Podcast: 13. BMBF-Forum für Nachhaltigkeit: Was tun mit der Agenda 2030!

Besucher, Forscher und Vertreter des BMBF stellen im Podcast ihre Visionen für die Erreichung der UN-Nachhaltigkeitsziele vor. Dabei kommen die FONA-Themen Landmanagement, Wassermanagement, Meeres- und Polarforschung, Energie und Ressourcen zur Sprache.

Hören Sie sich den Podcast zum 13. BMBF-Forum für Nachhaltigkeit an (Audio 11:30 min)!


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Die Bühne des 13. BMBF Forums für Nachhaltigkeit mit bunten Würfeln mit SDG-Logos (Photothek / FONA – Forschung für Nachhaltige Entwicklung)
Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung. 13. BMBF-Forum für Nachhaltigkeit: Eröffnung
Foto: Photothek / FONA – Forschung für Nachhaltige Entwicklung

Die Vereinten Nationen haben sich im Jahr 2015 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung gesetzt. Die internationale Staatengemeinschaft drückt damit aus, dass wir globale Herausforderungen wie die Beseitigung der Armut und „Gesundheit für alle" nur gemeinsam angehen können. Es gilt, die Lebensumstände auf der ganzen Welt zu verbessern, dabei darf die Umwelt aber nicht aus dem Blick geraten. Daher der Fokus auf Nachhaltigkeit.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat 500 Besucher eingeladen, beim 13. BMBF-Forum für Nachhaltigkeit darüber zu diskutieren, wie sich die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung verwirklichen lassen und welchen Beitrag die Forschung dazu leisten kann:

„Die Ziele sind engagiert denke ich, aber wir müssen uns dem stellen, denn in irgendeiner Form müssen wir dazu beitragen, dass wir weniger verbrauchen, als das jetzt der Fall ist." „Dass doch viele gute Ideen da sind, aber es an der politischen Umsetzung hapert und daran muss gearbeitet werden." „Ich wünsche einfach, dass wir es schaffen, in Zukunft einen nachhaltigen Umgang mit dem Meer zu erhalten, damit wir weiterhin davon leben können, weil das ist unsere Zukunft." „Dass es die Ziele sind, mit denen sich die internationale Gemeinschaft sich ein Oberziel, eine Vision gesetzt hat. Für die Umsetzung braucht es Aktivitäten auf lokaler Ebene und dafür muss man das den Menschen erstmal verständlich machen können."

So die Gedanken der Forumsteilnehmer zu den Nachhaltigkeitszielen.
Bundesforschungsministerin Wanka betont in ihrer Begrüßungsrede, dass sich einige Nachhaltigkeitsziele nicht ohne Weiteres miteinander vereinbaren lassen, so zum Beispiel das zweite Ziel – den Hunger auf der Welt zu beenden – mit anderen Zielen, wie dem Schutz von Lebensräumen an Land und unter Wasser:

„Dafür Sorge zu tragen, dass keiner mehr verhungert ist eine gigantische Aufgabe. Und dort ist der Verzicht, den die Deutschen erklären gerne leisten zu wollen, gut und richtig. Es ist trotzdem so, dass dieses Ziel – keiner soll mehr hungern – typisch ist für das, was wir bei den UN-Nachhaltigkeitszielen nicht vergessen dürfen: Dass sie zum Teil in Konkurrenz zueinander stehen und dass es um ein Ausloten geht."

