Schutz der natürlichen Ressourcen kann für Wohlstand sorgen
Über 100 Wissenschaftler haben Politiker weltweit aufgefordert, die momentane Subventionspolitik zu überdenken. Subventionen für Schlüsselbereiche wie Landwirtschaft, Fischfang, Bergbau und Energie ergäben zusammen fast eine Billiarde US-Dollar pro Jahr, was einem Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts entspräche. Viele dieser Subventionen tragen massiv zur Zerstörung der natürlichen Ressourcen bei und vernichten damit zukünftige Nutzungsoptionen. Ferner sind viele Subventionen ineffizient, überholt oder schädlich, schreiben die Forscher im aktuellen TEEB-Report zum ökonomischen Wert der biologischen Vielfalt, der am Freitag vorgestellt wurde.
Quelle: (idw) Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ
Ein Prozent des globalen Bruttoinlandsproduktes würde nach
Berechnungen des 2006 veröffentlichten Stern-Reports bereits ausreichen, um die
Schäden des Klimawandels einzudämmen, die auf fünf bis zehn Prozent des globalen
Bruttoinlandsproduktes geschätzt werden. Es mache also doppelt Sinn, schädliche
Subventionen in Zeiten ökonomischer und ökologischer Krisen zu reformieren, so
die Umweltökonomen im neuen TEEB-Report. "Die Ökonomie der Ökosysteme und
der Biodiversität" (The Economics of Ecosystems and Biodiversity - TEEB) wurde
2007 ins Leben gerufen. TEEB ist eine unabhängige Studie, die vom Ökonomen Pavan
Sukhdev geleitet und vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP)
organisiert wird. Die wissenschaftliche Koordination erfolgt am
Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig. Finanziert wird die
Studie von der Europäischen Kommission, Deutschland, Großbritannien und den
Niederlanden sowie neuerdings auch von Norwegen und Schweden.
Der erste
Endbericht der TEEB-Studie wendet sich an die nationale und internationale
Politik. Für den Schutz der biologischen Ressourcen sehen die Wissenschaftler
vier Hauptprobleme: Die Abholzung der Wälder müsse gestoppt werden, da sie
wesentlich zum Klimawandel beitrage. Die tropischen Korallenriffe müssten
geschützt werden, da sie die Lebensgrundlage einer halben Milliarde Menschen
seien. Die Fischbestände der Weltmeere müssen geschützt und besser gemanagt
werden, da sonst der Kollaps des Fischfangs auf den Weltmeeren akut
hunderttausende Arbeitsplätze bedrohe und heute bereits zu Einnahmeverlusten von
jährlich bis zu 50 Milliarden US-Dollar führt, verglichen mit einem
nachhaltigeren Management der Bestände. Und schließlich müssten sich Politiker
weltweit bewusst werden, dass der Niedergang der Ökosysteme ein wesentlicher
Grund für die anhaltende Armut der Landbevölkerung in den Entwicklungsländern
sei. Zur Lösung dieser drängenden Probleme schlagen die Wissenschaftler vor,
finanzielle Anreize für den Schutz durch Zahlungen für Ökosystemdienstleistungen
zu schaffen. "Die UN-Initiative zur Vermeidung und Reduzierung der Entwaldung
(REDD-Plus) könnte das erste globale System für bezahlte
Ökosystemdienstleistungen werden", so Dr. Heidi Wittmer, die das
wissenschaftliche Koordinationsteam der TEEB-Studie leitet. "Eine
REDD-Plus-Vereinbarung bei den aktuellen Klimaverhandlungen und ihre Etablierung
ist eine einmalige Chance für einen kosteneffektiven Klimaschutz mit deutlichem
Nutzen für die Umwelt." Allein der Verlust an tropischen Regenwäldern macht
momentan etwa ein Fünftel der globalen Emissionen an Treibhausgasen aus. Die
Wälder der Erde speichern insgesamt 547 Gigatonnen Kohlenstoff und können laut
Schätzungen bis zu 4,8 Gigatonnen pro Jahr aufnehmen. Die Emissionen, die beim
Abholzen entstehen, sind beachtlich - können aber vergleichsweise leicht
vermieden werden. Wiederaufforstung ist daher ein kostengünstiger Beitrag zur
Lösung des Kohlendioxidproblemes. Die Bedeutung der Ökosystemverluste ist
jedoch bei weitem nicht auf den Klimawandel beschränkt: Sie betreffen auch die
Versorgung mit Nahrungsmitteln und Trinkwasser sowie die Energiesicherheit -
wachsende globale Probleme, die in einigen Jahren alle Länder betreffen können.
