„Erst nachdenken, dann digitalisieren" – Prof. Tilman Santarius im ZEIT-Interview

„Digitalisierung first, Bedenken second" war während des Bundestagswahlkampfs 2017 der plakatierte Slogan für die Digitalpolitik einer deutschen Partei. Dieser Herangehensweise an die politische Gestaltung des Megatrends Digitalisierung erteilt der Transformationsforscher Tilman Santarius, Professor an der Technischen Universität Berlin und Fellow am Institut für ökologische Wirtschaftsforschung, im Interview mit der Wochenzeitung „Die Zeit" eine deutliche Absage.
"Die meisten Unternehmer und Politiker glauben, die Digitalisierung versöhne Ökologie und Ökonomie automatisch. Aber das ist realitätsblind und naiv", sagt Santarius und belegt es mit den ökologischen Auswirkungen zahlreicher Beispiele – von Streaming über die Krypto-Währung Bitcoin bis hin zum wachsenden Lieferverkehrsaufkommen durch Online-Shopping. Das Gespräch von Christiane Grefe mit Tilman Santarius „Der Stromhunger wächst" erschien in der Zeit-Ausgabe 06/2018 vom 1. Februar im Ressort Wissen und kann auch online gelesen werden.

Es bestünden zwar in der Theorie Chancen für eine Dematerialisierung und ressourcenleichteres Wirtschaften, so Santarius. In der Praxis kämen diese bislang allerdings kaum zum Tragen, da Einsparungen eher für weiteres Wachstum und mehr Konsum genutzt würden. „Das liegt an sogenannten Rebound-Effekten ... und solche Rückschläge gibt es gerade bei der Digitalisierung in großer Vielfalt", erklärt Santarius. Die Folge: Die digitalen Infrastrukturen werden in großem Maßstab weiter ausgebaut, Datenverkehr und Energiehunger wachsen immens.

Plädoyer für eine „sanfte" Digitalisierung

Santarius plädiert daher für eine „sanfte" Digitalisierung: „Wir müssen Tempo rausnehmen. Bislang huldigen die meisten Regierungen einer »Disruption«, wie sie sich vor allem die Finanzindustrie wünscht. Kritiklos öffnen sie laufend neue Räume für digitale Anwendungen wie selbstfahrende Autos oder digital gesteuerte Smart Cities – und hinken dann den Problemen hinterher. Was fehlt, ist eine öffentliche Debatte, welche Digitalisierung wir wollen und welche nicht."

Nachwuchsforschungsgruppe „Digitalisierung und sozial-ökologische Transformation"

Ob die Digitalisierung Ressourcen spart oder verschwendet, ob sie demokratische Prozesse fördert oder hindert, untersucht Santarius mit seiner wissenschaftlichen Nachwuchsforschungsgruppe „Digitalisierung und sozial-ökologische Transformation". Das gemeinsame fünfjährige Projekt des IÖW und der TU Berlin wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Förderschwerpunkt Sozial-ökologische Forschung gefördert. Ende Februar erscheint im Oekom-Verlag das Buch von Santarius mit Steffen Lange: „Smarte grüne Welt – Digitalisierung zwischen Überwachung, Konsum und Nachhaltigkeit".