Fahrrad statt Auto

Zur Arbeit fährt Sophia Becker mit der S-Bahn und dem Regionalexpress von Berlin nach Potsdam. Dann schwingt sie sich aufs Fahrrad und radelt die letzten Kilometer zu ihrem Arbeitsplatz am Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS). Dort erforscht die Psychologin für die Energiewende im Kopernikus-Projekt ENavi, wie Deutschland mit weniger Autos aussehen könnte.  
Psychologin Dr. Sophia Becker ist Teil des ENavi-Teams am IASS. (Lotte Ostermann)
Psychologin Dr. Sophia Becker ist Teil des ENavi-Teams am IASS.
Foto: Lotte Ostermann

Vor 13 Jahren schrieb sich Sophia Becker in Münster für Psychologie ein. Das Ziel war Psychotherapeutin zu werden. Sich mit menschlichen Problemen auseinanderzusetzen und Lösungen dafür zu suchen macht ihr Spaß. Nur als Beruf konnte sie es sich am Ende ihres Studiums nicht mehr vorstellen. Über die Initiative „Psychologie im Umweltschutz“ kam sie auf die Idee, sich auf Umweltthemen zu spezialisieren: „Seither bin ich Feuer und Flamme.“ Seit 2017 arbeitet sie als Wissenschaftlerin im ENavi-Projekt. Sie untersucht, wie politische Maßnahmen und individuelle Verhaltensänderungen ineinandergreifen müssen, um die Verkehrswende in Bewegung zu bringen. Becker ist sich sicher: Auto-Städte müssen lebenswerter werden. Sie brauchen eine bessere Infrastruktur für Fahrradfahrer, Fußgänger und die öffentlichen Verkehrsmittel. In Berlin erlebt sie täglich, was ihre Forschung bewirken könnte – denn ein eigenes Auto hatte sie noch nie. 

„Die Mobilität einer Stadt ist ihre Identität.“

„Bei der Energiewende ist Deutschland Vorreiter. Bei der Verkehrswende leider nicht“, sagt Becker. Das Land stecke in einer Identitätskrise: Es definiert sich über seine Ingenieurskunst, die eng mit der Automobilindustrie verknüpft ist. Auf der anderen Seite leidet das Klima unter den vielen Abgasen, die Luftqualität in den Städten wird immer schlechter und das Vertrauen in die Automobilindustrie hat durch den Diesel-Skandal gelitten. Ihr Opa, mit dem sie gerne darüber streitet, sagt  dann immer: „Die Automobilindustrie hat uns groß gemacht und uns wirtschaftlichen Erfolg gebracht!“ In Stuttgart hat sie in Umwelt- und Techniksoziologie promoviert, dort hat sie diese Einstellung besonders gespürt. Trotz grünem Ministerpräsidenten und grünem Oberbürgermeister ist Stuttgarts Leitbild von der Automobilindustrie geprägt. Das Auto ist ein wichtiges Statussymbol der Deutschen, nicht nur in Stuttgart. „Dabei profitiert jeder davon, wenn er mit Rad statt dem Auto zur Arbeit fährt“, meint die 34-Jährige. Nicht nur, weil es besser für das Klima sei, sondern auch für die Gesundheit. „Radfahren baut Stress ab.“ Man könne verstopfte Straßen umfahren, weniger Geld koste es auch. „Für welches Verkehrsmittel wir uns entscheiden, hängt von unserem sozialen Umfeld ab“, erklärt die Psychologin. Wenn alle Kolleginnen und Kollegen mit einem großen Auto zur Arbeit kommen, dann wird es schwieriger sich selbst fürs Fahrrad zu entscheiden. Es müssten Anreize geschaffen werden, damit Menschen aus ihren Gewohnheiten ausbrechen und nicht mehr automatisch das Auto benutzen. So können Firmen beispielsweise Dienstfahrräder statt Dienstwagen unterstützen oder Kampagnen wie „Stadtradeln“ jeden Einzelnen bei seinem Ehrgeiz packen und zum Fahrrad fahren motivieren, schlägt Becker vor.

Ein Lastenrad teilen

Der Einkauf oder der Transport der Kinder zur Kita: manche Wege sind mit dem normalen Fahrrad mühsam. Lastenräder, mit oder ohne Motor, können dieses Problem lösen. Becker hat untersucht, wie sich ein Verleihsystem für diese Fahrräder auf die Nutzung von Autos auswirkt: „Da wir nicht jeden Tag Lasten transportieren, ist ein Verleihsystem ideal.“ Besonders vielversprechend ist für sie, dass knapp die Hälfte aller Studieneilnehmer Autofahrten durch das Lastenfahrrad ersetzt haben. Würden mehr Leute ein Lastenrad nutzen, bräuchte man in den Innenstädten also sehr viel weniger Autos.  Becker selbst nutzt das Lastenrad im Alltag auch gerne, gesteht aber lachend, dass ihr Freund ein eigenes Cargobike besitzt und damit am liebsten selbst unterwegs ist.

Forschung muss raus aus dem Elfenbeinturm

Damit die Verkehrswende gelingt, müssen alle Akteure ins Boot geholt werden. ENavi, das als Kopernikus-Projekt vom Bundesforschungsministerium  gefördert wird und in dem die Wissenschaftlerin arbeitet, will dafür eine Plattform bieten: „Bei der Verkehrswende gibt es viele Konflikte und Kontroversen, die ausgetragen werden müssen.“ ENavi erforscht die Perspektiven verschiedener Akteursgruppen, nimmt sie auf und setzt sie zueinander in Beziehung. Daraus entstehen Zukunftsprognosen, wie Energie-, Wärme- und Verkehrswende aussehen und realisiert werden können. Eine wichtige Rolle kommt dabei der Gesellschaft zu: „Bürger können als Korrektiv für zentrale Entscheidungen dienen“, ist die Psychologin sich sicher.

Entspannt durch die Stadt radeln

Sie selbst freut sich, diesen Prozess mitzugestalten und dabei in einer Stadt wie Berlin zu leben, wo sie die Transformation vor der eigenen Haustür erleben kann. „Berlin hat großes Potential zu einer noch nachhaltigeren Stadt zu werden“. Sie träumt davon, in Zukunft ihre Ziele in der Stadt auf einer Fahrradschnellstraße sicher und entspannt erreichen zu können, dass  Autofahrer langsamer fahren und mehr Rücksicht nehmen, es am Ziel genügend Fahrradparkplätze gibt und sie bei einem Regenschauer mit dem Fahrrad einfach auf den öffentlichen Nahverkehr umsteigen kann. Bis es soweit ist, wird sie trotzdem mit ihrem Fahrrad unterwegs sein: Am Ende eines Arbeitstages am IASS steigt sie wieder auf ihr Rad und fährt zum Potsdamer Bahnhof.

Dr. Sophia Becker im Interview