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16.11.2009

Schutz der natürlichen Ressourcen kann für Wohlstand sorgen

Über 100 Wissenschaftler haben Politiker weltweit aufgefordert, die momentane Subventionspolitik zu überdenken. Subventionen für Schlüsselbereiche wie Landwirtschaft, Fischfang, Bergbau und Energie ergäben zusammen fast eine Billiarde US-Dollar pro Jahr, was einem Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts entspräche. Viele dieser Subventionen tragen massiv zur Zerstörung der natürlichen Ressourcen bei und vernichten damit zukünftige Nutzungsoptionen. Ferner sind viele Subventionen ineffizient, überholt oder schädlich, schreiben die Forscher im aktuellen TEEB-Report zum ökonomischen Wert der biologischen Vielfalt, der am Freitag vorgestellt wurde.

Quelle: (idw) Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ
Ein Prozent des globalen Bruttoinlandsproduktes würde nach Berechnungen des 2006 veröffentlichten Stern-Reports bereits ausreichen, um die Schäden des Klimawandels einzudämmen, die auf fünf bis zehn Prozent des globalen Bruttoinlandsproduktes geschätzt werden. Es mache also doppelt Sinn, schädliche Subventionen in Zeiten ökonomischer und ökologischer Krisen zu reformieren, so die Umweltökonomen im neuen TEEB-Report.
"Die Ökonomie der Ökosysteme und der Biodiversität" (The Economics of Ecosystems and Biodiversity - TEEB) wurde 2007 ins Leben gerufen. TEEB ist eine unabhängige Studie, die vom Ökonomen Pavan Sukhdev geleitet und vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) organisiert wird. Die wissenschaftliche Koordination erfolgt am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig. Finanziert wird die Studie von der Europäischen Kommission, Deutschland, Großbritannien und den Niederlanden sowie neuerdings auch von Norwegen und Schweden.

Der erste Endbericht der TEEB-Studie wendet sich an die nationale und internationale Politik. Für den Schutz der biologischen Ressourcen sehen die Wissenschaftler vier Hauptprobleme: Die Abholzung der Wälder müsse gestoppt werden, da sie wesentlich zum Klimawandel beitrage. Die tropischen Korallenriffe müssten geschützt werden, da sie die Lebensgrundlage einer halben Milliarde Menschen seien. Die Fischbestände der Weltmeere müssen geschützt und besser gemanagt werden, da sonst der Kollaps des Fischfangs auf den Weltmeeren akut hunderttausende Arbeitsplätze bedrohe und heute bereits zu Einnahmeverlusten von jährlich bis zu 50 Milliarden US-Dollar führt, verglichen mit einem nachhaltigeren Management der Bestände. Und schließlich müssten sich Politiker weltweit bewusst werden, dass der Niedergang der Ökosysteme ein wesentlicher Grund für die anhaltende Armut der Landbevölkerung in den Entwicklungsländern sei.
Zur Lösung dieser drängenden Probleme schlagen die Wissenschaftler vor, finanzielle Anreize für den Schutz durch Zahlungen für Ökosystemdienstleistungen zu schaffen. "Die UN-Initiative zur Vermeidung und Reduzierung der Entwaldung (REDD-Plus) könnte das erste globale System für bezahlte Ökosystemdienstleistungen werden", so Dr. Heidi Wittmer, die das wissenschaftliche Koordinationsteam der TEEB-Studie leitet. "Eine REDD-Plus-Vereinbarung bei den aktuellen Klimaverhandlungen und ihre Etablierung ist eine einmalige Chance für einen kosteneffektiven Klimaschutz mit deutlichem Nutzen für die Umwelt." Allein der Verlust an tropischen Regenwäldern macht momentan etwa ein Fünftel der globalen Emissionen an Treibhausgasen aus. Die Wälder der Erde speichern insgesamt 547 Gigatonnen Kohlenstoff und können laut Schätzungen bis zu 4,8 Gigatonnen pro Jahr aufnehmen. Die Emissionen, die beim Abholzen entstehen, sind beachtlich - können aber vergleichsweise leicht vermieden werden. Wiederaufforstung ist daher ein kostengünstiger Beitrag zur Lösung des Kohlendioxidproblemes.
Die Bedeutung der Ökosystemverluste ist jedoch bei weitem nicht auf den Klimawandel beschränkt: Sie betreffen auch die Versorgung mit Nahrungsmitteln und Trinkwasser sowie die Energiesicherheit - wachsende globale Probleme, die in einigen Jahren alle Länder betreffen können. Daher schlagen die Wissenschaftler um Berichtskoordinator Patrick ten Brink vom Institut für Europäische Umweltpolitik (IEEP) in Brüssel neben der Reformierung des momentanen Subventionssystems die konsequente Anwendung des Verursacherprinzips und eine deutliche Ausweitung der Schutzgebiete vor.
Die Erfahrungen mit dem Weltklimarat IPCC würden zu gemeinsamen Anstrengungen ermutigen, denn ein wirklicher Wandel der politischen Prioritäten und sozialen Einstellungen sei möglich, schreiben die Wissenschaftler. Die Aktionen zum Klimawandel hätten die Tür geöffnet für zahlreiche Maßnahmen zum Schutz des natürlichen Kapitals der Erde. Die Einrichtung eines globalen Biodiversitätsrates (Intergovermental Science-Policy Platform for Biodiversity and Ecosystem Services - IPBES) könne der Startschuss dafür sein.
"Natürliches Kapital hat das Potenzial, eine gute Investition zu sein, die die Existenzgrundlagen sichert und nachhaltigen ökonomischen Nutzen bis weit in die Zukunft verspricht", sagt Studienleiter Pavan Sukhdev. "Wir hoffen, dass die harte Arbeit von Ökologen, Ökonomen und Politikwissenschaftlern aus der ganzen Welt, die in den letzten fünfzehn Monaten den TEEB-Report für die internationale Politik erarbeitet haben, zu einen Politikwechsel beiträgt, der zu echtem Fortschritt führt und uns erlaubt, eine Gesellschaft zu errichten, die in Frieden mit sich selbst und in Harmonie mit der Natur lebt."
Weitere TEEB-Reports für Lokalpolitiker und Verwaltung, Unternehmer und Bürger werden in den nächsten Monaten folgen. Der erste Zwischenbericht wurde auf der COP-9, der Vertragsstaatenkonferenz zur Biodiversitätskonvention, in Bonn vorgestellt. Dabei wiesen die Forscher im Mai 2008 auf die Verbindung zwischen Armut und dem Verlust der Biodiversität hin und warnten davor, dass dadurch verschiedene Millenniumsziele nicht erreicht werden. Im September 2009 wurde ein erster thematischer Bericht vom damaligen Bundesumweltminister Sigmar Gabriel und Karl Falkenberg, dem Generaldirektor der Generaldirektion Umwelt der Europäischen Union, in Berlin vorgestellt. Dessen zentrale Botschaft war, dass Investitionen in die Wiederherstellung und Aufrechterhaltung von Ökosystemen eine Schlüsselrolle bei der Bekämpfung des Klimawandels und der Anpassung der Volkswirtschaften einnehmen können.
Tilo Arnhold

