Kommunen und Wissenschaft: Zusammenarbeit auf Augenhöhe

Mit der Fördermaßnahme „Kommunen Innovativ“ unterstützt das Bundesforschungsministerium Forschungsprojekte für Kommunen und Regionen im demografischen Wandel. Das Besondere an dieser Fördermaßnahme: Kommunen sind nicht mehr – wie in vielen anderen Forschungsprojekten - Forschungsobjekte und Datenlieferanten, sondern sie sind Partner auf Augenhöhe mit der Wissenschaft. Auf der Fachkonferenz „Kommunen Innovativ“ trafen am 18. und 19. September 2018 Wissenschaft und kommunale Praxis zu einem intensiven Austausch zusammen. fona.de hat mit Michaela Bonan, Verwaltungsfachangestellte in der Stadt Dortmund und Verbundkoordinatorin des Projekts „KuDeQua“, über die Zusammenarbeit von Wissenschaft und Kommunen gesprochen.
Frau Michaela Bonan vor einem Plakat mit der Aufschrift „Kommunen Innovativ“ (Institut Raum & Energie)
Frau Michaela Bonan auf der Fachkonferenz „Kommunen Innovativ“ in Dortmund.
Foto: Institut Raum & Energie

Fona: Wie kam es zur Einbindung der Wissenschaft in kommunale Praxis?

Die Aufgaben und die Herausforderungen einer Kommune sind in den letzten Jahren gewachsen und werden immer vielfältiger und ausgeprägter. An vielen Themen, zum Beispiel Partizipation, forscht die Wissenschaft bereits und wir können von den Erkenntnissen profitieren. Daher ist es naheliegend, dass wir uns kompetente Hilfe holen und die Herausforderungen einer Kommune nicht mehr alleine bewältigen. Für uns ist es aber nicht nur wichtig Kompetenzen einzubinden. Uns interessieren generell alle Sichtweisen, die für die Planungen einer Kommune relevant sind. Dazu zählt die politische, die unternehmerische, die wirtschaftliche aber auch die wissenschaftliche Sichtweise.

Fona: Wie wichtig ist für Sie die Zusammenarbeit mit der Wissenschaft?

Wissenschaft ist ein Teil der Stadt- und Zivilgesellschaft. Und auch die Erkenntnisse und Sichtweisen der Wissenschaft sind auch Teil der Gesellschaft einer Stadt. Erst, wenn man alle Interessen und Sichtweisen einbindet und berücksichtigt, erlangt ein Projekt die notwendige Akzeptanz bei allen Akteuren. Gleichzeitig hilft uns die Wissenschaft aber auch, Akzeptanz zu erreichen, indem sie Seriosität, Glaubwürdigkeit und Verbindlichkeit mitbringt. Und natürlich hilft uns auch der Perspektivwechsel: Während wir in der Kommune sehr in bürokratischen Bahnen agieren und politische Abhängigkeiten berücksichtigen müssen, analysiert die Wissenschaft strikt die Fakten.

Fona: Welchen Mehrwert bieten Sie der Wissenschaft?

Wir bringen vor allem unsere Praxiserfahrung mit. Wir wissen, wie kommunale Strukturen aufgebaut sind und wie Entscheidungen in Abhängigkeit mit der Politik getroffen werden. Wir können die Wissenschaft beraten. Wir wissen was politisch gewollt und was rechtlich überhaupt möglich ist. Und wir sind das Scharnier, damit sich Bürgerschaft und Wissenschaft auf Augenhöhe begegnen können. Man kann sagen, wir übersetzen die Sprache der Wissenschaft und tragen diese in die Praxis.

Fona: Wo liegen bei der Zusammenarbeit die Hürden? Was klappt besonders gut?

Eine große Hürde liegt in der Zeit. In einem Projekt müssen die Akteure zunächst eine gemeinsame Sprache finden. Begrifflichkeiten müssen definiert und geklärt werden. Die Fragen, zu denen wir Antworten suchen, müssen von Kommune und Wissenschaft gleich interpretiert werden. Außerdem muss Vertrauen zwischen den Partnern aufgebaut werden. Ein gemeinsames Miteinander finden und Augenhöhe herstellen – das ist das Ziel am Anfang eines Projekts. Eine solche Definitionsphase benötigt jedoch Zeit und leider fehlt uns diese Zeit häufig. Wenn dieses erreicht ist, funktioniert die Zusammenarbeit unserer Erfahrung nach hervorragend.

