„Wir können Extremwetter heute besser verstehen und Risiken gezielter einordnen“

Wie verändert der Klimawandel Wetterextreme in Deutschland und Europa? Und wie kann Forschung helfen, die Risiken besser einzuschätzen? Prof. Dr. Uwe Ulbrich (FU Berlin), Meteorologe und Projektsprecher von ClimXtreme, zieht nach sechs Jahren Bilanz.

Forschungsergebnisse zu Extremwetter, wie Hitze, Starkregen und Sturm, legte der Forschungsverbund ClimXtreme Anfang Juli 2026 in der Abschlussveranstaltung der zweiten Förderphase (ClimXtreme II) vor. Der Verbund wurde in zwei Projektphasen mit jeweils rund 25 Teilprojekten vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) gefördert. Der Meteorologe und Projektsprecher Prof. Dr. Uwe Ulbrich von der Freien Universität Berlin erklärt, wie die Erforschung der Ursachen, Indikatoren und Dynamik von Extremwetter dazu beitragen kann, den Schutz vor solchen Gefahren und das Risikomanagement in Deutschland zu verbessern.

Herr Prof. Ulbrich, wir beobachten, dass Extremwetter, wie Hitzewellen oder Starkregen, häufiger und intensiver werden. Warum ist es für die Wissenschaft dennoch so schwierig, genaue Vorhersagen zu treffen?

Das Klimasystem beinhaltet eine Vielzahl physikalischer und chemischer Prozesse, die zum Beispiel für Wolkenbildungen und Windströmungen sorgen. Diese Prozesse beeinflussen sich gegenseitig, sodass verschiedene Entwicklungen aus gleicher Ausgangslage möglich sind. Selbst wenn man den aktuellen Wetterzustand weltweit genau kennen würde, müssten wir für eine Vorhersage von Extremwetter immer mit Wahrscheinlichkeiten arbeiten. Wir müssen daher besser verstehen, welche Bedingungen heute häufiger als in der Vergangenheit erfüllt sind, um den beobachteten Anstieg bei der Häufigkeit und Intensität von Extremwetter zu bewerten und die Dynamik des Anstiegs voraussagen zu können.

Das Verbundprojekt ClimXtreme endet nach sechs Jahren Forschung. Was waren die wichtigsten Meilensteine und Ziele des Projekts und (wie) wurden diese erreicht?

In der ersten Förderphase von ClimXtreme (2020-2023) wollten wir Antworten auf folgende Fragen finden: Inwieweit hat die bisherige Klimaerwärmung schon zu einem häufigeren Auftreten von Extremereignissen geführt? Und was haben wir von der zukünftigen Entwicklung zu erwarten? Unsere Forschung hat nun bestätigt, dass die Anzahl und Intensität der Schadensereignisse durch Extremwetter infolge des menschengemachten Klimawandels zugenommen haben und weiter zunehmen werden. Dafür haben wir Methoden der Attributionsforschung angewandt und weiterentwickelt. Mit diesen können wir innerhalb weniger Wochen nach einem Extremwetterereignis, wie der Flut im Ahrtal 2021, berechnen, wie sich die Wahrscheinlichkeit und Intensität solcher Ereignisse durch den Klimawandel verändert haben. So ist zum Beispiel das Starkregenereignis im Ahrtal durch den menschengemachten Klimawandel um ein 1,2- bis 9-faches wahrscheinlicher geworden.

Was hatten Sie sich für die zweite Phase von ClimXtreme vorgenommen?

In der zweiten Phase von ClimXtreme (2023-2026) haben wir die Anwendbarkeit und Kommunikation unserer Ergebnisse optimiert. Wir haben digitale Werkzeuge entwickelt, die eine effizientere Datenauswertung erleichtern, und die Kommunikation mit Anwendern intensiviert. Dafür haben wir für Naturgefahren wie Hitze, Starkregen und Stürme thematische Gruppen eingerichtet, in denen die physikalischen Prozesse, statistischen Einschätzungen sowie Auswirkungen ereignisspezifisch analysiert wurden.

Wie können Entscheidungsträger in Politik, Wirtschaft und Verwaltung von den ClimXtreme-Forschungsergebnissen profitieren?