Lösungen für diese Zielkonflikte zu finden, ist Aufgabe der Wissenschaft. Im Austausch mit Politikern, Unternehmern und NGOs haben Forscher diskutiert, wie sich verschiedene Entwicklungsziele verwirklichen lassen, ohne dabei einem anderen Ziel in die Quere zu kommen:

Wie lässt sich beispielsweise das Ziel „genug sauberes Wasser für alle" mit dem Ziel vereinbaren, den Hunger zu bekämpfen? Schließlich wächst die Weltbevölkerung und immer mehr Menschen benötigen immer mehr Lebensmittel, für deren Produktion wiederum mehr Wasser gebraucht wird. Die Lösung für dieses Dilemma nennt Prof. Dr. Wolfram Mauser von der Ludwig-Maximilian-Universität München:
„Wenn ich möchte, dass genügend Wasser da ist, um landwirtschaftliche Produkte zu produzieren und auf der anderen Seite möchte, dass niemand Hunger hat, dann muss ich schauen, dass ich mit möglichst wenig Wasser, möglichst viel produziere." Dafür wiederum müssen Bauern auf der ganzen Welt mit dem notwendigen Know-how ausgestattet werden, beschreibt Mauser seine Vision einer Global Smart Farm:
„Die Global Smart Farm wird Informationsprodukte nutzen, die wird Fernerkundungssatelliten nutzen, die wird Modelle nutzen, die dem Landwirt sagen, wie er am besten wo düngt. Die wird intelligente Traktoren nutzen und die wird Netzwerke nutzen von Messgeräten, die der Farmer benutzt auf seinem Feld, um genau diese Nachhaltigkeitsziele aufeinander abzustimmen." Indem sie sich die Möglichkeiten der Digitalisierung zu Nutze macht, kann die Global Smart Farm die Lebensbedingungen vor Ort verbessern und die Armut bekämpfen – denn, so Mauser:
„Nur wer aus der Armut raus kommt, kann sich nachhaltig verhalten. Wer arm ist, hat keine Chance. " Hightech und Informationen alleine reichen dabei nicht aus, betont Dr. Christian Alecke vom Bundesministerium für Bildung und Forschung: Deutschland müsse dabei immer auch die Situation vor Ort berücksichtigen:
„Dass wir Technologieexport machen in die Länder, die ihre starken großen Herausforderungen haben, ich glaube das ist ein Gedanke, der falsch wäre. Sondern wir müssen einfach die Kulturen und die Gouvernancestrukturen in den Ländern gleichermaßen mit im Blick haben." Wasser schützen, Hunger beenden und Armut bekämpfen sind Ziele, die Hand in Hand miteinander gehen. Und auch das Ziel, das Leben an Land zu schützen, ist essentiell beim Kampf gegen den Hunger:

Land ist eine kostbare Ressource. Sie ist die Grundlage unserer Nahrungs- und Rohstoffproduktion. Dennoch ist unser Umgang mit Land nicht immer nachhaltig: Siedlungen und Verkehr nehmen immer mehr Platz ein und die intensive landwirtschaftliche Nutzung belastet unsere Böden und unser Grundwasser enorm. Mit weniger Energie und begrenztem Wasser und Böden muss sie im Jahr 2050 zehn Milliarden Menschen ernähren.
Dass der Schutz von Land und dessen Bewirtschaftung nicht zwangsläufig zu einem Nutzungskonflikt führt, erklärt Frank Wagener vom Institut für angewandtes Stoffstrommanagement:

„Das, was wir an Natur heute haben, ist Kulturland-bezogene Natur in Europa, diese Natur hat sich immer an die Nutzung angepasst und ist dort auch letztendlich gefördert worden. Wir haben jede Menge Kulturerfolge. Was wir heute verlernt haben ist, aus diesem Denken heraus auch neue Kulturen zu entwickeln, ja als Gerüst für Natur, für Biodiversität." Jörn Fischer, Professor für nachhaltige Landnutzung an der Leuphana Universität Lüneburg, sieht sogar mögliche Synergien zwischen den unterschiedlichen Nachhaltigkeitszielen:
„Wenn man zunächst schaut, denkt man, da hat man einen Zielkonflikt: Man kann entweder viel Nahrung produzieren oder viel Biodiversität schützen, aber wenn man etwas genauer hinschaut, und einen Systemansatz benutzt, dann stellt man fest, dass es auch Möglichkeiten gibt, zwischen beiden Synergien zu erzielen. Um das wirklich zu verstehen, müssen wir ein wenig tiefer schauen und müssen verstehen was für Akteure sind beteiligt, was für Governancemechanismen gibt es hier und wir können nicht an der Oberfläche bleiben und sagen, es ist entweder Nahrung oder Biodiversität. Das Ganze ist ein wenig komplexer."