Fona: Konkret in ihrem Fall: Wie sieht die Aufgabenverteilung in ihrem Projekt aus?

In unserem Projekt ist die Kommune nicht nur Projektpartner, sondern Verbundkoordinator. Bei uns als Kommune liegen also die Projektkoordination, das Projektmanagement, die Öffentlichkeitsarbeit und die Einbindung der Bürgerinnen und Bürger, der Politik und der Verwaltung. Die Wissenschaft analysiert, befragt und erhebt Daten. Sie wertet die Ergebnisse aus und hilft uns dabei, sie in der Kommune umsetzbar zu machen. Sie hilft uns aber auch dabei Wege der Übertragbarkeit in andere Kommunen und Regionen zu finden.

Fona: Was sind die Herausforderungen, die Kommunen zusammen mit der Wissenschaft bewältigen müssen?

Eine große Herausforderung ist, dass zunehmend vereinzelte Gruppen versuchen, solche partizipativen Projekte ideologisch für ihre Interessen zu beeinflussen. Dieses müssen wir erkennen und wir müssen lernen damit umzugehen. Eine andere Herausforderung sehe ich in der Verstetigung von Projektergebnissen: Projektlaufzeiten sind immer relativ kurz. Wir müssen es schaffen, dass die Bürgerinnen und Bürger, die Verwaltung und die Wissenschaft auch nach dem Projekt ihre Arbeit in Eigenregie fortführen und weiter vorantreiben.
Thematisch gesehen, sehe ich den Bereich Digitalisierung immer wichtiger werden. Hier geht es aber nicht nur darum, die Stadt digital zu gestalten. Hier geht es auch um Themen wie digitale Teilhabe, aber auch Vereinsamung von Menschen. Wie können wir digitale Angebote mit analogen sinnvoll mixen? Wo findet die Begegnung statt, wenn wir alles digitalisieren? Das sind Fragen, die wir beantworten müssen.

Fona: Was würden Sie sich für zukünftige Forschungsmaßnahmen wünschen?

Ich würde mir wünschen, dass auch kleine, unerfahrene Kommunen befähigt werden, solche Projekte durchzuführen. Hier fehlt es oft an Wissen, Erfahrung und Geld. Hier sehe ich die Handlungserfordernis beim Fördermittelgeber, den Projektträgern aber auch bei den erfahrenen Kommunen. Wir müssen Werkzeuge entwickeln, die unerfahrenen Kommunen an solche Maßnahmen heranzuführen und wir müssen uns mit Kommunen ohne Projekte vernetzen. Wir müssen uns vernetzen und voneinander lernen.

Vielen Dank!

Kommunen Innovativ

Für mehr Lebensqualität kooperieren Kommunen mit Wissenschaftlern. Vertreter von Verwaltung, Wirtschaft und Bewohner gestalten gemeinsam mit Forschenden ihre Städte und Gemeinden für die Zukunft. Es sind Kommunen, deren Bevölkerungszahl wächst bzw. sinkt. Mit dem Bevölkerungswandel verändert sich der Bedarf an Wohnraum, an Infrastruktur, am gesellschaftlichen Miteinander. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt mit der Fördermaßnahme „Kommunen innovativ" Forschungsverbünde aus Kommunen und Wissenschaft, die für diesen veränderten Bedarf nach Lösungen suchen. Für Ortsentwicklung, Infrastruktur oder öffentliche Dienstleistungen haben sie vor allem den nachhaltigen Umgang mit Land- und Flächenressourcen im Blick.

https://kommunen-innovativ.de/

 

KuDeQua:

„Quartierslabore – Kultur- und demografiesensible Entwicklung bürgerschaftlich getragener Finanzierungs- und Organisationsmodelle für gesellschaftliche Dienstleistungen im Quartier" ist der vollständige Titel des Projekts, das die Kommune gemeinsam mit Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen des Gelsenkirchener Instituts Arbeit und Technik und mit der NRW.BANK durchführt. „KuDeQua" baut kommunale Dienstleistungen in Stadtquartieren zukunftsfähig auf. Die Stadt Dortmund setzt dafür auf bürgerschaftliches Engagement und neue Finanzierungsmodelle für Nahversorgung, Mobilität und soziale Fürsorge. Gelsenkirchener Wissenschaftler analysieren und konzipieren zusammen mit der Stadt bedarfsgerechte Instrumente.

https://kudequa.jimdo.com/