08.09.2009
Umweltschutz beim Biertrinken: TUM-Brauingenieure erforschen Energieeinsparung im Brauprozess
Ein frisch gezapftes, kühles Bier - das ist für Viele ein Hochgenuss. Doch eigentlich müsste man beim Trinken ein schlechtes Gewissen haben: Denn Bier ist in der Herstellung eines der energieintensivsten Lebensmittel überhaupt. Brauingenieure der Technischen Universität München (TUM) arbeiten daran, die Energiebilanz des Gerstensaftes zu verbessern. Sie erforschen eine neue Verfahrenskombination, mit der man beim Brauen bis zu 20 Prozent Energie einsparen könnte. Auf der Fachmesse drinktec in München (14.-19. September) stellen die Weihenstephaner Wissenschaftler das Herzstück ihrer energiesparenden Idee aus.
Quelle: (idw) Technische Universität MünchenSeit über hundert Jahren gilt für Brauereien ein technisches
Grundgesetz: Sie alle brauchen einen Dampfkessel, um Bier zu brauen. Denn nur
ein mächtiger Dampf-Kessel kann Temperaturen von 110 bis 160 Grad Celsius
erzeugen, die zum Eindampfen des "Rohbiers", der so genannten Würze, nötig sind.
Dieser Prozess benötigt sehr viel Energie: Fast die Hälfte des
Gesamtenergieverbrauchs einer klassischen Brauerei, nämlich 45 Prozent, wird zur
Würzebereitung benötigt. Seit Jahren tüfteln Ingenieure deshalb an Lösungen, die
den Wärme- und Stromverbrauch im Brauwesen senken.
Eine ihrer Ideen ist
der Einsatz vom Blockheizkraftwerken, die durch Kraft-Wärme-Kopplung sehr
energieeffizient und umweltschonend arbeiten. Doch fürs Sudhaus eignet sich
diese Technologie bisher leider nicht: Blockheizkraftwerke erzeugen neben Strom
zwar auch Wärme, allerdings nur bis 90 Grad Celsius. Zum Würzeeinkochen sind
aber mindestens 110 Grad Celsius notwendig. Ingenieure vom Lehrstuhl für
Rohstoff- und Energietechnologie der TU München verfolgen seit August 2008 eine
heiße Spur, um dieses Manko zu beheben: Sie kombinieren das Blockheizkraftwerk
mit einem so genannten "Zeolithspeicher".
Solche Speicher arbeiten
thermochemisch, mittels Zeolith-Kugeln von 2-3 mm Durchmesser. Diese porösen
Kügelchen bestehen aus Silikatmineralen und sind ein guter Wärmespeicher: Ein
Gramm Zeolith hat eine innere Oberfläche von etwa 500 Quadratmetern. Diese Poren
saugen sich mit Wasser voll. Wird das Zeolith erwärmt, trocknen die Kügelchen
aus - der Speicher ist geladen. Sobald man wieder Wasser zuführt, setzen die
Zeolith-Kugeln mit bis zu 250 Grad Celsius Wärme frei. Die Brauingenieure der
TUM machen sich dieses thermochemische Prinzip zunutze, um die 90 Grad Celsius
aus dem Blockheizkraftwerk fürs Sudhaus um die fehlenden 20 Grad Celsius
aufzustocken.
Dazu wollen sie ein leeres Zeitfenster im
Produktionsprozess nutzen. "Nachts braucht eine mittelständische Brauerei nur
wenig Energie", so Projektleiter Dr.-Ing. Winfried Ruß. "In dieser Zeit speisen
wir die ungenutzte Wärme des Blockheizkraftwerks in den Zeolithspeicher ein."
Tagsüber, wenn zum Würzekochen hohe Temperaturen gefragt sind, kann die
zusätzliche Wärme zum gewünschten Zeitpunkt fast auf einen Schlag wieder ins
Gesamtsystem eingespeist werden, sozusagen per "Wärme-Booster" auf Knopfdruck.
Damit rückt das ressourcenschonende Niedrigenergie-Bier in trinkbare
Nähe.
Im Computer funktioniert die neu kombinierte Produktionskette schon
perfekt. Der Praxistest beginnt jetzt: Die Forscher der TU München haben unter
Mithilfe von Kollegen der RWTH Aachen am Standort Weihenstephan erstmals einen
Versuchsstand gebaut, der die Vorgänge im Sudhaus mit der neuen
Gerätekombination simuliert. Winfried Ruß ist neugierig auf die Messdaten: "Wir
wissen bereits, dass es funktionieren wird. Aber wie viel Energieeinsparung
möglich ist, wissen wir noch nicht." Die Forscher gehen von mindestens zehn
Prozent aus.
Im zweiten Schritt werden die TUM-Ingenieure dann den
Energiehaushalt der gesamten Brauerei nachstellen. Vom Reinigungssystem über
Sudhaus sowie Gär- und Lagerkeller bis hin zur Flaschenabfüllung sollen dann
alle Anlagen mit nur 90 Grad Celsius anstatt bis zu 160 Grad heißem Dampf
beheizt werden. Dadurch und durch zusätzliche Abwärmenutzung erwarten die
Forscher eine Energieeinsparung von insgesamt 20 Prozent. "Das ist mehr, als
alle Energiesparmaßnahmen in der Brauindustrie der vergangenen zehn Jahre in der
Summe gebracht haben", so Ruß. Bis Mitte 2011 wird das Experiment abgeschlossen
sein. Auf das Ergebnis warten kleine und mittlere Brauereien gespannt: Erste
Interessenten für das anschließende Pilotprojekt haben sich schon
gemeldet.
Womöglich können wir also schon in ein paar Jahren echtes
"Energiespar-Bier" trinken - mit gesundem Durst und einem grünen Gewissen. Die
dazu nötige Technik kann man sich vom 14.-19. September schon auf der Fachmesse
drinktec 2009 ansehen: Die Weihenstephaner Forscher der TU München stellen dort
ein Modell des Zeolithspeichers aus. Kommen Sie uns besuchen: in Halle A4 auf
dem Münchner Messegelände in Riem, Stand 335, täglich zwischen 9 und 18
Uhr.
Weitere Informationen:Kontakt:
Privatdozent Dr.-Ing. Winfried Ruß
Lehrstuhl für
Rohstoff- und Energietechnologie
Abt. Thermische Verfahren
Technische
Universität München
85350 Freising-Weihenstephan
Telefon: 08161 / 71 - 38
65
Email:
winfried.russ@wzw.tum.deKostenloses Bildmaterial:
http://mediatum2.ub.tum.de/node?id=808948Hintergrund:
Das
Forschungsprojekt "Entwicklung einer Verfahrenskombination zur
energieeffizienten Wärmeversorgung von Brauereien" wird von der DBU - Deutsche
Bundesstiftung Umwelt mit 400.000 Euro gefördert und in enger Zusammenarbeit mit
der Brauereimaschinenfabrik und Apparatebauanstalt Kaspar Schulz, Bamberg
umgesetzt. Das Vorhaben, das der Lehrstuhl für Rohstoff- und Energietechnologie
der TU München zusammen mit Kollegen vom Lehrstuhl für Technische Thermodynamik
der RWTH Aachen bearbeitet, läuft noch bis August 2011.