11.02.2010
Sonnenlicht - Energiequelle für die Erde
Ein Treffen im Juli 2009 im Kloster Seeon am Chiemsee brachte 30 führende Chemiker aus China, Deutschland, Großbritannien, Japan und den USA unter der Überschrift "Powering the World with Sunlight" zusammen. Über dieses "First Annual Chemical Sciences and Society Symposium" (CS3), das als Klausurtagung angelegt war, ist Ende Januar 2010 ein Weißbuch in deutscher Sprache erschienen: Sonnenlicht als Energiequelle für die Erde. Es geht vor allem ein auf die künstliche Photosynthese ("Wenn es ein Blatt kann, können wir es auch"), auf die Nutzung von Sonnenenergie, die in Biomasse gespeichert ist, auf die Konversion von Solarenergie in elektrische Energie (nächste Generation von Photovoltaik-Systemen) und auf die Speicherung von Solarenergie.
Quelle: (idw) Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V.Die enge Beziehung zwischen Energie und Chemie macht die Lösung der
Energieprobleme zu einer besonderen Herausforderung für die chemische
Wissenschaft. "Insbesondere spielt die Chemie eine wichtige Rolle bei der
Umwandlung und Speicherung von Sonnenenergie", betont Professor Dr. Klaus
Müllen, Vizepräsident der Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh), die die
Federführung beim Seeoner Treffen hatte. Nach zwei Tagen intensiver Diskussion
wurden deren Ergebnisse im Abschlussplenum zusammengefasst und im Konsens aller
anwesenden Wissenschaftler verabschiedet. Auf dieser Grundlage wurde das
Weißbuch erarbeitet, das die GDCh-Geschäftsstelle in Frankfurt kostenlos
abgibt.
Unter dem Begriff künstliche Photosynthese versteht man Prozesse,
die die Sonnenenergie in chemische Energie umwandeln. Genau das ist es, was
Pflanzen bei der natürlichen Photosynthese machen. Sie nehmen Kohlendioxid (CO2)
und Wasser (H2O) auf und produzieren daraus Sauerstoff (O2) und Kohlenhydrate.
Dazu müssen sie Wasser spalten und CO2 umwandeln. In der Chemie sind das zwei
interessante Prozesse, die zum einen zum Wasserstoff führen, der als künftiger
Energieträger in der Diskussion ist, und zum anderen das Treibhausgas CO2
nutzbringend verwerten. So wollen die Chemiker Katalysatoren entwickeln, die zum
einen eine photokatalytische Wasserspaltung ermöglichen und zum anderen in der
Lage sind, das äußerst stabile CO2 zu reduzieren. Könnte es gelingen, beide
Prozesse zu verknüpfen, hätte man eine Art künstliches Blatt geschaffen.
Sonnenenergie wird in der Natur zu Biomasse umgewandelt. Pflanzen sind
also die natürlichen Speicher der Sonnenenergie, aus denen man nun
Biokraftstoffe und Rohstoffe für die chemische Industrie gewinnen möchte. Das
darf nicht in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion geschehen, weder was die
Pflanzen noch die Flächennutzung angeht. Also möchten die Chemiker versuchen,
Abfälle aus der Land- und Forstwirtschaft sowie aus der Nahrungsmittelproduktion
als Rohstoffbasis für Kraftstoffe und für die chemische Industrie zu nutzen. Da
das für den künftigen Bedarf nicht reichen würde, muss natürlich auch andere
Biomasse, insbesondere Non-Food Biomasse, beispielsweise Holz, chemisch
konvertiert werden. Seit Menschengedenken ist der einfachste Fall einer solchen
chemischen Konvertierung bekannt: die Verbrennung, um Wärmeenergie zu erzeugen.
Aber in der Chemie wie in der Gesellschaft wird eher an eine Umwandlung zu
Wertstoffen gedacht, zu denen Biokraftstoffe zählen. Dazu Professor Dr. Ferdi
Schüth vom Max-Planck-Institut für Kohlenforschung (Mülheim/Ruhr): "Kraftstoffe
und Rohstoffe werden sich noch am ehesten aus Biomasse gewinnen lassen. Aber die
Behauptung, Biomasse könne die Weltenergieprobleme weitgehend lösen, halte ich
für übertrieben."
Als dringendes von der Forschung zu lösendes Problem
sahen die Wissenschaftler die Entwicklung von Materialien für
Photovoltaik-Systeme der nächsten Generation an. Diese Systeme sollten deutlich
preisgünstiger als die gegenwärtig etablierten Silicium-basierten Solarzellen
sein. Die neuen Materialien sollten Elemente und Rohstoffe enthalten, die
ausreichend zur Verfügung stehen und die nicht toxisch sind. Während die
gegenwärtigen, nur sehr energieaufwändig herstellbaren Silicium-Solarzellen zwar
immer noch weiter verbessert werden - so kommen sie heute bei einem
Modul-Wirkungsgrad von bis zu 18 Prozent mit etwa 50 Prozent weniger Silicium
als noch vor sieben Jahren aus -, wurden mittlerweile Dünnschicht-Solarzellen
entweder aus amorphem Silicium oder aus anderen anorganischen Mischhalbleitern
wie beispielsweise Kupfer-Indium-Gallium-Selenid oder Cadmiumtellurid
entwickelt. Solche Solarzellen mit einem Wirkungsgrad bis zu zwölf Prozent sind
kostengünstiger, weil materialsparender, aber das Material ist instabiler
gegenüber Licht, zudem wirken Selen, Cadmium oder Tellur toxisch.
