Angesichts der Verknappung petrochemischer Rohstoffe und des Klimawandels ist die Entwicklung CO2-neutraler nachhaltiger Brennstoffe eine der drängendsten Herausforderungen unserer Zeit. Energiepflanzen wie Raps oder Ölpalme sind wegen der Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion in die Diskussion geraten. Einen wichtigen Beitrag für die Energieversorgung von morgen könnte daher die Kultivierung von Mikroalgen bieten. Um diese energetisch nutzen zu können, entwickeln Wissenschaftler am KIT geschlossene Photoreaktoren und neue Verfahren für den Zellaufschluss.
Quelle: (idw) Karlsruher Institut für Technologie
Mikroalgen sind einzellige, pflanzenartige Organismen, die
Photosynthese betreiben und Kohlendioxid (CO2) in Biomasse umwandeln. Aus dieser
Biomasse lassen sich sowohl Wert- und Wirkstoffe, als auch Energieträger wie
Biodiesel gewinnen. Da Algen bei ihrem Wachstum zuerst die Menge an CO2
aufnehmen, die sie später bei der energetischen Nutzung wieder freisetzen, lässt
sich Energie aus Algen im Gegensatz zu konventionellen Energieträgern
CO2-neutral gewinnen.
Neben der Chance der CO2-neutralen
Kreislaufwirtschaft, haben die Algen noch einen weiteren Vorteil: Industrielle
CO2-Emissionen lassen sich als "Rohstoff" nutzen, da Algen bei hohen
Kohlendioxid-Konzentrationen schneller wachsen und damit mehr energetisch
nutzbare Biomasse produzieren.
Dies ist jedoch nicht ihr einziger
Pluspunkt: "Verglichen mit Landpflanzen produzieren Algen bis zu fünfmal so viel
Biomasse pro Hektar und enthalten 30 bis 40 Prozent energetisch nutzbare Öle",
so Professor Clemens Posten, der diese Forschung am Institut für Bio- und
Lebensmitteltechnik am KIT leitet. Da sich Algen auch in ariden, also trockenen
Gegenden kultivieren lassen, die sich für den Landbau nicht eignen, bestehe kaum
Konkurrenz zu den Agrarflächen. Dazu sind dort jedoch geschlossene Systeme
notwendig.
Gegenwärtig werden Algen in offenen Becken in südlichen
Ländern mit relativ geringer Produktivität produziert. Genau hier setzt Postens
neue Technologie an. "Wir gehen verfahrenstechnisch ganz anders heran und
arbeiten mit geschlossenen Photo-Bioreaktoren", so der Wissenschaftler. "Unsere
Anlagen wandeln Sonnenenergie mit fünffach höherem Wirkungsgrad in Biomasse um
als offene Becken." Die Plattenreaktoren stehen dabei senkrecht, ähnlich wie
Photovoltaikzellen. "So sieht jede Alge ein bisschen weniger Licht, die Anlage
arbeitet dafür aber mit höherem Wirkunggsgrad", betont der Biologe und
Elektrotechniker.
Die Algenproduktion funktioniert daher nicht nur in
Ländern mit extrem hoher Sonneneinstrahlung. Die meisten Algen benötigen maximal
zehn Prozent des ankommenden Sonnenlichts. Der Rest werde einfach verschwendet,
falls man nicht ein optimales Lichtmanagement im Photo-Bioreaktor habe, so der
Wissenschaftler Posten. Denn in der Sahara gebe es gerade mal doppelt so viel
Sonne wie bei uns, dafür müsse man dort aber den Reaktorinhalt kühlen. Weitere
Vorteile des geschlossenen Systems sind drastische Ersparnisse an Wasser und
Düngemitteln. Dabei ist auch eine Doppelnutzung zur Produktion von Lebensmitteln
oder Feinchemikalien aus den Algen und der anschließenden energetischen
Verwertung der Restbiomasse denkbar.
