Monatsthema „Biodiversität“: Neuer globaler Bericht des Weltbiodiversitätsrates weist auf massive Bedrohung der biologischen Vielfalt hin

Der jüngste Bericht des Weltbiodiversitätsrats IPBES zum globalen Zustand der Biodiversität und der Ökosystemleistungen zeigt neben einer umfassenden Zusammenstellung der Veränderungen und des fortschreitenden massiven Verlusts von Biodiversität und Ökosystemleistungen wirksame politikrelevante Handlungsoptionen für ihren Schutz, ihre Wiederherstellung und für ihre nachhaltige Nutzung auf. Es werden aber auch wesentliche Wissenslücken in verschiedenen Themenfeldern aufgedeckt, die von fehlenden Daten, Monitoring, und Taxonomie über Szenarien und Modellierung bis hin zur umfassenden und integrierten Bewertung von Politikmaßnahmen reichen.

Die Botschaft des Berichtes ist eindeutig: eine Millionen Arten sind vom Aussterben bedroht, viele davon bereits in den nächsten Jahrzehnten. Mit in der Menschheitsgeschichte beispielsloser Geschwindigkeit haben sich Biodiversität und Ökosystemleistungen in den letzten 50 Jahren stark verändert. Weltweit wurden bereits 75 Prozent der gesamten Landfläche schwerwiegend verändert, auf 66 Prozent der marinen Ökosysteme greift der Mensch mit zunehmender Wirkung ein. Ökosysteme sind dadurch zunehmend degradiert – natürliche Ökosysteme haben um 47 Prozent abgenommen, 85 Prozent der Feuchtgebiete sind verschwunden. Damit ist auch die Bereitstellung ihrer Beiträge für alle Menschen in Gefahr. Dazu zählen zum Beispiel die Versorgung mit Nahrung, Energie, Medizin sowie die Verfügbarkeit genetischer Ressourcen. Etwa 70 Prozent der Krebsmedikamente sind beispielsweise natürlichen Ursprungs oder von der Natur inspiriert.

Prof. Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Halle leitete seit 2016 als Ko-Vorsitzender die Erstellung des Globalen Sachstandsberichts zu Biodiversität und Ökosystemleistungen, an dem insgesamt 450 Expertinnen und Experten aus 50 Ländern, darunter 40 aus Deutschland, beteiligt waren. Er hob hervor: „Die negative Entwicklung ist auf zahlreiche direkte Treiber wie beispielsweise Landnutzung, Umweltverschmutzung und Klimawandel zurückzuführen. Auch an den indirekten Treibern, also den sozialen und politischen Rahmenbedingungen, müssen wir ansetzen. Dies umfasst Maßnahmen auf allen gesellschaftlichen Ebenen, vom einzelnen Bürger und Konsumenten, über Gemeinden und Regierungen, bis hin zur Wirtschaft und internationalen Gremien und Konzernen.

Der am 4. Mai 2019 in Paris angenommene globale Bericht von IPBES zeigt aber auch wissenschaftlich belegte Möglichkeiten für den Schutz, für die Wiederherstellung sowie für die nachhaltige Nutzung von Biodiversität und Ökosysteme auf. Hierzu gehören beispielsweise Veränderungen im Konsumverhalten, die zur Minderung des Gesamtverbrauchs und die Reduzierung von Abfall sowie die umfassende Berücksichtigung der vielfältigen Effekte bei der Nutzung von Natur und Ökosystemleistungen. Zudem werden auch verantwortungsbewusste technologische und soziale Innovationen als wissenschaftlich belegte und wirksame gesamtgesellschaftliche Hebel für eine Transformation hin zum nachhaltigen Umgang mit der Natur vom internationalen Experten-Team genannt.

Für das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) sind die im Bericht dargestellten Hinweise für Forschungsbedarfe für die Schließung von Wissenslücken wesentlich. Schließlich betreibt IPBES keine eigene Forschung, sondern bewertet vorhandenes Wissen für politische Entscheidungsträger. Das BMBF hat hier durch seine langjährige Forschungsförderung im Bereich Biodiversität wesentliche Grundlagen und Kapazitäten national sowie international geschaffen.

Vor diesem Hintergrund bietet die neue Forschungsinitiative zum Erhalt der Artenvielfalt des BMBF einen wichtigen Hebel, um die zeitnahe Schließung der im Bericht identifizierten Wissenslücken zu unterstützen. Diese Forschungsinitiative bietet Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die Möglichkeit, evidenzbasierte Lösungsstrategien und Handlungsoptionen für Entscheidungsträger in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu entwickeln und somit Barrieren für den Schutz, die Wiederherstellung sowie für nachhaltige Nutzung abzubauen.

Weitere wichtige Entscheidungen der Mitgliedsstaaten betrafen die Begutachtung vergangener Arbeitsprozesse, die Voraussetzungen für künftige Aktivitäten des Rats geschaffen haben. Dabei hat sich der Rat auch auf weitere Themen zukünftiger IPBES Berichte verständigt. Insbesondere für den angestrebten „Transformativen Wandel in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zeigten die Mitgliedsländer große Bedarfe für einen wissenschaftlichen Sachstand und evidenzbasierte Handlungsmöglichkeiten eines solchen umfassenden Wandlungsprozesses.

110 der 132 Mitgliedstaaten nahmen vom 29.04.-04.05.2019 an den Beratungen des Weltbiodiversitätsrats in Paris teil. Weiterhin waren zahlreiche Vertreter und Vertreterinnen nicht-staatlicher Organisationen sowie Einrichtungen der Vereinten Nationen anwesend.

Der Weltbiodiversitätsrat IPBES ist ein zwischenstaatliches Gremium zur wissenschaftlichen Politikberatung für das Thema biologische Vielfalt und Ökosystemleistungen. IPBES ist in seiner Funktion vergleichbar mit dem Weltklimarat IPCC. Deutschland ist einer der größten Finanzgeber; das Sekretariat des Weltbiodiversitätsrats hat seinen Sitz in Bonn.

Das BMBF und das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) unterstützen die Arbeit der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und die Geschäftsstelle für die Erstellung des globalen Berichts mit Fördermitteln. Darüber hinaus haben beide Ministerien 2014 die Deutsche IPBES-Koordinierungsstelle eingerichtet.

Weitere Informationen finden Sie unter www.ipbes.net und www.de-ipbes.de.