17.02.2010
CO2 Reduzierung durch künstlichen Auftrieb im Ozean? - Meeresforscher halten Verfahren für ungeeignet
Es klingt ganz einfach: Künstliches Hochpumpen von nährstoffreichem Wasser an die Meeresoberfläche verstärkt das Algenwachstum, die Algen nehmen dabei Kohlendioxid auf und transportieren es beim Absinken mit in die Tiefe. Ein internationales Forscherteam unter Leitung des Leibniz-Instituts für Meereswissenschaften (IFM-GEOMAR) stellte diesen "Geo-engineering" Ansatz jetzt in Computersimulationen mit einem Erdsystemmodell auf den Prüfstand. Ergebnis: Der Nutzen dieser Behandlung für den Klimapatienten Erde ist begrenzt und die Nebenwirkungen können erheblich ausfallen. Die Studie erschien am 16. Februar in der renommierten Fachzeitschrift Geophysical Research Letters.
Quelle: (idw) Leibniz-Institut für Meereswissenschaften, KielDass erhebliche Anstrengungen notwendig sind, um die
Auswirkungen des vom Menschen verursachten Klimawandels noch in einem
vertretbaren Rahmen zu halten, ist mittlerweile unstrittig. Wie man die
Konzentrationen der klimaschädlichen Spurengase, insbesondere Kohlendioxid, am
besten reduziert, ist Thema zahlreicher Forschungsprojekte. Neben einer bisher
nicht durchsetzbaren nachhaltigen Verringerung der Emissionen sind inzwischen
auch verschiedene großtechnische Verfahren in der Diskussion, die den
CO2-Anstieg in der Atmosphäre oder zumindest die globale Erwärmung bremsen
sollen. In solchen Ansätzen, die unter dem Schlagwort "Geo-engineering"
zusammengefasst werden, gibt es auch Ideen, wie man mehr Kohlendioxid im Ozean
binden und langzeitlich speichern kann. Eine neue Methode, die mit Hilfe
künstlicher Pumpen nährstoffreiches Wasser aus den Tiefen der Weltmeere an die
Oberfläche bringen und so mehr CO2 im Wasser binden könnte, wurde jetzt von
einem internationalen Forscherteam unter Leitung des Leibniz-Instituts für
Meereswissenschaften (IFM-GEOMAR) auf ihre Wirksamkeit hin
untersucht.
Einem neuen "Geo-engineering"-Ansatz zufolge soll mit
mehreren hundert Meter langen Kunststoffschläuchen, die senkrecht im Ozean
treiben, durch die Wellenbewegung über Rückschlagklappen nährstoffreiches
Tiefenwasser an die Oberfläche gepumpt werden. In Feldexperimenten konnte ein
Pumpenhersteller nach eigenen Angaben bereits zeigen, dass damit ein
wesentlicher Düngeeffekt erzeugt werden kann, der z.B. für Fischfarmen
wirtschaftlich interessant ist. Darüber hinaus wurde in mehreren Studien ein
großskaliger Einsatz der Pumpen zur Reduktion von atmosphärischen CO2
vorgeschlagen: Ein Teil der durch die Düngung erzeugten kohlenstoffhaltigen
Biomasse sinkt in die Tiefe, entzieht damit dem Oberflächenwasser CO2, das dann
aus der Atmosphäre nachströmen kann. "Von der großtechnischen Machbarkeit
abgesehen, hat diese Methode, wie viele andere auch, nur ein sehr begrenztes
Potential und das Risiko erheblicher Nebenwirkungen", erläutert der Hauptautor
der Studie, Prof. Dr. Andreas Oschlies vom IFM-GEOMAR. In der Modellstudie, die
er zusammen mit Kollegen in Großbritannien und Australien durchgeführt hat,
zeigte sich, dass unter günstigsten Annahmen 3 Gigatonnen Kohlendioxid pro Jahr
durch dieses Verfahren gebunden werden könnten. (Zum Vergleich: Der weltweite
anthropogene CO2-Ausstoß beträgt derzeit ca. 36 Gigatonnen pro Jahr). "Was uns
besonders verwundert hat, ist die Tatsache, dass in unserem Computermodell der
Großteil des Effekts nicht im Wasser sondern an Land stattfand", erklärt
Co-Autor Dr. Markus Pahlow vom IFM-GEOMAR. "Ursache dafür sind die niedrigeren
Temperaturen des hochgepumpten Wassers, was zu einer Abkühlung der Atmosphäre
führt und damit auch die Zersetzung von organischem Material vor allem in den
Böden verlangsamt", so Pahlow weiter. "Dieser Effekt ist über die globale
Landfläche verteilt und tritt auch weit entfernt vom Einsatzgebiet der Pumpen
auf, was eine Messung und damit Bewertung des Erfolgs oder Misserfolgs dieser
Methode in der Praxis extrem schwierig gestalten würde", resümiert Pahlow.
"Hinzu kommt noch ein zweiter kritischer Punkt: Stellt man das Pumpen
ein, steigen die atmosphärische CO2-Konzentration und Oberflächentemperaturen
rasch an und übersteigen sogar das Niveau, das man ohne den Einsatz der Pumpen
erreicht hätte", sagt Prof. Oschlies. Die Pumpen dürften also nie stillstehen
oder abgeschaltet werden. Das ist ein bisschen so, wie in Goethes
Zauberlehrling: 'Die ich rief, die Geister, werd' ich nun nicht los.'" Auch wenn
sicher noch nicht alle Wechselwirkungen bekannt und korrekt modelliert sind,
zeichne sich schon ab, dass auch dieses Verfahren sicher nicht die Lösung
unseres Problems darstellen kann, fasst Oschlies zusammen.
Weitere Informationen:Originalarbeit:
Oschlies, A., M. Pahlow, A. Yool and R. J. Matear,
2010: Climate engineering by artificial ocean upwelling - channelling the
sorcerer's apprentice. Geophys. Res. Lett., 37,
DOI:10.1029/2009GL041961.
Ansprechpartner:
Prof. Dr. Andreas Oschlies
Tel. 0431 600-1936,
aoschlies@ifm-geomar.deDr. Andreas
Villwock (Öffentlichkeitsarbeit), Tel. 0431 600-2802,
avillwock@ifm-geomar.de