POLARSTERN-Expedition zum Langzeitgedächtnis der Arktis
Im Jahr 1999 gründete das Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI), ein ehrgeiziges Projekt: das HAUSGARTEN-Observatorium in der Framstraße zwischen Nordostgrönland und Spitzbergen. Diese einzigartige Infrastruktur, die von eisbedeckten Gewässern bis in Tiefen von über 5.500 Metern reicht, ist heute ein Schlüsselstandort für die Beobachtung der Auswirkungen des Klimawandels auf polare Ökosysteme im Meer. Der Forschungseisbrecher POLARSTERN ist jetzt vor Ort im Einsatz.
Wenn der Forschungseisbrecher POLARSTERN am 4. Juli 2026 mit 54 wissenschaftlichen Expeditionsnehmenden und 43 Crewmitgliedern in Bremerhaven zur nächsten Arktisexpedition startet, ist das Ziel ein bekanntes: der sogenannte AWI-HAUSGARTEN. Seit über 25 Jahren betreiben internationale Wissenschaftsteams dort Messsysteme, die am Boden der Tiefsee verankert sind und regelmäßig ausgetauscht werden müssen, und führen ozeanographische und biologische Studien durch. Dank umfangreicher Messungen ist bestens bekannt, wie der Meeresboden strukturiert ist und wo sich welche Experimente durchführen lassen. Die veränderten Eisbedingungen beeinflussen die Arktis und spielen somit in den multidisziplinären Studien eine wichtige Rolle.
„Der HAUSGARTEN ist mehr als ein Messnetz – er ist ein Langzeitgedächtnis der Arktis“, sagt Dr. Thomas Soltwedel, Biologe und langjähriger wissenschaftlicher Leiter des Observatoriums am AWI. Er ist Initiator der aktuellen Sonderausgabe der Fachzeitschrift Deep-Sea Research Part II: Topical Studies in Oceanography, die in 25 Fachbeiträgen verschiedener Autorinnen und Autoren maßgebliche Entwicklungen der ökologischen Langzeitforschung vorstellt. „Ohne diese Daten könnten wir weder die Geschwindigkeit noch die Tragweite der Veränderungen an der Grenze zwischen Nordatlantik und zentralem Arktischen Ozean verstehen.“
AWI-Direktor Hajo Eicken würdigt diese Forschungsarbeit: „Das Alfred-Wegener-Institut ist zu Recht stolz auf diese wichtige Langzeitforschung. Zusammen mit der Infrastruktur des FRAM Ozean-Beobachtungssystems liefert der HAUSGARTEN Informationen, die uns erlauben, arktischen Umweltwandel in einen globalen Zusammenhang zu bringen. Nur solch elementare Messungen, die sowohl saisonale als auch Variationen zwischen den Jahren erfassen, lassen langfristige Trends erkennen. Dies hilft die Auswirkungen für unsere Breiten zu verstehen, und liefert wichtige Referenzdaten für Vorhersagesysteme.“
Die Framstraße ist die einzige Tiefwasserverbindung zwischen der Zentralarktis und den Weltmeeren. Hier treffen warme Atlantikströmungen auf kaltes arktisches Wasser – und diese Dynamik macht die Region zu einem Frühwarnsystem für globale Veränderungen. Gleichzeitig erwärmt sich die Arktis doppelt so schnell wie der Rest der Erde, und alleine die physikalischen Folgen sind dramatisch. So hat die Dicke des Meereises in der Framstraße in den letzten Jahrzehnten um bis zu 40 Prozent abgenommen. Die Eisschollen stammen heute zunehmend aus anderen Regionen der Arktis – ein Zeichen für Veränderungen der gesamten arktischen Ozeanzirkulation. Außerdem steigen insbesondere im östlichen Teil der Framstraße die Wassertemperaturen merklich kontinuierlich an.
Weitere ökologische Langzeituntersuchungen zeigen, dass sich die Zusammensetzung des pflanzlichen Planktons bereits deutlich verändert hat. Beim Zooplankton nehmen zudem kälteliebende Arten ab, während wärmetolerante Arten in die Arktis einwandern - mit unvorhersehbaren Folgen für das Nahrungsnetz. Außerdem wirken sich Veränderungen in der Wassersäule auch direkt auf den Meeresboden aus. Durch die veränderte Planktonzusammensetzung sinkt heute offensichtlich weniger energiereiches Material ab – mit Folgen für alle Bewohner des Tiefseebodens – ein Phänomen, das ohne die Langzeitreihe unbekannt geblieben wäre. Erst kürzlich dienten die Daten auch als Basis für eine Publikation in der Nature, die die Veränderungen des Lebensraums Tiefsee durch vermehrt auftretende Eisberge thematisiert.
Die aktuelle Sonderausgabe widmet sich zusätzlich der langfristigen Verfügbarkeit der Daten: Das Online-Repositorium PANGAEA wurde zu einem zentralen Archiv für Expeditionsdaten, Bilder und Filmmaterial. Der Großteil aller bisher erhobenen Daten sowie mehr als 250 wissenschaftliche Publikationen sind in einem integrierten Online-Archiv zugänglich, die in über 25 Jahren von Untersuchungen am Observatorium entstanden sind. Autor dieses Kapitels ist AWI-Biologe Dr. Autun Purser, der das Ocean Floor Observation and Bathymetry System (OFOBS) betreut und damit für viele der Foto- und Videoaufnahmen verantwortlich ist. Er ist auch Fahrtleiter der aktuellen POLARSTERN-Expedition und erklärt die Bedeutung des Langzeitobservatoriums: „Die konsequente Überwachung von langsamen Prozessen wie Ozeanerwärmung, Sauerstoffmangel, Versauerung oder Eisschmelze sowie deren ökologische Folgen erfordert die Sammlung von Daten über ausgedehnte Zeiträume. Die Ergebnisse sind entscheidend für die Bewertung der Auswirkungen menschlicher Aktivitäten, die Entwicklung von Schutzmaßnahmen und die Förderung nachhaltiger Managementstrategien.“
Die HAUSGARTEN-Expedition soll planmäßig am 3. August 2026 im norwegischen Tromsø enden. Die dort startende Folgeexpedition führt an die nordostgrönländische Küste und in die Zentralarktis und ist geprägt von geowissenschaftlichen Arbeiten. In ihrem Heimathafen wird die POLARSTERN Mitte Oktober zurückerwartet.