18.03.2009
Satellit GOCE sendet Signale aus Erdumlaufbahn - Start der Vermessung des Schwerefelds
Diesmal hat es geklappt: Nachdem die technischen Probleme behoben wurden, die gestern zu einem Abbruch des Countdowns führten, startete heute im russischen Kosmodrom Pletsetsk die Rockot-Trägerrakete mit dem ESA-Satelliten GOCE (Gravity Field and Steady-State Ocean Circulation Explorer) in die Erdumlaufbahn. Eineinhalb Stunden später, um 16:51 Uhr, sendete der Satellit die ersten Signale aus dem Orbit und meldete damit den Beginn der Messungen.
Quelle: (idw) Technische Universität MünchenAlle 90 Minuten kreist GOCE jetzt einmal um die Erde. Damit
beginnt die bisher anspruchvollste wissenschaftliche Mission zur Erforschung des
Schwerefeldes der Erde und zur Kartierung des Geoids, der Bezugsfläche aller
Höhensysteme unseres Planeten. Wissenschaftler erwarten Daten von Schwerefeld
und Geoid in bisher unerreichter Auflösung und Genauigkeit. Prof. Reiner Rummel,
Ordinarius für Astronomische und Physikalische Geodäsie der Technischen
Universität München (TUM) hat in den vergangenen Jahren maßgeblich zur
Entstehung dieser Mission beigetragen.
Professor Rummel ist einer der
Initiatoren von GOCE, Sprecher der GOCE Mission Advisory Group, sowie
Vorsitzender des European GOCE Gravitiy Consortiums. Dies ist eine Art Think
Tank aus zehn europäischen Instituten aus sieben Ländern, der sowohl die
europäische Weltraumbehörde ESA bei der Realisation dieser anspruchvollen
Mission beraten hat, als auch die wissenschaftlichen Daten in den kommenden
Monaten auswerten wird.
Die Gravitation, die GOCE messen wird, ist eine
der Grundkräfte der Natur, die viele dynamische Prozesse sowohl im Erdinneren
als auch an und über der Erdoberfläche beeinflusst. Eine genaue Kenntnis des
Gravitationsfeldes der Erde trägt entscheidend dazu bei, Prozesse im Erdinneren
und somit die Physik und die Dynamik von Erdbeben und Vulkanismus besser zu
verstehen. Obwohl in den vergangenen Jahren zahlreiche Schweremessungen auf der
Erde durchgeführt wurden, bietet der Zugang zum Weltraum nun die einzigartige
Möglichkeit, detaillierte Messdaten des gesamten globalen Gravitationsfeldes zu
erfassen.
Angesichts unübersehbarer Klimaänderungen sind die Daten, die
GOCE nach dem Erreichen seiner Umlaufbahn aus dem All senden wird, für Forschung
und Wissenschaft entscheidend für ein besseres Verständnis des Systems Erde.
GOCE wird nämlich auch eine Karte des Geoids, der Bezugsfläche der Erde und von
Anomalien des Schwerefeldes in hoher Auflösung liefern. Eine solche Karte wird
weitaus verbesserte Referenzen für Klimastudien einschließlich Veränderung des
Meeresspiegels, der Ozeanströmungen und Untersuchungen der Dynamik der Eiskappen
liefern. Durch diese Messungen wird erstmals ermöglicht, die
Oberflächenzirkulation der Weltmeere, d.h. die Ozeanströme global mit deutlich
verbesserter Detailgenauigkeit zu erfassen. Bisher hatte man dies hauptsächlich
aus mathematischen Modellrechnungen erschlossen. Genauere Referenzsysteme zu
erhalten ist deshalb so wichtig, weil die Meeresströme 50 Prozent zum
Wärmehaushalt der Erde beitragen. Sollte sich zum Beispiel der Verlauf des
Golfstroms ändern, dann wird es in Europa eine deutliche Temperaturänderung
geben. Mit GOCE werden Wissenschaftler aber anhand eines Referenzsystems
tatsächlich in der Lage sein, solche Veränderungen der Meeresströme genauer zu
erkennen.
Auch das Vermessungswesen wird von den Daten, die GOCE aus dem
All senden wird, enorm profitieren. Durch die Verfügbarkeit einer hochgenauen
Referenzfläche aus GOCE wird es durch Kombination mit Messungen von
Satellitennavigationssystemen (z.B. GPS oder GALILEO) in Zukunft erstmalig
möglich sein, jedem Nutzer Meereshöhen auf den Zentimeter genau zur Verfügung zu
stellen. Professor Rummel rechnet damit, dass alle
Satellitennavigationsempfänger der Zukunft diese Option enthalten werden. Die
genauen Daten werden aber auch die Planung von Tunnel-, Straßen- und Brückenbau
einfacher machen. Professor Rummel ist vom Erfolg dieser Mission überzeugt:
"Diese Daten werden wichtige Grundlagen für die Geophysik liefern und wesentlich
zu unserem Verständnis des Erdklimas beitragen."
Da die Gravitation mit
steigendem Abstand von der Erdoberfläche abnimmt, ist GOCE für eine sehr
niedrige Umlaufbahn - in nur 270 Kilometern Höhe - ausgelegt. Die in dieser Höhe
bereits deutlich spürbaren Reibungskräfte der Atmosphäre stellen jedoch eine
besondere Herausforderung bezüglich seiner Steuerung und Energieversorgung dar.
Aus diesem Grund ist die Mission voraussichtlich auf 20 Monate beschränkt, was
aber ausreichend ist, um alle wesentlichen Messdaten über die Erdgravitation und
das Geoid zu erfassen. Mit dem hochpräzisen Messgerät an Bord wird eine
räumliche Auflösung von 100 Kilometern erreicht, bisherige Missionen konnten nur
ein gröberes Raster von etwa 500 bis 1000 Kilometer liefern.
Professor
Rummel hat sich schon in den vergangen 20 Jahren mit dem Projekt zur Vermessung
des Gravitationsfeldes aus dem All beschäftigt und arbeitet seit fünfzehn
Jahren, seit er an die Technische Universität München berufen wurde, an der
Realisierung. "Ideen dafür gab es schon zehn Jahren nach Sputnik, aber die
Technik war noch nicht so weit. Erst seit den 1980er-Jahren sind wir überhaupt
in der Lage, ernsthaft über die Realisation eines solchen Satelliten
nachzudenken." Das Team um Professor Rummel ist maßgeblich an der Auswertung der
Satellitendaten beteiligt. "Wir sind für die Bereitstellung der
zentimetergenauen Bahnen sowie der Gravitationsfeld- und Geoidmodelle
verantwortlich," erläutert Dr. Thomas Gruber, Akademischer Oberrat an der TUM,
der gemeinsam mit Rummel an GOCE arbeitet. Hierzu koordiniert die TU ein
Konsortium von zehn wissenschaftlichen Instituten und Universitäten aus Europa,
die gemeinsam in den kommenden 20 Monaten an der Datenauswertung arbeiten
werden. Die wissenschaftlichen Partner sind neben der TUM die Universität Bonn
und das GFZ Potsdam aus Deutschland sowie weitere sieben wissenschaftliche
Institute in Österreich, Italien, Frankreich, der Niederlande, der Schweiz und
Dänemark.
Der Treibstoff an Bord von GOCE wird voraussichtlich für 20
Monate ausreichen. Anschließend wird GOCE beim Eintritt in die Atmosphäre nahezu
vollständig verglühen.