EU-Kommission will Nachhaltigkeits- mit Wirtschaftsstrategie verzahnen
Die Europäische Kommission hat Ende Juli ihre Bilanz zur im Jahr 2006 überarbeiteten EU-Strategie für nachhaltige Entwicklung vorgelegt. Missstände hat die Kommission beispielsweise beim Artenschutz oder beim Ressourcenverbrauch ausgemacht, insgesamt fällt ihre Bilanz aber in weiten Teilen positiv aus. Weiteren Schwung für die nachhaltige Entwicklung verspricht sich Brüssel von einer engeren Verknüpfung der europäischen Nachhaltigkeitsstrategie mit der wirtschaftspolitischen Strategie der Union.
Quelle: Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE)
Die anhaltende Krise zeige, heißt es in einer Kommissionsmitteilung, dass
Nachhaltigkeit auch für die Finanzsysteme und die Gesamtwirtschaft von zentraler
Bedeutung sei. In ihrer Bilanz zur Nachhaltigkeitsstrategie wirbt die Brüsseler
Behörde daher für ein neues Verhältnis zwischen der sogenannten
Lissabon-Strategie für Wachstum und Entwicklung und der
EU-Nachhaltigkeitsstrategie. Mit der im Jahr 2000 verabschiedeten
Lissabon-Strategie soll die Europäische Union bis zum Jahr 2010 zum
„wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensgestützten Wirtschaftsraum der
Welt werden“. Die Strategie zielt auf „dauerhaftes Wirtschaftswachstum“ und
„mehr und bessere Arbeitsplätze“. Nachhaltigkeit buchstabiert die EU darin als
„Nachhaltigkeit der öffentlichen Finanzen“.
Über das Verhältnis zwischen
Lissabon-Strategie und Nachhaltigkeitsstrategie herrscht bis heute Unklarheit.
Der Rat für Nachhaltige Entwicklung hatte darauf bereits im Februar 2006
anlässlich der Überarbeitung der EU-Nachhaltigkeitsstrategie hingewiesen. Die
Diskussion um ihr gegenseitiges Verhältnis sei „mehr blockierend als innovativ“,
beide Strategien seien von „Lobbyinteressen für ideologische Kraftproben
missbraucht“ worden, heißt es in der Rats-Stellungnahme zur Überprüfung der
EU-Nachhaltigkeitsstrategie. Der Nachhaltigkeitsrat regte damals an, die
langfristige Wettbewerbsfähigkeit Europas – das Hauptziel der Lissabon-Strategie
– als Schlüsselthema in die europäische Nachhaltigkeitsstrategie aufzunehmen und
beide Strategien enger zu verzahnen.
Das erwägt jetzt auch die
Europäische Kommission. Eine Zusammenlegung von Lissabon- und
Nachhaltigkeitsstrategie sei zwar „wegen ihrer unterschiedlichen Funktionen
nicht machbar“, heißt es in der Bilanz. Denkbar seien aber ihre „bessere
Koordinierung und Verknüpfung“ sowie gemeinsam festgelegte Ziele und
Indikatoren. Konkret könnte das nach dem Willen der Kommission durch Ausrichtung
beider Strategien auf „grünes“ Wachstum geschehen, etwa durch Förderung
„ökologischer Neuerungen“ und der Ressourceneffizienz. Kommissionspräsident José
Manuel Barroso erklärte bei der Vorlage der Bilanz, die Wirtschaftskrise biete
eine „einzigartige Chance für eine neue, nachhaltige Ökonomie, die auf
intelligentes, ‚grünes’ Wachstum“ gründet.
Setzt sich Brüssel mit seinem
Plänen durch, könnte die Lissabon-Strategie im Ergebnis erstmals auf
Erfordernisse einer sozial und ökologisch nachhaltigen Entwicklung verpflichtet
werden, die Nachhaltigkeitsstrategie würde stärker an wirtschaftspolitischen
Anforderungen ausgerichtet. Letzteres wird auch daran deutlich, dass die
Kommission die Themen Energiesicherheit und Nachhaltigkeit öffentlicher Finanzen
als mögliche Schwerpunkte einer überarbeiteten EU-Nachhaltigkeitsstrategie ins
Spiel bringt. Der Europäische Rat wird im Dezember über künftige Prioritäten der
Nachhaltigkeitsstrategie beraten. Im kommenden Jahr soll auch die
Lissabon-Strategie überprüft werden.
Die EU-Kommission verzeichnete
zuletzt bei allen sieben Schwerpunktthemen der Nachhaltigkeitsstrategie
Fortschritte. Als Beispiele für positive Entwicklungen führt Brüssel das im
Dezember 2008 verabschiedete Klima- und Energiepaket und die Steigerung der
Energieeffizienz von Gebäuden auf. Der Verlust biologischer Vielfalt und die
Zunahme des Energieverbrauchs im Verkehr wiesen dagegen in die falsche Richtung,
schreibt die Kommission. Aktuelle Indikatoren, die belastbar Auskunft über die
jüngsten Trends nachhaltiger Entwicklung in den 27 europäischen Mitgliedsstaaten
geben, will das EU-Statistikbüro Eurostat erst später in diesem Jahr
veröffentlichen.