29.01.2010
Treibhausgasbilanzen von Land- und Forstwirtschaft werden umfassend erforscht
Braunschweiger Forscherteam koordiniert EU-Projekt mit mehr als 40 Partnern
Quelle: (idw) Johann Heinrich von Thünen-Institut, Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und FischereiDer überwiegende Teil der europäischen Landfläche wird land-
und forstwirtschaftlich genutzt. Mit Blick auf den Klimawandel ist es daher von
besonderem Interesse, wie viel Treibhausgase durch die Land- und Forstwirtschaft
aufgenommen und gebunden beziehungsweise in die Atmosphäre abgegeben werden. Man
spricht hier von Senken- bzw. Quellenfunktion. Eine der größten europäischen
Forschungsanstrengungen zur Aufklärung dieser Mechanismen, das so genannte
'GHG-Europe'-Projekt, wird in diesen Tagen auf den Weg gebracht. Koordiniert
wird das Projekt, das mehr als 40 Arbeitsgruppen aus ganz Europa umfasst, vom
Johann Heinrich von Thünen-Institut (vTI) in Braunschweig.
Ehrgeiziges
Ziel des Projektes ist es, die Treibhausgasbilanz Europas zu berechnen, die
Größenordnung der verschiedenen Treibhausgasquellen und -senken zu erfassen und
ihre regionale Verteilung und zeitliche Dynamik zu bestimmen. Dafür stellt die
Europäische Union innerhalb der nächsten dreieinhalb Jahre fast 7 Millionen Euro
zur Verfügung, weitere etwa 12 Millionen Euro fließen aus nationalen und
universitären Mitteln in das Projekt. "Wir versuchen, die anthropogenen Faktoren
wie die Landnutzung von natürlichen Faktoren wie dem Wetter und der
Klimavariabilität zu trennen", erläutert die Projektkoordinatorin Dr. Annette
Freibauer vom Institut für Agrarrelevante Klimaforschung des von
Thünen-Instituts. "Wenn wir die ablaufenden Prozesse besser verstehen, können
wir eher abschätzen, welche Maßnahmen in der Land- und Forstwirtschaft ergriffen
werden müssen, um deren positiven Effekt für die Klimabilanz auch für die
Zukunft zu erhalten."
Zum Auftakt des Projekts treffen sich
Wissenschaftler aus über 40 europäischen Forschungseinrichtungen vom 27. bis 29.
Januar in der italienischen Stadt Orvieto. Welche Ökosysteme werden am
sensibelsten auf Klimaveränderungen reagieren? Welche Managementoptionen stehen
in der Land- und Forstwirtschaft zu Verfügung, um Kohlenstoffsenken zu erhalten
und Treibhausgasemissionen zu minimieren? Fragen dieser Art versucht
'GHG-Europe' zu beantworten.
In dem Projekt sollen die Erkenntnisse aus
verschiedenen nationalen und internationalen Klimaforschungsprojekten zu einer
integrierenden Gesamtbewertung zusammengefasst werden. Aufbauend auf den
Messungen von über 100 kontinentalen Mess-Stationen, verteilt über alle
Klimaregionen und Ökosysteme Europas, wird analysiert, welchen Beitrag die
unterschiedlichen Landnutzungssysteme zu den Emissionen und Senken der drei
wichtigsten Treibhausgase Kohlendioxid (CO2), Lachgas (N2O) und Methan (CH4)
leisten. Die Wissenschaftler bringen Langzeitmessungen aus ganz Europa zusammen
und initiieren Treibhausgasmessungen in Regionen, die bisher kaum untersucht
wurden, wie die osteuropäischen Wälder und die mediterrane Macchia
(Strauchheide). Die Messwerte aus diesem Netzwerk an Beobachtungsstationen
fließen in Computer-Modelle, um Vorhersagen über zukünftige
Treibhausgasemissionen bei sich veränderndem Klima treffen zu können. Dazu
werden auch sozioökonomische Modelle genutzt, um die Wechselwirkungen zwischen
ökonomischer Entwicklung, Landnutzungsszenarien und Treibhausgas-Emissionen zu
verstehen. "Zum ersten Mal in Europa werden in einem umfassenden Ansatz alle
drei wichtigen Treibhausgase zusammen untersucht. Dies ist besonders wichtig, um
die Rolle der Land- und Forstwirtschaft für den Klimaschutz zu verstehen", sagt
Annette Freibauer. So nehmen Wälder weltweit etwa ein Drittel der menschlichen
Emissionen von Kohlendioxid auf. Diese Senke unterliegt aber starken jährlichen
Schwankungen. In dem besonders warmen Sommer 2003 ging zum Beispiel die
CO2-Aufnahme der Wälder in Europa fast auf Null zurück. Auf der anderen Seite
werden Lachgas und Methan aus der Landwirtschaft und durch die Entwässerung von
Mooren freigesetzt und kompensieren in Europa völlig die positive Rolle der
Wälder für den Klimaschutz.
Hintergrund der Forschungen sind die
Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen und die laufenden Verhandlungen für
ein Post-Kyoto-Abkommen, in dem eine deutliche Verringerung der
Treibhausgas-Emissionen festgeschrieben werden soll. 'GHG-Europe' will eine
Gesamtklimabilanz möglich machen, in dem nicht nur die positiven
Senkenleistungen der Biosphäre berücksichtigt sind, sondern auch die durch die
Landnutzung und natürliche Quellen verursachten Treibhausgase. Für langfristige
Klimaschutzbemühungen ist es unabdingbar zu verstehen, wie Ökosysteme auf den
Klimawandel reagieren und wie sie dauerhaft klimafreundlich genutzt werden
können. Das Projekt stellt damit sicher, dass Europa an vorderster Front der
Klimaforschung bleibt.