Die Nutzungskonflikte zwischen Landnutzung und dem Leben an Land in Synergien umzuwandeln, ist Aufgabe der Forschung, damit die Landwirtschaft nicht ihre eigene ökologische Grundlage zerstört.
Gleiches gilt für das Ziel, das Leben unter Wasser zu schützen: Wie lässt sich dieses damit vereinbaren, den Hunger zu bekämpfen? Schließlich sind Fische eine wichtige Eiweißquelle, gleichzeitig sind schon jetzt viele Fischbestände überfischt und der Lebensraum Meer droht aus dem Gleichgewicht zu geraten. Heike Vesper, die sich dem Meeresschutz beim WWF verschrieben hat, ist der Meinung, dass ausgerechnet diese beiden Ziele nur zusammen realisiert werden können:
„Der WWF denkt, dass ohne den Erhalt der Artenvielfalt, es nicht möglich ist, das Meer nachhaltig zu bewirtschaften. Das heißt, Fischbestände zu erhalten nicht nur aus Gründen des Meeresschutzes, sondern auch, um Ernährungssicherheit und Armutsbekämpfung zu erreichen. Denn mit Fischerei sind auch immer viele Arbeitsplätze verbunden." Weltweit sind 30 Prozent der Fischbestände überfischt. Gefischt wird fast nur in flacherem Wasser in der Nähe von Küsten, wo es viele Nährstoffe gibt und deshalb viele Fische leben. Auf dem offenen Ozean lohnt sich die Fischerei nicht, weil es hier zu wenig Fische gibt. Prof. Dr. Ulf Riebesell vom GEOMAR - Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel fragt sich, ob sich der Hunger auf der Welt nicht ausrotten ließe, indem wir auch den offenen Ozean als Fischquelle nutzen. Das Problem dabei: Die Nährstoffe sinken dort in die Tiefsee ab, in den oberen Wasserschichten gibt es dementsprechend kaum Leben. Riebesell erforscht, ob er mit einer Pumpe, die nährstoffreiches Wasser nach oben pumpt, das natürliche Fischwachstum anheizen kann:

„Ja, hier geht es um die Idee, ob wir den Ozean in den Regionen wo er sehr unproduktiv ist – und das betrifft etwa 40 Prozent des globalen Ozeans – ob wir dort die Produktivität erhöhen können, indem wir künstlichen Auftrieb erzeugen. Also Tiefenwasser, das nährstoffreich ist, an die Oberfläche bringen und damit die Produktivität anreichern, und dann möglicherweise ein Nahrungsnetz erzeugen können, das typisch für natürliche Auftriebssysteme ist, da wo wir sehr kurze Nahrungsketten haben und die eine sehr hohe Produktivität haben."

Diese Pumpe wird allein durch Wellen- oder Windkraft angetrieben. Da Riebesell nicht vorhersagen kann, welche Auswirkungen dieser Eingriff auf den Lebensraum Ozean hat, ist es ihm wichtig, dass sich die Pumpe jederzeit abstellen lässt. So kann der Ausgangszustand wiederhergestellt werden. Die Vision ist verlockend: Das Nachhaltigkeitsziel, den Hunger zu beenden, erreichen, ohne das Ziel „Leben unter Wasser schützen" zu gefährden.