Eine von ClimXtreme erstellte Wissensbasis über die Indikatoren und Wahrscheinlichkeiten von Extremwetter kann nun Entscheidungsträger in Politik, Wirtschaft und Verwaltung dabei unterstützen, wirksame Anpassungsstrategien an den Klimawandel umzusetzen. Zu den Anwendern gehören Akteure wie die Deutsche Bahn, Kommunen und die Versicherungswirtschaft. Dafür müssen die Anwender ihre eigenen Daten teilen und sich mit den Forschenden von ClimXtreme austauschen, damit die Ergebnisse adäquat angewandt werden können. So hat uns die Deutsche Bahn zum Beispiel über Schäden durch umgefallene Bäume an Bahntrassen informiert. Diese wurden für die Risikomodelle gebraucht, die wir gemeinsam mit unseren forstwissenschaftlichen Partnern entwickelt haben. Mit ihnen kann jetzt besser eingeschätzt werden, ob die Wahrscheinlichkeit für Beeinträchtigungen des Bahnverkehrs durch Sturm besonders hoch ist.

Ein Teil der Forschung in ClimXtreme zielt auch darauf ab, den Anteil des menschengemachten Klimawandels an einer Hitzewelle oder eines Starkregens zu berechnen. Wie können wir uns das praktisch vorstellen und was bedeuten die Ergebnisse für uns?

Wir haben zum Beispiel mit Modellen, die auch für die Wettervorhersage verwendet werden, kürzlich aufgetretene Extremwetterereignisse nachsimuliert und ausgewertet, wie sie sich unter vergangenen oder zukünftigen Klimabedingungen entwickelt hätten. Außerdem haben wir im Rahmen einer gemeinsamen Initiative aller ClimXtreme-Projekte untersucht, wie extrem solche Ereignisse im Vergleich zu denen der Vergangenheit waren.

So hat sich gezeigt, dass der Europäische Sommer 2025 in Bezug auf Hitzewellen als einer der extremsten Sommer seit mindestens 1950 einzustufen ist. Er war von zahlreichen starken Hitzewellen geprägt, die in der betreffenden Region zu den stärksten der historischen Zeitreihen zählen. Es bestätigt sich, dass Hitzewellen wahrscheinlicher und intensiver geworden sind. Das liegt einerseits daran, dass weltweit und auch in Mitteleuropa die Temperaturen deutlich steigen. Andererseits finden wir aber auch Hinweise auf weitere Faktoren in den Klima-Simulationen: So dauern Hitzewellen länger an, da auch bestimmte Wetterlagen in Zukunft wahrscheinlich länger andauern. Zudem treten Hitzewellen seit ein paar Jahren auch außerhalb des Hochsommers häufiger auf. Die erste Hitzewelle im Juni 2026 in Deutschland war -  in Bezug auf die Maximumtemperatur - die heißeste, die wir bisher hatten.

Die zukünftige Entwicklung und der Anteil des Klimawandels am Starkregen und Hagel hingegen sind für uns Klimaforschende im Einzelnen schwieriger vorherzusagen. Anders als Hitzewellen werden sie von einer Vielzahl von Faktoren in der Atmosphäre, sehr kleinskaligen Prozessen und Wechselwirkungen der Orographie beeinflusst, also von der Anordnung und dem Verlauf von Gebirgen und Fließgewässern. Insgesamt zeigt sich aber auch hier eine zu erwartende weitere Zunahme der intensiven Ereignisse.

In der Projektphase ClimXtreme II haben Sie aktuelle Extremereignisse wissenschaftlich ausgewertet. Welchen Mehrwert bietet diese schnelle Analyse?

Mit unserer „Post-Event Assessment Group“ konnten wir Extremwetterereignisse, wie Starkregen (Mai/Juni 2024) oder auch außergewöhnliche Hitzeperioden (2025), zeitnah untersuchen. Die aktuelle Hitzewelle vom Juni 2026 wird gerade analysiert. Dadurch entstehen belastbare Erkenntnisse, solange die Ereignisse noch nicht lange zurückliegen. Behörden, Medien und andere Akteure erhalten so schnell wissenschaftlich fundierte Informationen über Ursachen, Besonderheiten und mögliche Lehren für die Zukunft.