An Postens Institut ist eine der
beiden Arbeitsgruppen des KIT angesiedelt, die intensiv auf dem Gebiet der
Algen-Biotechnologie forschen. "Bei der Entwicklung von Photo-Bioreaktoren
gehören wir mittlerweile zu den drei Standorten weltweit, in denen man in der
Verfahrenstechnik, und nicht nur in der Biologie, deutlich vorankommt", so
Posten.
Wo sein Forschungsgebiet am Campus Süd des KIT aufhört, setzt die
Abteilung Hochleistungsimpulstechnik am Institut für Hochleistungsimpuls- und
Mikrowellentechnik am KIT-Campus Nord an. Hier geht es darum, mittels
Elektroimpulsbehandlung der Algenbiomasse die wertvollen Inhaltsstoffe zu
entlocken. Bisher hat Dr. Georg Müller, der die Abteilung leitet, zusammen mit
Partnern aus Forschung und Industrie den Aufschluss von Pflanzenzellen wie
Oliven, Weintrauben, Äpfeln, Zuckerrüben und terrestrischen Energiepflanzen
erforscht und teilweise großtechnisch umgesetzt. "Unser Ziel ist es, neue
wirtschaftliche und nachhaltige Extraktionsverfahren zu entwickeln, um möglichst
viel energetisch nutzbare Zellinhalte aus den Algen zu erhalten", so Müller.
"Bei unserem Verfahren werden Pflanzenzellen für sehr kurze Zeit einem hohen
elektrischen Feld ausgesetzt. Dies führt zur Perforierung der Zellmembran und
Freisetzung von Inhaltsstoffen".
Die Kooperation der beiden
Arbeitsgruppen soll nun das vorhandene Know-how bündeln und nutzt dazu eine
Anschubfinanzierung des KIT-Zentrums Energie. Geplant ist der Aufbau einer
KIT-"Algenplattform" für die energetische Nutzung von Mikroalgen. Mittelfristig
sollen hierfür auf dem Campus Nord des KIT Pilot- und Demonstrationsanlagen
entstehen unter Nutzung der räumlichen und infrastrukturellen Vorteile. "Damit
knüpfen wir einen wichtigen Knoten in der momentan rapide ablaufenden Vernetzung
in der Algenbiotechnologie", so Posten. Um die Energiegewinnung aus Algen
wirtschaftlich zu machen, wird es darum gehen, die Investitions- und
Betriebskosten für Photo-Bioreaktoren gering zu halten und gleichzeitig
hocheffiziente Verfahren zur Ernte und für den Aufschluss der Algen zu
entwickeln.
Um den Kreislauf zur vollständigen energetischen Nutzung der
Algenbiomasse zu schließen, gehen die KIT-Forscher noch einen Schritt weiter.
Die nach der Extraktion verbleibende Biomasse (60-70 Prozent) soll durch das am
Campus Nord entwickelte Verfahren der hydrothermalen Vergasung in weitere
Energieträger wie Wasserstoff oder Methan umgewandelt werden.
In der
Energieforschung ist das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) eine der
europaweit führenden Einrichtungen: Das KIT-Zentrum Energie vereint grundlegende
und angewandte Forschung zu allen relevanten Energieformen für Industrie,
Haushalt, Dienstleistungen und Mobilität. In die ganzheitliche Betrachtung des
Energiekreislaufs sind Umwandlungsprozesse und Energieeffizienz mit einbezogen.
Das KIT-Zentrum Energie verbindet exzellente technik- und naturwissenschaftliche
Kompetenzen mit wirtschafts-, geistes- und sozialwissenschaftlichem sowie
rechtswissenschaftlichem Fachwissen. Die Arbeit des KIT-Zentrums Energie
gliedert sich in sieben Topics: Energieumwandlung, erneuerbare Energien,
Energiespeicherung und Energieverteilung, effiziente Energienutzung,
Fusionstechnologie, Kernenergie und Sicherheit sowie Energiesystemanalyse.