Ein weiteres Thema, das Experten diskutiert haben, ist, wie sich Energiegewinnung, Industrie und Klimaschutz miteinander vereinbaren lassen:

Auf den ersten Blick scheint Kohlendioxid in einem Widerspruch mit dem Klimaschutz zu stehen: Schließlich sorgt das Treibhausgas dafür, dass weniger Hitze reflektiert wird und sich so das Klima auf der Erde immer weiter aufheizt. Wenn die Ziele Nachhaltiger Entwicklung umgesetzt werden sollen, muss man die CO2-Emissionen massiv senken. Doch vor allem das CO2 aus der Industrie ist nicht nur Klimakiller, sondern auch ein wertvoller Rohstoff: Man kann es nutzen und speichern – damit es gar nicht erst in die Atmosphäre gelangt. Dr. Florian Ausfelder von der Gesellschaft für Chemische Technik und Biotechnologie DECHEMA erklärt, dass das schädliche Kohlendioxid durch chemische Prozesse so verändert wird, dass es weiterverwendet werden kann:

„Als Produkte kommen entweder Kraftstoffe oder Chemikalien heraus. Bei den Chemikalien kann das weitergeführt werden. Man bekommt dann zum Beispiel Polymere, aus denen man Matratzen herstellen kann und dann können Sie ganz ruhig auf CO2 schlafen."

Aus CO2 lassen sich aber auch Kraftstoffe, Kunststoffe und Dünger herstellen. Im Projekt Carbon2Chem passiert genau das: Unternehmen und Forschungsinstitute haben sich zusammengetan, um zehn Prozent des CO2-Ausstoßes der deutschen Industrieprozesse und des verarbeitenden Gewerbes zu recyclen. Dr. Wiebke Lüke, Projektmanagerin von Carbon2Chem bei thyssenkrupp, zeigt, worin das Interesse der Industrie an der Nachhaltigkeit besteht:

„Wir sehen für uns als großes Unternehmen eine Notwendigkeit selbst das Thema Nachhaltigkeit aktiv mitzugestalten und daran mitzuarbeiten. Deswegen unterstützen wir mit Carbon2Chem große Teile der Nachhaltigkeitsziele der Bundesregierung."

17 Nachhaltigkeitsziele, konfliktreiche Themen und Probleme, die nur gemeinsam gelöst werden können: Bei der zweitätigen Nachhaltigkeits-Konferenz haben über 500 Teilnehmer Lösungen diskutiert, wie die Ziele der Vereinten Nationen umgesetzt werden können.
Die Bundesregierung hat nun die Wissenschaftsplattform Nachhaltigkeit 2030 ins Leben gerufen, die Lösungen aus der Wissenschaft sammelt. Das Wissen aus der Forschung soll Akteuren aus Gesellschaft, Wirtschaft und Politik dabei helfen, Entscheidungen für eine nachhaltige Entwicklung zu treffen:
„Prioritäten setzten und die schwierigsten Probleme angehen, darum möchten wir uns kümmern".
So fasst Prof. Dr. Dirk Messner, Gründungsmitglied der Nachhaltigkeitsplattform die Aufgabe der neuen Plattform zusammen.

„Ja, die FONA-Forschung ist sehr wichtig, weil viele Antworten und gute Problemanalysen werden ja von der Forscherinnen- und Forschergemeinde, zu der ich ja selbst gehöre, erarbeitet. Und das wollen wir nicht doppeln mit der Wissenschaftsplattform, das ist ja alles da. Wir wollen es zusammenführen, und wir wollen die Leute zusammenbringen, die uns bei der Lösung der Probleme tatsächlich helfen können. Wir haben diese Mittlerfunktion und Umsetzungsperspektive – das soll vorangebracht werden."
13 Jahre verbleiben uns noch, bis die Ziele im Jahr 2030 umgesetzt sein sollen.
„Es geht um nicht weniger als um ein Leben in Würde, Gerechtigkeit und Frieden, um soziale Sicherheit ebenso wie um wirtschaftliche Entfaltungsmöglichkeiten bei gleichzeitigem Schutz unserer natürlichen Lebensgrundlagen", so die Bundesregierung. Kurz gesagt: Es geht ums Ganze.