„WASCAL Floating University“: Studierende aus Westafrika erforschen Klimawandel auf hoher See
Wie verändert der Klimawandel die Atmosphäre und den Ozean? Hierzu forschten Studierende des vom BMFTR geförderten WASCAL-Masterstudiengangs „Climate Change and Marine Sciences/Klimawandel und Meereswissenschaften“ zwei Wochen auf der FS POLARSTERN – von Cabo Verde bis Deutschland.
Küstenerosionen, Dürren, marine Hitzewellen, sinkende Fischfänge: Westafrika zählt zu den Regionen, die im globalen Vergleich mit am stärksten unter den Folgen des Klimawandels leiden. Daher sind gut ausgebildete Fachkräfte vor Ort gefragt. Deshalb hat das BMFTR (Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt) bereits 2012 gemeinsam mit westafrikanischen Partnerländern das Graduiertenschulprogramm des Klimakompetenzzentrums WASCAL zur wissenschaftlichen Nachwuchsförderung ins Leben gerufen.
Lehre und Praxis auf einem der modernsten Forschungsschiffe der Welt
Derzeit studieren 12 Masteranden aus 12 westafrikanischen WASCAL-Mitgliedsländern im WASCAL-Masterstudiengang Climate Change and Marine Sciences (Klimawandel und Meereswissenschaften). Dieser ist an der Universidade Técnica do Atlântico (UTA) in Mindelo auf Cabo Verde angesiedelt.
Herzstück des zweijährigen Masterstudiengangs ist die Nutzung des deutschen Forschungsschiffs POLARSTERN als schwimmende Universität, um Praxiserfahrung zu sammeln. Anfang Mai 2026 wurden elf der Studierenden im kapverdischen Mindelo an Bord genommen, um an der zweiwöchigen Ausbildungs- und Forschungsreise bis Bremerhaven teilzunehmen.
An Bord lernten die Studierenden klassische Tätigkeiten der Klimaforschung mit innovativen Messgeräten kennen. Unter Anleitung von internationalen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern erprobten sie den Umgang mit neuesten Technologien – und wurden so direkt in die internationale Spitzenforschung eingebunden. Dabei führten sie auch eigene Messungen und Analysen durch, die zum Teil in ihre Masterarbeiten einfließen.
So entnahmen sie zum Beispiel Wasserproben mit dem Kranzwasserschöpfer und dem Multischließnetz Midi aus Ozeantiefen von bis zu 4900 Metern für weitere Laboranalysen. Anhand dieser Proben wurde unter anderem die marine Biodiversität in unterschiedlichen Tiefen mit molekularbiologischen Methoden untersucht. Während der Expedition analysierten die Studierenden zudem die Ergebnisse eines an Bord der POLARSTERN verwendeten Messsystems, welches kontinuierlich und präzise den Gehalt von Kohlendioxid (CO2) in der obersten Schicht des Ozeans sowie der Atmosphäre erfasst. Die Daten erlauben genauere Einblicke, wie der Ozean atmosphärisches CO2 aufnimmt – ein Prozess, der maßgeblich die Ozeanversauerung vorantreibt. Die Messungen erweiterten den internationalen Datensatz der seit 2022 bereits zum vierten Mal stattfindenden Floating University. Auch bildgebende Instrumente, wie das Planktoskop, moderne Stereo-Mikroskope und der UnderwaterVisionProfiler (UVP) zur Bestimmung mariner Plankton-Organismen, kamen auf See zum Einsatz.
Einzigartige Praxistage für die WASCAL-Nachwuchsforschenden
„Wir hatten eine wirklich intensive, aber auch sehr lehrreiche Zeit auf unserer WASCAL-Floating University. So standen nächtliche Planktonnetzfänge bei Arbeitsbeginn um 4 Uhr regelmäßig auf dem Stationsplan “, sagte Chidinma Catherine Okpokwu, eine Studentin aus Nigeria. „Dank des umfangreichen Ausbildungsprogramms konnten wir entlang unserer Fahrtroute mit eigenen Augen die physikalischen Wechselwirkungen zwischen der Atmosphäre und dem Ozean erleben und über eigene Messungen visualisieren und verinnerlichen.“ Das neue Wissen, das sie auf der Expedition erworben hat, wird sie in ihrer Masterarbeit zum Einfluss mariner Hitzewellen auf Oberflächenökosysteme im Kanarenstrom zwischen 1996 und 2026 anwenden. Aus diesen Ergebnissen lassen sich neben den Auswirkungen auf die Fischerei auch die sozioökonomischen Folgen des Klimawandels für Westafrika, wie Fischsterben und Dürrezeiten, ableiten.