Zu den
Photovoltaik-Konzepten der nächsten Generation zählen Farbstoff-sensibilisierte
Solarzellen, die sichtbares Licht absorbierende (metall)organische Farbstoffe
enthalten und auf nanokristallinem, sehr preiswertem Titandioxid als Halbleiter
gebunden sind. Im Labor ermittelte Effizienzen liegen derzeit bei über elf
Prozent, und erste Prototypen für die sonnengetriebene Beladung von Akkus oder
für transparente, photovoltaisch aktive Glasbeschichtungen liegen schon vor.
Große Hoffnungen werden auf organische Solarzellen gesetzt, deren aktive
Komponenten entweder aus halbleitfähigen Polymeren oder aus niedermolekularen
organischen Halbleitern bestehen. Wie Professor Dr. Peter Bäuerle von der
Universität Ulm in Seeon ausführte, werden inzwischen schon Wirkungsgrade von
sechs bis sieben Prozent erreicht, und die Vision ist, dass man zukünftig
großflächige photovoltaische Elemente auf flexiblen Unterlagen in einem
kontinuierlichen Prozess wie Zeitungen sehr kostengünstig drucken will. Für
diese zukunftsträchtigen Technologien werden aber verbesserte organische
Materialien benötigt - eine Herausforderung für die chemische
Forschung.
Bleibt noch die Frage der Energiespeicherung. Professor Daniel
Nocera vom Massachusetts Institut of Technology wies darauf hin, dass die Natur
chemische (Brenn-)Stoffe zur Speicherung von Sonnenenergie gewählt hätte, weil
chemische Bindungen die höchsten Energiedichten aufwiesen. Prinzipiell böten
sich auch für die künftige Energieversorgung solche chemischen Speichermedien,
beispielsweise Methanol, an, sagte Professor Dr. Robert Schlögl vom
Fritz-Haber-Institut in Berlin. Habe man zunächst nur an Wasserstoff als
chemischem Energiespeicher gedacht habe, würde man nun Alternativen durchdenken.
Die Entwicklung neuer Batteriesysteme zur Speicherung elektrischer
Energie war lange vernachlässigt worden, jetzt erhofft man sich für die
kommenden Jahre den Durchbruch für leistungsfähigere Systeme. Professor Dr.
Jürgen Janek von der Universität Gießen machte deutlich, dass diese Art der
Energiespeicherung aber nicht nur ein Problem der Chemie sei, sondern der
Koordination und Organisation. Ein über ein Netz verbundenes
Batteriespeichersystem müsse sorgfältig durchdacht, konzipiert und organisiert
werden.
Die CS3-Diskussionen wurden bei einem Embassy Networking Dinner
im August 2009 im Deutschen Haus in Washington aufgegriffen, zu dem die Deutsche
Botschaft, die GDCh, die American Chemical Society (ACS) und die Deutsche
Forschungsgemeinschaft (DFG) führende amerikanische und deutsche Wissenschaftler
eingeladen hatten, um das Thema Energie und Lösungsansätze aus der Chemie zu
diskutieren. Schlögl und Nocera stellten eingangs die Highlights aus CS3 vor. Es
wurde ein bilateraler Aktionsplan zur Förderung der Energieforschung für die
kommenden drei Jahre angestoßen. Deutlich wurde, dass für die Umstellung auf
eine nachhaltige Energieversorgung erhebliche Geldmittel erforderlich sind und
dass die Solarenergieforschung hohe Priorität hat. Ein weltweit einheitliches
System der nachhaltigen Energieversorgung sei jedoch nicht umsetzbar und auch
nicht anzustreben. Wissenschaftler sollten sich verstärkt für die
Energiewissenschaften engagieren und der Öffentlichkeit und Politik den
wichtigen Beitrag der Chemie zur Energieforschung besser
verdeutlichen.
Die Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) ist mit rund
29.000 Mitgliedern eine der größten chemiewissenschaftlichen Gesellschaften
weltweit. Sie veranstaltet internationale und nationale Tagungen sowie
Fortbildungskurse zu allen Gebieten der Chemie, gibt international renommierte
Fachpublikationen sowie allgemein interessierende Informationsbroschüren heraus.
2006 wurden die GDCh-Energieinitiative und der Koordinierungskreis Chemische
Energieforschung ins Leben gerufen, die bewusst machen sollen, dass Chemiker in
hohem Maße zur Lösung des Energieproblems beitragen können.