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Monatsthema März: Nachhaltiger Konsum - In Zeiten der Digitalisierung eine besondere Herausforderung

Zum Weltverbrauchertag am 15. März 2020: Konsum ist ein wesentlicher Teil unseres Lebens. Das Spektrum reicht von Lebensmitteln bis hin zu Luxusartikeln. Auch Wohnen und mobil sein bedeutet konsumieren. Dabei strapazieren wir die ökologische Tragfähigkeit unseres Planeten. Den meisten ist die Notwendigkeit, Konsum künftig nachhaltiger zu gestalten, bewusst. Doch wie geht das konkret? Hier sind nicht nur Verbraucherinnen und Verbraucher – hier ist die ganze Gesellschaft, also auch die Unternehmen und die Politik gefragt. An innovativen Lösungen forscht das BMBF im Förderschwerpunkt Sozial-ökologische Forschung.

Nachhaltiger Konsum

Tagtäglich „verbrauchen" wir ein Stück Welt für unsere Mobilität, Ernährung und Bekleidung, für unser Wohnen und Haushalten, fürs Arbeiten sowie für unsere Freizeit- und Urlaubsaktivitäten. Ein Beispiel: In Deutschland landen jährlich rund 12,7 Millionen Tonnen Essen im Müll. Der Großteil der Abfälle entsteht mit 55 % (7 Millionen Tonnen) in privaten Haushalten. Somit wirft jede Person in Deutschland im Durchschnitt etwa 85 Kilogramm Lebensmittel im Jahr weg. Das Projekt REFOWAS hat ermittelt: 44 Prozent davon (3 Millionen Tonnen) wären vermeidbar (vTI 2019).

Unser Konsum befriedigt unsere Bedürfnisse, belastet aber unsere Welt – sowohl ökologisch, zum Beispiel durch Ressourcenverbrauch, Abfälle und Emissionen, als auch sozial, etwa durch unwürdige Arbeitsbedingungen. Verschiedene Lebensstile haben dabei nicht nur Einfluss auf den ökologischen Fußabdruck, sondern auch auf unsere Lebensqualität. Wie kann Konsum nachhaltiger werden und das Wohlbefinden verbessern? Das ist eine Frage, der sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Sozial-ökologischen Forschung in ihren Projekten widmen. Denn die Verantwortung für nachhaltigen Konsum liegt nicht allein bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern, vielmehr ist das eine gesellschaftliche Aufgabe für alle Akteure – auch für Unternehmen und die Politik.

Es gilt, konkrete Antworten zu finden – nicht zuletzt als Beitrag zum Erreichen der globalen Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals/SDGs) der UN-Agenda 2030, für eine erfolgreiche Umsetzung der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie und für das Gelingen des Nationalen Programms für nachhaltigen Konsum. Daher fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) Projekte, die die Ursachen für nicht nachhaltige Konsum- und Produktionsmuster identifizieren und Lösungen für die Zukunft entwickeln und erproben – gemeinsam mit Stakeholdern aus der Praxis (Unternehmen, Kommunen, Verbraucher- und Umweltschutzorganisationen etc.) sowie mit Konsumierenden.

Eine exemplarische Auswahl von Forschungsergebnissen, wie nachhaltig wohnen und arbeiten oder mobil sein möglich ist, zeigt die interaktive Karte der BMBF Fördermaßnahme Nachhaltiges Wirtschaften (NaWiKo): "Nachhaltige Ideen für den Alltag".

Digitalisierung als Herausforderung für nachhaltigen Konsum

Eine besondere Herausforderung für einen nachhaltigen Konsum ist heute mehr denn je die zunehmende Digitalisierung. Beispiele sind das starke Wachstum des Onlinehandels, die Macht großer Internetkonzerne, Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt, steigender Energieverbrauch und Umweltbelastungen. Wäre das Internet ein Land, hätte es nach Berechnungen der Nachwuchsforschungsgruppe von Prof. Dr. Tilman Santarius den weltweit dritthöchsten Stromverbrauch nach China und den USA. Rund 8 Prozent des Stromverbrauchs entfallen in Deutschland auf Informations- und Kommunikationstechnologien, Tendenz steigend (in Höfner & Frick 2019, Lange & Santarius 2018).

