen und
Antragsverfahren online abbilden, sondern den Bürger auch direkt einbinden und
Anfragen sowie Meldungen entgegennehmen", erklärt Nils Barnickel vom
Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikationssysteme FOKUS. Zusammen mit
koreanischen IT-Experten der Stadt Seoul plant er derzeit ein Forschungsprojekt
im Bereich der telefonbasierten eGovernment-Services.
In einem Memorandum
of Understanding haben sich beide Seiten darauf verständigt, ein Serviceangebot
für die Megastadt zu entwickeln, das der geplanten europäischen Servicehotline
ähnlich sein soll: In Europa können künftig alle Bürger über die Telefonnummer
115 umfassende Informationen und Hilfestellung im Umgang mit Behörden abrufen
bis hin zur vollständigen Abwicklung von Antragsverfahren. Seoul möchte seinen
20 Millionen Einwohnern diesen attraktiven Bürger-Service ebenfalls anbieten.