Laufzeitbeginn: Oktober 2009 | Laufzeitende: September 2013
Besatzfisch
Schutz aquatischer Biodiversität und nachhaltiges Fischereimanagement am Beispiel des sozial-ökologischen Problemfelds Fischbesatz in der Angelfischerei
Ausgangslage
Süßwasserfische gehören weltweit zu den gefährdetsten Wirbeltieren. Etwa die Hälfte aller in Deutschland heimischen Fischarten ist gefährdet oder vom Aussterben bedroht. Fische sind wichtige Bestandteile der aquatischen Biodiversität, da sie mannigfaltige ökologische Dienstleistungen für die Gesellschaft generieren. Fischpopulationen sind beispielsweise begehrte Objekte von Anglern und Fischern, tragen zur Selbstversorgung mit Fisch bei und erhöhen den Erholungswert von Gewässern für die Gesellschaft. Hinzu kommt, dass Fische wichtige Glieder der Nahrungsnetze in Gewässern sind und damit zur Selbstregulation der Ökosysteme beitragen. In Deutschland wird der Binnenfischereisektor seit Jahrzehnten von der Freizeitfischerei (Hobby-Angelfischerei) dominiert, was sich nicht zuletzt in der volkswirtschaftlichen Bedeutung der Angelfischerei widerspiegelt: Der Umsatz beträgt dort etwa 5,2 Mrd. € jährlich, im Vergleich zur kommerziellen Seen- und Flussfischerei mit lediglich 10 Mio. € pro Jahr. Angler sind über Angelvereine oder -verbände jedoch nicht nur zur Nutzung von Süßwasserfischbeständen berechtigt, sondern als Eigentümer oder Pächter von Fischereirechten auch zu deren Hege und Pflege verpflichtet.
Die hauptsächlich durchgeführte Bewirtschaftungspraxis in der Angelfischerei ist die des alljährlich durchgeführten Fischbesatzes. Fischbesatz bezeichnet das Einbringen von in Fischzuchten aufgezogenen Jungfischen in natürliche Gewässer. Motive des Fischbesatzes umfassen die Kompensation von natürlichem Artenrückgang sowie Erhalt beziehungsweise Steigerung von Fischbeständen sowie die Wieder-Ansiedlung einheimischer Fischarten.
Fischbesatz ist eine ambivalente Bewirtschaftungspraxis. Einerseits sind viele Gewässer von anthropogenen Veränderungen der Lebensräume betroffen, so dass Fischbesatz zum Teil zu einer nachhaltigen Bewirtschaftungspraxis wird. Andererseits werden mit jedem Fischbesatz in wildlebende, autochthone und zum Teil endemische Fischbestände Genkomplexe eingetragen, die je nach Auswahl des so genannten Besatzmaterials das natürliche Adaptationspotenzial einer Fischpopulation nachteilig beeinflussen können. Diese Veränderung kann sich intra-, interspezifisch oder sogar ökosytemar auswirken. Durch Fischbesatz kommt es auch häufig zu Kreuzungen zwischen Wild- und Satzfischen, was langfristig Auswirkungen auf die Vitalität von Fischpopulationen haben kann. Hinzu kommt, dass jeder Fischbesatz das Gefahrenpotenzial in sich birgt, neue Krankheitserreger oder Parasiten aus weit entfernten Einzugsgebieten einzuführen. Dies kann die Verfügbarkeit und Qualität von Binnengewässern als Ökosystemdienstleister beeinflussen. Folgerichtig hat das Verbaucherschutz-Ministerium kürzlich in einem Positionspapier zum Erhalt der Agrobiodiversität der Erforschung und gezielten Lenkung des Fischbesatzes höchste Priorität eingeräumt. Bisher erfolgte Fischbesatz überwiegend ohne große staatliche Kontrolle in Eigenregie in den Hunderten Angelvereinen in Deutschland. Ein verheerender Mangel an Erkenntnissen zu den Nutzen und Kosten von Fischbesatz erschwert aber bis heute seine objektive Bewertung und führt als Folge der wissenschaftlichen Unsicherheit zu intensiven gesellschaftlichen Konfliktsituationen. Ausdruck dessen sind die gut dokumentierten Kontroversen zwischen Naturschutz und Fischerei. Beide Parteien haben divergierende Gutachten zu den Auswirkungen und zum Nutzen von Fischbesatz vorgelegt, ein Konsens scheint gegenwärtig nur schwer möglich.
Projektziele
Ziel des Projekts ist es, am Beispiel ausgewählter Feldstudien in Angelvereinen
- die traditionelle Fischbesatzpraxis zur Stützung von Fischpopulationen ökologisch und ökonomisch zu evaluieren;
- die mentalen Modelle von Anglern und Entscheidungsträgern in den Governance-Strukturen Angelverein und -verband zum Fischbesatz in Bezug auf Motivation, Naturwahrnehmung sowie Notwendigkeit und Wirkung zu erfassen;
- in den Bereichen Zielformulierung, Umsetzung und Erfolgskontrolle von Fischbesatz, durch aktive Integration von Anglern in den Forschungsprozess Umweltbildung anzustoßen, mit dem Ziel, die Forschungsergebnisse in den Transformationsprozess traditioneller fischereilicher Bewirtschaftungspraxis einfließen zu lassen (Action Research);
- langfristig zu einer Veränderung der Fischbesatzpraxis im Sinne des Leitbildes der Nachhaltigkeit beizutragen, indem praktische Gestaltungsmöglichkeiten zur gesellschaftlich gewünschten Veränderung der traditionellen Bewirtschaftungspraxis von Süßwasserfischbeständen aufgezeigt werden;
- durch Netzwerkbildung zwischen ökologisch forschenden Natur- und Sozialwissenschaftlern zukunftsträchtige Karrieremöglichkeiten für Nachwuchswissenschaftler/-innen zu ermöglichen.
Kontakt
Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei, Abteilung für Biologie und Ökologie der Fische
Prof. Dr. Robert Arlinghaus
Müggelseedamm 310
12587 Berlin

Telefon +49 (0)30 64181 653
Email
Junior-S-Professor für Binnenfischerei-Management
Humboldt-Universität zu Berlin
Landwirtschaftlich-Gärtnerische Fakultät
Institut für Nutztierwissenschaften
Philippstrasse 13, Haus 7
10115 Berlin
Kooperationspartner
Prof. Dr. Christoph Randler
Im Neuenheimer Feld 561
Raum B 321
Postfach 82
69121 Heidelberg
Praxispartner
Deutscher Anglerverband
Weißenseer Weg 110
10369 Berlin
fona - Forschung für Nachhaltigkeit