Prof. Dr. Tilman Santarius untersucht mit seiner vom BMBF geförderten Nachwuchsforschungsgruppe „Digitalisierung und sozial-ökologische Transformation" die Stellschrauben, wo Digitalisierung und Nachhaltigkeit auseinanderklaffen und entwickelt Lösungen, unter anderem in der Forum-Reihe „Bits und Bäume". Dort erörtern Expertinnen und Experten Risiken, aber auch Chancen, die digitale Anwendungen – auch für einen nachhaltigeren Konsum in Deutschland – bieten: beispielsweise durch nachhaltige Online-Marktplätze und Sharing-Plattformen, die das gemeinsame Nutzen von Gütern und Dienstleistungen in der Nachbarschaft vereinfachen, Online Ratgeber, Barcode-Apps, Do-It-Yourself-Tutorials und Footprint-Rechner. Bisher jedoch haben diese Möglichkeiten für einen anderen Konsum in der Summe nur eine geringe Wirkung. Ihnen steht ein insgesamt steigendes Konsumniveau gegenüber, unter anderem angekurbelt durch neue Marketingmethoden und die einfache Verfügbarkeit in der digitalen Welt: Der Online-Handel wächst rasant. „Zu groß sind die Marketingmacht der Shoppingplattformen, die Verführungskraft der smarten Algorithmen und die angestammten Konsumgewohnheiten des Gros der Bevölkerung", so Santarius (siehe Lange & Santarius 2018).

"Digitalisierung bietet Tools für weniger Konsum" - Tilman Santarius, Bits & Bäume 2018

Zugleich wächst aber auch das Interesse am Thema Nachhaltigkeit und Digitalisierung. Aus dem Forschungsprojekt heraus hat sich „Bits und Bäume – Die Bewegung für Digitalisierung und Nachhaltigkeit" entwickelt, die Informatikbegeisterte und Umweltschützende zusammenbringt. Denn viele Menschen bewegen die Forschungsfragen, denen die sozial-ökologische Nachwuchsforschungsgruppe an der TU Berlin und am Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) nachgeht.

Weitere Informationen: https://www.nachhaltige-digitalisierung.de

Ausblick: Digitale Innovationen für Umweltschutz und ein nachhaltigeres Leben
Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) unterstreicht mit seinem Aktionsplan „Natürlich. Digital. Nachhaltig" die Bedeutung der Wirkungszusammenhänge zwischen Nachhaltigkeit und Digitalisierung. Als Teil dieses Aktionsplans entwickelt die Sozial-ökologische Forschung eine neue Förderbekanntmachung, die dazu beitragen soll, Wirtschaft und Gesellschaft mit Hilfe der Digitalisierung nachhaltiger zu machen.

Hintergrundwissen

Was ist nachhaltiger Konsum? Nachhaltig ist Konsum dann, wenn aus ethischen Gründen nicht nur persönliche Bedürfnisse, sondern beim Kauf von Produkten und Dienstleistungen auch deren Umwelt-, Klima- und Sozialverträglichkeit berücksichtigt werden.

Was empfiehlt die Wissenschaft? Die wpn2030 - Wissenschaftsplattform Nachhaltigkeit 2030 hat 2019 einen wissenschaftlichen Impuls für eine nachhaltige Entwicklung im Bereich Konsum an die Politik gerichtet. Zum Abschlussbericht der Arbeitsgruppe „Nachhaltiger Konsum" 

Sozial-ökologische Forschung – für nachhaltigen Konsum: Die Sozial-ökologische Forschung analysiert, oft in Realexperimenten vor Ort, welche Formen von Angebot und Nachfrage zu mehr Nachhaltigkeit im Konsum und zu mehr Lebensqualität beitragen können.
Die vom BMBF geförderte Sozial-ökologische Forschung fördert interdisziplinäre und transdisziplinäre Forschungsprojekte. Das heißt, die Projektgruppen setzen sich nicht nur aus verschiedenen Fachdisziplinen zusammen; Wissenschaft und Akteure aus der Praxis (Unternehmen, NGOs, Politik, Verwaltung, Bürgerinnen und Bürger) gestalten und bearbeiten gemeinsam das Forschungsthema, um einen engen Anwendungsbezug sicherzustellen.
Der DLR Projektträger ist mit der Förderung der Projekte vom BMBF beauftragt und vom BMBF als Mitglied im Kompetenzzentrum nachhaltiger Konsum benannt.