Daher schlagen die Wissenschaftler um Berichtskoordinator Patrick ten Brink vom
Institut für Europäische Umweltpolitik (IEEP) in Brüssel neben der Reformierung
des momentanen Subventionssystems die konsequente Anwendung des
Verursacherprinzips und eine deutliche Ausweitung der Schutzgebiete vor. Die
Erfahrungen mit dem Weltklimarat IPCC würden zu gemeinsamen Anstrengungen
ermutigen, denn ein wirklicher Wandel der politischen Prioritäten und sozialen
Einstellungen sei möglich, schreiben die Wissenschaftler. Die Aktionen zum
Klimawandel hätten die Tür geöffnet für zahlreiche Maßnahmen zum Schutz des
natürlichen Kapitals der Erde. Die Einrichtung eines globalen
Biodiversitätsrates (Intergovermental Science-Policy Platform for Biodiversity
and Ecosystem Services - IPBES) könne der Startschuss dafür
sein. "Natürliches Kapital hat das Potenzial, eine gute Investition zu sein,
die die Existenzgrundlagen sichert und nachhaltigen ökonomischen Nutzen bis weit
in die Zukunft verspricht", sagt Studienleiter Pavan Sukhdev. "Wir hoffen, dass
die harte Arbeit von Ökologen, Ökonomen und Politikwissenschaftlern aus der
ganzen Welt, die in den letzten fünfzehn Monaten den TEEB-Report für die
internationale Politik erarbeitet haben, zu einen Politikwechsel beiträgt, der
zu echtem Fortschritt führt und uns erlaubt, eine Gesellschaft zu errichten, die
in Frieden mit sich selbst und in Harmonie mit der Natur lebt." Weitere
TEEB-Reports für Lokalpolitiker und Verwaltung, Unternehmer und Bürger werden in
den nächsten Monaten folgen. Der erste Zwischenbericht wurde auf der COP-9, der
Vertragsstaatenkonferenz zur Biodiversitätskonvention, in Bonn vorgestellt.
Dabei wiesen die Forscher im Mai 2008 auf die Verbindung zwischen Armut und dem
Verlust der Biodiversität hin und warnten davor, dass dadurch verschiedene
Millenniumsziele nicht erreicht werden. Im September 2009 wurde ein erster
thematischer Bericht vom damaligen Bundesumweltminister Sigmar Gabriel und Karl
Falkenberg, dem Generaldirektor der Generaldirektion Umwelt der Europäischen
Union, in Berlin vorgestellt. Dessen zentrale Botschaft war, dass Investitionen
in die Wiederherstellung und Aufrechterhaltung von Ökosystemen eine
Schlüsselrolle bei der Bekämpfung des Klimawandels und der Anpassung der
Volkswirtschaften einnehmen können. Tilo Arnhold
Die
Lösungsvorschläge im Einzelnen: 1. Finanzielle Anreize durch Zahlungen und
Märkte Zahlungen für Ökosystemdienstleistungen können von lokalen (z.B.
Trinkwasserversorgung) bis zu globalen Lösungen (REDD-Plus-System zur Rettung
der Tropenwälder) reichen.
2. Schädliche Subventionen für die Umwelt
reformieren Die Subventionen für Landwirtschaft, Fischfang, Energie, Verkehr
und andere Bereiche machen zusammen pro Jahr global fast eine Billion US-Dollar
aus. Bis zu einem Drittel dieser Subventionen unterstützen die Produktion und
den Verbrauch von fossilen Brennstoffen. Die Reform umweltschädlicher
Subventionen ist daher dringend notwendig.
3. Konsequente Anwendung des
Verursacherprinzips Viele Bedrohungen für die Biodiversität können durch
stabile Gesetzesrahmen bekämpft werden. Noch wirksamer werden diese, wenn sie
mit Bezahl- und Kompensationsmechanismen gekoppelt werden, um die momentane
Situation zu verbessern, in der die Gesellschaft meist die Kosten trägt. (So hat
beispielsweise eine Untersuchung im Süden Thailands ergeben, dass die durch
Subventionen geförderte Umwandlung von Mangrovenwäldern in Aquakulturbetriebe
zur Garnelenzucht den Besitzern einen privaten Gewinn von über 1000 US-Dollar
pro Hektar brachte. Die Wiederherstellung des ursprünglichen Zustandes kostet
jedoch rund 9000 US-Dollar und wird von der Gesellschaft getragen.
Mangrovenwälder bringen durch Holz, Fischerei und Küstenschutz einen geschätzten
Nutzen von etwa 12000 US-Dollar pro Hektar und dabei ist der Nutzen als
Kohlenstoffspeicher noch nicht eingerechnet.)
4. Wertsteigerungen durch
Schutzgebiete Momentan stehen 13,9 Prozent der Erdoberfläche, 5,9 Prozent der
Binnengewässer und nur 0,5 Prozent der Meere unter Schutz, aber das Einkommen
von einem Sechstel der Bevölkerung hängt wesentlich von diesen Gebieten ab. Eine
Ausweitung und verbesserte Finanzierung würde sich auch hier lohnen.
(Schätzungen zufolge könnte das Unterschutzstellen von 20 bis 30 Prozent der
Ozeane eine Million Arbeitsplätze schaffen und Fischerträge von 70 bis 80
Milliarden US-Dollar pro Jahr sowie Ökosystemdienstleistungen im Wert von 4,5
bis 6,7 Billionen US-Dollar erbringen. Wird die Überfischung der Meere jedoch
fortgesetzt, dann ist der Kollaps der Fischindustrie vorprogrammiert und damit
gravierende soziale Probleme. Ähnlich sieht die Bilanz für Schutzgebiete auf dem
Land aus: Untersuchungen aus Schottland haben ergeben, dass der öffentliche
Nutzen aus Schutzgebieten wie dem Natura-2000-Netzwerk dreimal höher ist als
dessen Kosten einschließlich des Managements und aller Zusatzkosten.)
5.
Investitionen in ökologische Infrastruktur Investitionen in die ökologische
Infrastruktur stellen kosten-effektive Möglichkeiten dar, um zahlreiche
politische Ziele zu erreichen, wie z.B. eine verbesserte Widerstandsfähigkeit
gegenüber dem Klimawandel, ein verringertes Risiko von Naturkatastrophen, eine
sichere Nahrungs- und Wasserversorgung und damit auch ein Beitrag zur
Armutsbekämpfung. Investitionen in die Erhaltung von Ökosystemen sind fast immer
günstiger als zerstörte Ökosysteme wieder
aufzubauen.