Ihre Extremwetterforschung konzentriert sich auf Deutschland und Mitteleuropa. Haben Sie Erkenntnisse, wo wir uns auf welche Art von Extremwetter einstellen müssen?

Wir haben wichtige Beiträge zu einer verbesserten Einschätzung der Risiken von Extremwetter sowie der zukünftigen Entwicklung geleistet. Besonders entscheidend war dabei, den Deutschen Wetterdienst als Projektpartner zu haben. Dieser kann durch seine kontinuierliche Arbeit die längerfristige Nutzung einzelner Projektergebnisse ermöglichen.

Was wir aufgrund der Analysen teilweise sagen können, ist, welche Regionen je nach Art des Extremwetters besonders betroffen sind: So können sich Starkniederschläge der gleichen Intensität in Westdeutschland eher zu Flutereignissen entwickeln als im Nordosten Deutschlands, was sich durch die unterschiedliche Landschaftscharakteristik erklärt. Auch Nordwestdeutschland hat aber im Jahr 2023 eine Hochwasserlage erlebt, die wir im Projektverbund genauer ausgewertet haben. Bei Hagel gibt es in den letzten 20 Jahren eine Zunahme der Ereignisse im Süden Deutschlands, während im Norden keine signifikanten Veränderungen aufgetreten sind.

Wie stellen Sie sicher, dass Ihre Erkenntnisse nicht in den Datenbanken der Wissenschaft verbleiben, sondern dass Kommunen, Wirtschaft sowie Bürgerinnen und Bürger vor Ort konkret davon profitieren?

Insbesondere in der zweiten Phase von ClimXtreme haben wir die Ausrichtung auf die Kommunikation mit den Anwendern verstärkt. Diese haben an diversen Austauschveranstaltungen teilgenommen. Der Ansatz war erfolgreicher, als ich zunächst erwartet hatte. Wir haben verschiedene Rückmeldungen bekommen, die für die Ausrichtung unserer Forschung wichtig waren. Diesen Austausch wollten wir auf unserer Abschlussveranstaltung nochmal intensivieren, indem die Teilnehmenden uns persönlich Fragen stellen und Rückmeldungen geben konnten. So können z.B. Versicherungen anhand unserer Erkenntnisse besser planen und ihre Kundinnen und Kunden passgenauer beraten beziehungsweise adäquatere Verträge anbieten. Auch Landesämter und Kommunen profitieren von unseren Erkenntnissen, weil sie ihre Klimaanpassungsmaßnahmen anhand von zuverlässigen Datenlagen über Extremwetterrisiken zielgenauer anpassen können.

Wenn Sie eine Botschaft aus ClimXtreme II mitgeben könnten: Welche wäre das?

Extremwetter ist kein Zukunftsthema mehr, wir müssen uns jetzt anpassen. Dabei kann die Wissenschaft mit ihren Einschätzungen, welche Risiken mit welcher Wahrscheinlichkeit zu erwarten sind, die Grundlagen für Schutzmaßnahmen liefern. Die Entscheidungen für Klimaanpassungsmaßnahmen fallen jedoch in den Kommunen und auf Länderebene. Umso wichtiger ist es, wissenschaftliche Erkenntnisse frühzeitig in den Entscheidungsprozess einfließen zu lassen. Genau dafür haben wir in ClimXtreme die Grundlagen geschaffen – durch Forschung, Zusammenarbeit mit Praxisakteuren und einem intensiven Austausch zwischen Wissenschaft und Gesellschaft.

Vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person

Prof. Dr. Uwe Ulbrich ist seit 2004 Professor für Allgemeine Meteorologie am Institut für Meteorologie der Freien Universität Berlin und Leiter der Arbeitsgruppe Klimadiagnostik und meteorologische Extremereignisse. In den Jahren 2019 bis 2023 war Prof. Ulbrich Dekan des Fachbereichs Geowissenschaften der FU Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte sind: Physikalisches Verständnis von meteorologischen Extremereignissen, Zusammenhänge zwischen atmosphärischer Variabilität und Klimawandel, Klimamodellvalidierung und Klimafolgenforschung, Europäische Winterstürme, Zyklonen und mediterrane Klimasysteme sowie die inter- und transdisziplinäre Zusammenarbeit mit anderen Forschungs- und Anwendungsbereichen.