Weitere Informationen zum Förderschwerpunkt Sozial-ökologische Forschung: www.soef.org

Weitere Projekte der Sozial-ökologischen Forschung zum Thema Nachhaltiger Konsum

Zur Projektliste mit weiteren Informationen

Ausgewählte Projekte:

Im Projekt PeerSharing wurde in den Bereichen Mobilität, Übernachtung und Bekleidung unter anderem untersucht, welche ökologischen und sozialen Wirkungen das Peer-to-Peer Sharing (das Tauschen zwischen Privatpersonen) erzielt, und in welchem Umfang Rebound-Effekte entstehen können, indem beispielsweise durch einen Mehr-Konsum ökologische Vorteile des Teilens wieder kompensiert werden. Ziel ist eine Professionalisierung der Plattformen und ihre Etablierung als nachhaltige Konsumalternative. Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsbefragung ("Teilen digital") zu Zielgruppen und Potenzialen des Peer-to-Peer Sharing in Deutschland sowie weitere Ergebnisse hier.

Das Projekt SPIN zielte darauf, das nachhaltige Konsumbewusstsein besser zu verstehen und genügsame, gemeinschaftliche und schuldenfreie Konsumstile zu fördern durch Entwicklung von Konsumkompetenz. Konkrete Strategien und Medien für den Handel sowie die Verbraucherbildung (auch Unterrichtsmaterialien) wurden entwickelt. Weitere Informationen

Das Projekt OHA hat zum Ziel, die begrenzte Haltbarkeit und Nutzungsdauer von Konsumgütern, z.B. Elektronikgeräten zu verringern und einen längeren Gebrauch der Geräte zu ermöglichen. OHA entwickelt einen Eco-Reliability Check zur Messung von Obsoleszenz. Weitere Informationen

Der Forschungsverbund Slow Fashion entwickelte gestalterische, technische und ökonomische Innovationen für massenmarkttaugliche nachhaltige Bekleidungs-Angebote und eine Wanderausstellung mit dem Titel „Slow Fashion gegen Verschwendung und hässliche Kleidung". Weitere Informationen

Das REFOWAS-Projekt untersucht bereits seit 2015 Wege zur Reduzierung von Lebensmittelabfällen – entlang der gesamten Wertschöpfungskette (Produktion bis Konsum) in verschiedenen Fallstudien. Zum Beispiel zeigt REFOWAS, wie sich Lebensmittelabfälle in Schulmensen leicht vermeiden lassen. Weitere Informationen

In dem Projekt VerPlaPos wird das Kaufverhalten analysiert und das Aufkommen von Verpackungen entlang der Wertschöpfungsketten bei Textilien und Lebensmitteln erfasst. Plastikvermeidungsstrategien sowie alternative Verfahren und Materialien werden entwickelt und ganzheitlich bewertet (Ökobilanz). Ziel ist ein Plastik-Index mit App-Entwicklung. Weitere Informationen

Das Forschungsprojekt Green Travel entwickelte ein System zur Kennzeichnung nachhaltiger Hotels, das in der gesamten deutschen Reisebranche im branchengängigen Buchungssystem Bistro aufgenommen wurde. Der Deutsche Reiseverband bewirbt, betreibt und zertifiziert die im Projekt entwickelten Schulungskonzepte für nachhaltige Reisebüroberatung. Aktuell wird im Anschlussprojekt Green Tourism das Kennzeichnungssystem auf den Online-Vertrieb übertragen und die Nachhaltigkeit von Rundreisen bewertet. Weitere Informationen

Quellen

Schmidt, Thomas et al. (2019): Wege zur Reduzierung von Lebensmittelabfällen - Pathways to reduce food waste (REFOWAS) : Maßnahmen, Bewertungsrahmen und Analysewerkzeuge sowie zukunftsfähige Ansätze für einen nachhaltigen Umgang mit Lebensmitteln unter Einbindung sozio-ökologischer Innovationen. Braunschweig: Johann Heinrich von Thünen-Institut, 290 S., Thünen Rep 73, Vol. 1, DOI:10.3220/REP1569247044000
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Höfner, Anja; Frick, Vivian (Hrsg.) (2019): Was Bits und Bäume verbindet – Digitalisierung nachhaltig gestalten. München, oekom.
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Lange, Steffen; Santarius, Tilman (2018): Smarte grüne Welt? Digitalisierung zwischen Überwachung, Konsum und Nachhaltigkeit. München, oekom.
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Nachrichten zum Monatsthema "Nachhaltiger Konsum"

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