Die Lösungsvorschläge im Einzelnen:
1. Finanzielle Anreize durch Zahlungen und Märkte
Zahlungen für Ökosystemdienstleistungen können von lokalen (z.B. Trinkwasserversorgung) bis zu globalen Lösungen (REDD-Plus-System zur Rettung der Tropenwälder) reichen.

2. Schädliche Subventionen für die Umwelt reformieren
Die Subventionen für Landwirtschaft, Fischfang, Energie, Verkehr und andere Bereiche machen zusammen pro Jahr global fast eine Billion US-Dollar aus. Bis zu einem Drittel dieser Subventionen unterstützen die Produktion und den Verbrauch von fossilen Brennstoffen. Die Reform umweltschädlicher Subventionen ist daher dringend notwendig.

3. Konsequente Anwendung des Verursacherprinzips
Viele Bedrohungen für die Biodiversität können durch stabile Gesetzesrahmen bekämpft werden. Noch wirksamer werden diese, wenn sie mit Bezahl- und Kompensationsmechanismen gekoppelt werden, um die momentane Situation zu verbessern, in der die Gesellschaft meist die Kosten trägt. (So hat beispielsweise eine Untersuchung im Süden Thailands ergeben, dass die durch Subventionen geförderte Umwandlung von Mangrovenwäldern in Aquakulturbetriebe zur Garnelenzucht den Besitzern einen privaten Gewinn von über 1000 US-Dollar pro Hektar brachte. Die Wiederherstellung des ursprünglichen Zustandes kostet jedoch rund 9000 US-Dollar und wird von der Gesellschaft getragen. Mangrovenwälder bringen durch Holz, Fischerei und Küstenschutz einen geschätzten Nutzen von etwa 12000 US-Dollar pro Hektar und dabei ist der Nutzen als Kohlenstoffspeicher noch nicht eingerechnet.)

4. Wertsteigerungen durch Schutzgebiete
Momentan stehen 13,9 Prozent der Erdoberfläche, 5,9 Prozent der Binnengewässer und nur 0,5 Prozent der Meere unter Schutz, aber das Einkommen von einem Sechstel der Bevölkerung hängt wesentlich von diesen Gebieten ab. Eine Ausweitung und verbesserte Finanzierung würde sich auch hier lohnen. (Schätzungen zufolge könnte das Unterschutzstellen von 20 bis 30 Prozent der Ozeane eine Million Arbeitsplätze schaffen und Fischerträge von 70 bis 80 Milliarden US-Dollar pro Jahr sowie Ökosystemdienstleistungen im Wert von 4,5 bis 6,7 Billionen US-Dollar erbringen. Wird die Überfischung der Meere jedoch fortgesetzt, dann ist der Kollaps der Fischindustrie vorprogrammiert und damit gravierende soziale Probleme. Ähnlich sieht die Bilanz für Schutzgebiete auf dem Land aus: Untersuchungen aus Schottland haben ergeben, dass der öffentliche Nutzen aus Schutzgebieten wie dem Natura-2000-Netzwerk dreimal höher ist als dessen Kosten einschließlich des Managements und aller Zusatzkosten.)

5. Investitionen in ökologische Infrastruktur
Investitionen in die ökologische Infrastruktur stellen kosten-effektive Möglichkeiten dar, um zahlreiche politische Ziele zu erreichen, wie z.B. eine verbesserte Widerstandsfähigkeit gegenüber dem Klimawandel, ein verringertes Risiko von Naturkatastrophen, eine sichere Nahrungs- und Wasserversorgung und damit auch ein Beitrag zur Armutsbekämpfung. Investitionen in die Erhaltung von Ökosystemen sind fast immer günstiger als zerstörte Ökosysteme wieder aufzubauen.

Weitere Informationen:


Publikation:
TEEB - The Economics of Ecosystems and Biodiversity for National an International Policy Makers 2009.
http://www.teebweb.org

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