„Durch die praktische Arbeit an Bord mithilfe modernster Messgeräte und die ausgiebigen Diskussionen haben wir alle ein tieferes Verständnis für natürliche marine biogeochemische Prozesse und deren Veränderungen durch die Klimaerwärmung erlangt,“ berichtet Soumaila Guigma aus Burkina Faso, ein Land ohne direkten Zugang zur Atlantikküste. Guigma erklärt weiter: „In meiner Masterarbeit werde ich Feldproben aus Mangroven- und Auwälder-Gebieten in Ghana nehmen und diese mit den Laborgeräten im WASCAL-Kompetenzzentrum in Burkina Faso analysieren, um Satellitendaten zu validieren. Die Erkenntnisse von Bord der POLARSTERN über die klassischen sowie neuartigen Messmethoden in der Ozeanographie, die Genauigkeit im Umgang mit Messdaten und die kollegiale Zusammenarbeit werden mich bei meiner Forschung zum Schutz der Biodiversität unterstützen."
Bundesforschungsministerin Bär zu Gast auf Forschungsschiff POLARSTERN
Gegen Ende der Reise traf Bundesforschungsministerin Bär während ihres Besuchs der FS POLASTERN auch die WASCAL-Studierenden. Ihr wurden Messgeräte und -techniken vorgestellt sowie Ergebnisse erklärt, die eine fortschreitende Erwärmung von Atmosphäre und Ozean belegen. Ministerin Bär hob die strategische Bedeutung sowohl der Forschungsarbeiten als auch der praktischen Ausbildung der Studierenden im WASCAL-Masterstudiengang an Bord der POLARSTERN hervor.
WASCAL-Masterstudiengang: Die nächste Generation von Klimaexpertinnen und -experten
Die Studierenden werden im BMFTR-geförderten internationalen Masterstudiengang "Klimawandel und Meereswissenschaften" an der Universidade Técnica do Atlântico (UTA, Cabo Verde) in enger Zusammenarbeit mit deutschen und internationalen Forschungsinstituten ausgebildet. Die Expedition auf der POLARSTERN wurde vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel geleitet und gemeinsam mit Lehrenden aus international tätigen Forschungsorganisationen durchgeführt, wie unter anderen vom Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde (IOW), von der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) und dem Senegalesische Centre de Recherche Ocèanographique de Dakar Thiaroye (CRODT-ISRA).
Viele der Studierenden vertiefen ihre Forschung nach ihrer Ankunft in Deutschland im Rahmen eines mehrwöchigen Aufenthalts am GEOMAR in Kiel. Dabei werden sie von GEOMAR-Forschenden betreut.
Hintergrund: Investition in Klimaresilienz und globale Partnerschaft
Der WASCAL-Masterstudiengang "Klimawandel und Meereswissenschaften" wird im Rahmen des WASCAL-Graduiertenschulprogramms vom Bundesforschungsministerium gefördert. Er ist ein zentrales Beispiel für die gelungene Umsetzung der FONA-Strategie „Forschung für Nachhaltigkeit“. Denn das WASCAL-Graduiertenschulprogramm mit sechs Master- und elf Doktorandenstudiengängen leistet durch den Auf- und Ausbau lokaler Expertise einen direkten Beitrag zur Ernährungssicherheit und sozioökonomischen Stabilität Westafrikas. Darüber hinaus stärkt das gesamte Graduiertenschulprogramm in 12 Ländern Westafrikas die internationale Sichtbarkeit deutscher Spitzenforschung. Allein das schnell wachsende internationale Alumni-Netzwerk von WASCAL sorgt für eine Vielzahl an Kooperationsmöglichkeiten sowohl im wissenschaftlichen als auch im politischen und wirtschaftlichen Bereich. Bisher wurden über 650 Studierende im WASCAL-Graduiertenschulprogramm ausgebildet.
Der WASCAL-Masterstudiengang in Cabo Verde wurde aufgrund seines wichtigen Beitrags zur Nachwuchsförderung in einer vom Klimawandel stark betroffenen Region im Jahr 2021 als offizielle Aktion der UN-Dekade der Meeresforschung für Nachhaltige Entwicklung 2021–2030 (UN-Ozeandekade) anerkannt.