Buchpräsentation der Europäischen Akademie: Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit
In Reaktion auf die Veränderungen des Klimas und andere ökologische Herausforderungen wird aus wissenschaftlichen Kreisen und aus der Politik zunehmend die Forderung laut, Individuum und Gesellschaft sollten ihre Lebensweisen am Konzept der Nachhaltigkeit ausrichten. Dies geht mit der Anforderung an die Schulen und andere Bildungseinrichtungen einher, die heranwachsende Generation zu einer solchen Lebensweise angemessen zu befähigen. Die Europäische Akademie GmbH hat daher in den vergangenen zwei Jahren das Projekt "Verantwortung für zukünftige Generationen. Schulische Umsetzung von Nachhaltigkeit" durchgeführt, das den Fragen der Bildung für nachhaltige Entwicklung gewidmet war und dessen Ergebnisse die Autoren heute in Bonn präsentierten.
Quelle: (idw) Europäische Akademie zur Erforschung von Folgen wissenschaftlich-technischer Entwicklungen Bad Neuenahr-Ahrweiler GmbH
Im Rahmen des Projekts diskutierten Experten verschiedener
Disziplinen - von den Erziehungswissenschaften über die Ökonomie bis hin zur
Philosophie - intensiv die Grundlagen eines Bildungszieles "Nachhaltigkeit" als
auch die sich daraus ergebenden Konsequenzen für die Umsetzung in die schulische
Praxis. Der Autorengruppe kam es dabei vor allem darauf an, nach einigen Jahren
der Erfahrung mit der Bildung für nachhaltige Entwicklung deren Grundlagen in
bewusster Distanz zur Praxis zu überprüfen und etwaige Handlungshemmnisse
aufzu-spüren. Im Vordergrund stand dabei die Frage, was eigentlich genau durch
schulischen Unterricht befördert werden soll. Was etwa ist unter
'Nachhaltigkeit' zu verstehen, wenn eine nachhaltige Entwicklung der
Verantwortung für zukünftige Generationen gerecht werden soll? Welche
erkenntnistheoretischen und ethischen Erfordernisse erwachsen dann aus der
Aufforderung zu einer nachhaltigen Lebensweise? Und welche Kompetenzen sind
auszubilden, um diesen Erfordernissen zu begegnen? Ihre gemeinsam im
interdisziplinären Diskurs entwickelten Antworten sowie daraus abgeleitete
Empfehlungen hat die Projektgruppe in der Studie "Nachhaltigkeit und
Gerechtigkeit. Grundlagen und schulpraktische Konsequenzen" niedergelegt.
In
ihrem Bemühen um eine klärende Bestimmung des Bildungsziels "Nachhaltigkeit" hat
die Gruppe im nachhaltigen Handeln ein uraltes Planungs- und Handlungsprinzip
ausgemacht, dem jeder folgt, der auf die Zukunft gerichtete Interessen hat und
das sinngemäß etwa formuliert werden kann: "Handle so, dass die (Neben-)Folgen
Deines Handelns nicht die Voraussetzungen für künftiges Handeln zerstören". Da
für das künftige Handeln dabei zwar meist eine geeignete, nicht aber eine
bestimmte Ressource erforderlich ist, sieht die Gruppe die für künftiges Handeln
bereitzustellenden Ressourcen zwar für prinzipiell ersetzbar an, markiert mit
dem Hinweis auf bestimmte unverzichtbare Ressourcen auch klare Grenzen der
Ersetzbarkeit ("kritische Nachhaltigkeit"). Den Prinzipien klugen Planens und
Handelns sind aber die Prinzipien der Gerechtigkeit an die Seite zu stellen, wie
sie seit je Gegenstand der philosophischen Untersuchungen sind: Wer auch die
Voraussetzungen für das Handeln künftiger Generationen erhalten will, wird nicht
bloß aus Gründen kluger Vorsorge, sondern aus Gründen der Gerechtigkeit um
nachhaltiges Handeln bemüht sein. Die Gruppe spricht daher auch konsequent von
einer Bildung für nachhaltige und gerechte Entwicklung.
Eine solchermaßen
vorausschauende, nachhaltige und im generationenübergreifenden Maßstab gerechte
Gestaltung der künftigen Handlungsvoraussetzungen erfordert aber besondere
sogenannte "Gestaltungskompetenzen". Insbesondere muss der Umgang mit großen,
komplex oder unzureichend strukturierten Informationsmengen gelernt werden, der
Einzelne muss unter den Bedingungen von Unsicherheit und Ungewissheit bei
miteinander unvereinbaren Zielstellungen und mit sehr langfristiger Perspektive
belastbare Entscheidungen treffen und auf Entscheidungsdilemmata angemessen
reagieren können. Schulischer Unterricht sollte daher, so der
Erziehungswissenschaftler Gerhard de Haan, Vorsitzender des Deutschen
Nationalkomitees der UN-Dekade und Mitautor der Studie, verstärkt
"output-orientiert" auf die Ausbildung solcher Kompetenzen zielen. Dabei spielen
die Kompetenz zur vorausschauenden und disziplinenübergreifenden Gewinnung einer
Sachbasis für die Entscheidungen, die Fähigkeit zur Rücksichtnahme und zur
Kooperation mit anderen, zur Partizipation an kollektiven
Entscheidungsprozessen, zur Motivation und zur Unterstützung anderer eine
herausragende Rolle. Ein besonderes Augenmerk ist dabei den ökonomischen
Kompetenzen für einen nachhaltigen Konsum gewidmet.
Die Studie richtet sich
an die Bildungspolitik auf Länder- und Bundesebene, die wissenschaftlichen
Fachkreise und Beratungsgremien, die Träger für die Aus- und Weiterbildung der
Lehrenden sowie einschlägige Berufsgruppen und
-verbände.
Veröffentlichung: G. de Haan, G. Kamp, A. Lerch, L.
Martignon, G. Müller-Christ, H. G. Nutzinger: Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit.
Grundlagen und schulpraktische Konsequenzen. Band 33 der Reihe 'Ethics of
Science and Technology Assessment', hrsg. von C. F. Gethmann, Springer-Verlag,
Berlin 2008