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TUB: Das öffentliche Auto
Für eine energieeffiziente Stadt müssen Routinen im Verkehrsverhalten durchbrochen werden
Quelle: (idw) Technische Universität Berlin
18.11.2008. Zwei Milliarden Fahrzeuge wird es im Jahr 2050 weltweit
geben. Das zumindest ist die Prognose des World Business Council for Sustainable
Development (WBCSD), eines internationalen Zusammen-schlusses von
Mineralölproduzenten und Automobilherstellern. Zum Vergleich führt
TU-Professorin Christine Ahrend die Zahl aus dem Jahre 2000 an. Da bestand der
globale Fuhrpark noch aus 700 Millionen Fahrzeugen.
"Angesichts dieser
Entwicklung wird es unumgänglich sein, dass sich das Verkehrsverhalten in der
Gesellschaft grundsätzlich ändert. Es müssen Alternativen aufgezeigt werden, die
es den Menschen ermöglichen, sich von eingeübten Routinen zu verabschieden",
sagt Prof. Dr. Christine Ahrend, die seit 2007 am Institut für Land- und
Seeverkehr der TU Berlin das Fachgebiet "Integrierte Verkehrsplanung" lehrt.
"In den städtischen Ballungsräumen wird es unverzichtbar sein, den
privaten Individualverkehr, der hauptsächlich an das Auto gebunden ist, mit dem
öffentlichen Kollektivverkehr klug und - für den Autofahrer ganz wichtig -
komfortabel miteinander zu verknüpfen", sagt die Verkehrsforscherin. Für diese
Vision haben Christine Ahrend und ihr Kollege Dr. Oliver Schwedes einen kurzen
und prägnanten Begriff geprägt - das "öffentliche Auto".
Kern der Idee
ist, dass im öffentlichen Stadtraum ausreichend viele Autos zur Verfügung
gestellt werden, die von jedermann bei Bedarf und zu jeder Zeit per Handy
gebucht und genutzt werden können. "Entscheidend dabei ist, dass diese Autos mit
einem emissionslosen Antrieb ausgestattet sind", so Ahrend. Denn mit dem
"öffentlichen Auto" soll nicht nur der Autoverkehr in einer Stadt, sondern auch
die Emission an Kohlendioxid entscheidend verringert werden. Die Professorin
sieht in dem "öffentlichen Auto" einen Beitrag zur Entwicklung einer
energieeffizienten Stadt.
Der Idee vom "öffentlichen Auto" liegt ein
radikaler Perspektivwechsel zugrunde. Bislang sei nur dem Sektor des
öffentlichen Verkehrs und seinen Verkehrsmitteln wie S-, U- und Straßenbahn das
Potenzial zuerkannt worden, den Verkehr in einer Stadt nachhaltig zu verändern -
sowohl hinsichtlich der Reduzierung des Volumens als auch der
Schadstoffemission. Weitgehend unberücksichtigt blieb hingegen bis heute der
Sektor des Individualverkehrs, der durch das Auto charakterisiert ist, erklärt
die Wissenschaftlerin. Die Zukunft der Mobilität jedoch ohne das Auto zu denken,
hält Ahrend für illusionär. Vielmehr bestünde die Herausforderung darin, die
Vorteile der beiden Sektoren - öffentlicher Kollektivverkehr und privater
Individualverkehr - optimal miteinander zu verflechten. "Was die individuelle
Freiheit im Zusammenhang mit Mobilität anbetrifft, ist das Auto bislang
unschlagbar", sagt Christine Ahrend.
Korrektur einer
Fehlentwicklung
Mit dem "öffentlichen Auto" soll auch eine
Fehlentwicklung korrigiert werden, die dazu führte, dass öffentlicher
Kollektivverkehr und privater Individualverkehr getrennt voneinander existieren.
Diese "Entkoppelung" der beiden Verkehrsbereiche aufzuheben, sieht Christine
Ahrend als ein Gebot der Stunde. Es muss gelingen, Auto und öffentliche
Verkehrsmittel in einer Stadt so miteinander zu verschränken, dass es für einen
Autofahrer kein Hindernis mehr darstellt, zwischen privat genutztem Auto und
öffentlichen Verkehrsmitteln - je nach Situation - mühelos hin- und herzusurfen,
also am Punkt A vom Auto in die Straßenbahn umzusteigen und am Punkt B von der
Straßenbahn wieder ins Auto. Um mobil zu sein, wird nicht mehr nur ein
Verkehrsmittel genutzt wie das private Auto, sondern viele. Christine Ahrend
spricht von "multimodalen Mobilitätsroutinen".
Was Christine Ahrend an
der Vision eines "öffentlichen Autos" aus wissen-schaftlicher Sicht
interessiert, ist die planerische Integration eines solchen Projektes in den
städtischen Raum: Fragen, wie groß ein solcher öffentlicher Autopool sein muss,
wo in der Stadt Autos und Batterieaufladestationen stehen müssen oder auch wie
freiwerdende Parkflächen neu genutzt werden können, sind zu untersuchen. Der
Forschungsbedarf ist enorm.
Das "öffentliche Auto" könnte Autofahrern
helfen, ihr ausschließlich auf das Auto fixiertes Verkehrsverhalten zu
durchbrechen, ohne auf das geliebte Gefährt und seine Vorteile verzichten zu
müssen. Es brächte aber noch einen anderen handfesten Gewinn: Wenn "öffentliche
Autos" zu jeder Zeit zur Verfügung stünden, wäre es nicht mehr notwendig, ein
eigenes Auto für viel Geld Monat für Monat, Jahr für Jahr selbst zu unterhalten.
Haben Untersuchungen doch ergeben, dass viele Autos die meiste Zeit des Tages
nicht gefahren werden, sondern stehen - am Straßenrand, in Garagen oder auf
Parkplätzen.