20.07.2009
Suche nach umweltfreundlichen Piezokeramiken
Wissenschaftler von der TU Darmstadt haben ein Verfahren entwickelt, das die Entwicklung von bleifreien Piezokeramiken erleichtern soll. Piezokeramiken werden heute in einer Vielzahl von technischen Anwendungen auch im Alltag eingesetzt und enthalten bisher einen hohen Blei-Anteil. Richtlinien der EU fordern eine Vermeidung der Verwendung des giftigen Schwermetalls nach dem Stand der Technik.
Quelle: (idw) Technische Universität DarmstadtMit traditionellen Keramiken aus Tonmineralien, aus denen
Menschen seit der Jungsteinzeit durch Brennen formbeständige Gefäße hergestellt
haben, haben die heute weit verbreiteten und leistungsfähigen
High-Tech-Keramiken kaum noch etwas zu tun. Bei den vor einem halben Jahrhundert
erfundenen Piezokeramiken, bei denen der keramische Rohstoff mit metallischen
Schichten verbunden wird, fungieren diese Schichten als elektrische Leiter. Die
Verwendung dieser Keramiken verzeichnet seither immense Wachstumsraten durch
immer neue Anwendungen in praktisch allen Industriezweigen.
"Ein
wesentliches Problem bei der Nutzung Piezokeramiken ist ihre Bleihaltigkeit",
konstatiert Prof. Jürgen Rödel vom Fachbereich Material- und Geowissenschaften
der TU Darmstadt. "Doch nun haben wir ein Rezept geschrieben, mit dem die
weltweite Suche nach neuen bleilosen Piezo-Werkstoffen deutlich schneller
vorankommen wird."
Vielfältige Verwendung der modernen
Keramiken
"Piezokeramiken sind intelligente Materialien, die in
Mikrosekunden sehr zuverlässig und mit großer Kraftwirkung ihre Größe
beziehungsweise Form verändern können", erläutert Rödel. Im März hat er für
seine Forschungen an keramischen Hochleistungswerkstoffen den
Wilhelm-Leibniz-Preis überreicht bekommen und erhält damit 1,25 Millionen Euro
für den höchstdotierten Wissenschaftspreis in Deutschland.
Piezoelektrische Werkstoffe erzeugen unter mechanischer Belastung ein
elektrisches Feld. Umgekehrt kann das Anlegen von elektrischer Spannung diese
Materialien verformen. Diese Eigenschaften machen sie so geeignet für zahllose
technische Anwendungen als Sensoren oder auch Aktoren. Eine alltägliche
Anwendung ist die Verwendung in Piezofeuerzeugen, in denen durch Tastendruck ein
Funke erzeugt wird. Der Großteil aller piezoelektrischen Keramiken wird jedoch
im Automobilbau (Treibstoffeinspritzung, Sonar für Einparkhilfen), in der
Medizin (Ultraschallgeräte) sowie in Mikrophonen, Lautsprechern, U-Bootsonaren
und Drucksensoren in Industrie und Forschung verwendet. Piezokeramiken sind auch
in den Schwingern von Quarzuhren oder in Ultraschallbädern zu finden, wie sie
Optiker zur Reinigung von Brillen benutzen. Ultraschallgetriebene Werkzeuge etwa
für die Zahnsteinentfernung oder für feinste Schnitte in der Augenchirurgie sind
aus der Medizin nicht mehr wegzudenken.
Kleinste Motoren aus
Piezokeramiken wurden ursprünglich in der Spielzeugindustrie verwendet, werden
künftig aber auch in der Autoindustrie vermehrt zum Einsatz kommen. "In der
Autoindustrie haben Piezoinjektoren seit ihrer Einführung im Jahr 2000 die
Kraftstoff-Einspritzung in Dieselmotoren um sieben Prozent effektiver gemacht",
berichtet Rödel. "Bis heute wurden rund 20 Millionen solcher Injektoren in
Dieselmotoren eingebaut."
Ein Rezept für Erfinder
Die Suche nach
Ersatzwerkstoffen für das Schwermetall Blei ist spätestens seit den strengeren
Blei-Regelungen der EU in vollem Gang, denn durch ihre rasante Verbreitung ist
"schon heute ein Recycling der bleihaltigen Piezokeramiken praktisch nicht mehr
möglich", warnt Rödel. "Rund 50 Forschergruppen weltweit suchen deswegen
intensiv nach neuen Lösungen. Viele von ihnen sind technologisch sehr versiert,
entwickeln aber keine neuen Konzepte für Piezokeramiken.
Rödel und seine
Mitarbeiter haben deswegen nun eine Grundlage geschaffen, wie die Suche nach
bleifreien Werkstoffen deutlich beschleunigt werden kann. "Wir haben den
Forschergruppen quasi ein Rezept an die Hand gegeben, einen Handlungsleitfaden,
um neue Materialkombinationen auszuprobieren." Denn je nachdem, welche
Kombinationen gewählt werden, sind die piezoelektrischen Reaktionen sehr
unterschiedlich. "Die Kunst besteht darin, die für eine spezifische Anwendung
geeignete Materialmischung zu finden", gibt Rödel zu bedenken. "Wir zeigen
Materialwissenschaftlern, welche chemischen Elemente, Kristallstrukturen und
welche chemischen Zusammensetzungen die besten sind. Es ist überraschend, aber
bislang gab es so etwas noch nicht."
Eine Zukunft ohne Blei
Ein
Bleiersatz könnte Bismut, auch Wismut genannt, sein, ein vor Jahrhunderten im
Erzgebirge nachgewiesenes metallisches Element, das beispielsweise in Gneis und
Granit zu finden ist. "Rund 40 Prozent aller Forschergruppen arbeiten an diesem
Ersatzstoff, die anderen forschen mit einem Gemisch aus Kalium, Natrium und
Niob. Bismut ist ebenfalls ein Schwermetall und manche vermuten, dass es
ebenfalls giftig sein könnte. Die Literatur hierzu sagt aber etwas anderes",
betont Rödel.
Erste bleifreie Produkte gibt es bereits unter den
Biowerkstoffen. "Sie werden als Sensoren in der Medizin im menschlichen Körper
eingesetzt. Aber das bedeutet noch nicht den Durchbruch, weil die Eigenschaften
dieser Materialien bislang nur für ein ganz bestimmtes Marktsegment ausreichen.
Den Durchbruch werden die Forscher "in bis zu sechs Jahren geschafft haben, oder
sie werden es nie schaffen", glaubt Rödel. Doch pessimistisch ist er nicht: "Es
gibt noch eine ganze Reihe erfolgversprechender Materialkombinationen."
Ansprechpartner:
Prof. Jürgen Rödel, Tel. 06151/16-6315,
E-Mail:
roedel_at_ceramics.tu-darmstadt.de