Urbane Produktion, Industrie 4.0 und digitale Dienstleistungen in der Zukunftsstadt

Industrie und Dienstleistung sind einem grundlegenden Wandel unterworfen. Die Digitalisierung schafft neue Dienstleistungsangebote und verändert industrielle Produktionsformen. Produktion und Dienstleistung wachsen zusammen und so entwickeln sich neue Qualitäten der Vernetzung zwischen Menschen, Maschinen und Dingen. Die Veränderungsprozesse werfen Fragen auf, da diese das Leben und die Lebensqualität in urbanen Räumen stark beeinflussen.
Moderatorin Sandra Wagner-Endres (Difu), Moderator Dr. Frank Betker (DLR Projektträger), Dr. Michael Kopatz (Wuppertal Institut), Kerstin Meyer (IAT), Frank Osterhage (ILS) und Moderator Dr. Jens Libbe (Difu) (v.l.n.r.) bei der Diskussion im  (Inga Kjer / photothek)
Moderatorin Sandra Wagner-Endres (Difu), Moderator Dr. Frank Betker (DLR Projektträger), Dr. Michael Kopatz (Wuppertal Institut), Kerstin Meyer (IAT), Frank Osterhage (ILS) und Moderator Dr. Jens Libbe (Difu) (v.l.n.r.) bei der Diskussion im FONA-Workshop "Urbane Produktion" am 6.6.2018 in Leipzig.
Foto: Inga Kjer / photothek

  • Welche räumlichen Folgen für urbane Räume sind zu erwarten? Wird sich die Flächennachfrage weiter ausdifferenzieren und fragen urbane Produzenten und Dienstleister zunehmend kleinteilige Flächen in integrierten Lagen nach? Wird das Wohnen stärker belastet?
  • Wie verortet sich die Zukunftsstadt als Wirtschaftsstandort zwischen den Polen eines zunehmend globalisierten Standortwettbewerbs und den lokalen Strukturen von Produktion und Handel mit regionaler Wertschöpfung?

In diesem Spannungsfeld operieren einige Projekte der BMBF-Leitinitiative Zukunftsstadt. Die Frage, was urbane Produktion und Dienstleistung in der Zukunftsstadt ausmacht und welche Gestaltungsmacht die Stadtpolitik hat, waren Gegenstand des Workshops "Urbane Produktion, Industrie 4.0 und digitale Dienstleistungen – ist die Zukunftsstadt darauf vorbereitet?" beim 14. Forum für Nachhaltigkeit (FONA) in Leipzig am 6.6.2018. Referentin und Referenten waren Dr. Michael Kopatz vom Wuppertal-Institut, Kerstin Meyer vom Institut für Arbeit und Technik (IAT) der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen sowie Frank Osterhage vom Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung (ILS), die aus ihren laufenden Projekten berichteten.

Vitale Quartiere und lokale Wertschöpfung durch Urbane Produktion

Dipl.-Ing. Frank Osterhage am Rednerpult. (Inga Kjer/ photothek)
Dipl.-Ing. Frank Osterhage (ILS) bei seinem Vortrag im Workshop mit etwa 75 Teilnehmer*innen: „Urbane digitale Produktion birgt auch Chancen für eine partizipative Quartiersentwicklung.
Foto: Inga Kjer/ photothek

Urbane Produktion bezeichnet die Herstellung und Bearbeitung von materiellen Gütern in dicht besiedelten Gebieten, die häufig lokale Ressourcen und lokal eingebettete Wertschöpfungsketten nutzt, so die von Kerstin Meyer zitierte Definition. Der Spannungsbogen reicht dabei von Reparaturwerkstätten über neuartige Manufakturen, 3D-Druckereien und Sharing-Dienste bis zum sogenannten Reshoring als Reintegration von ehemals ausgelagerten Produktionsketten. Urbane Produktion ist vor allem dort interessant, wo Produktion, Dienstleistung und Logistik emissionsarm erfolgen können und wo vor allem auch eine Beziehung zum umliegenden Stadtraum gegeben ist. Ist dieses der Fall, kann die Urbane Produktion ein wichtiger Bestandteil für die Vitalisierung von Quartieren sein.

Mit der Frage der Urbanen Produktion eng verbunden ist zudem jene der städtischen Wirtschaftskreisläufe, etwa im produzierenden Gewerbe, im Bereich Landwirtschaft/Ernährung oder im Baugewerbe und Handwerk. Lokale Unternehmen verfügen in aller Regel und im Unterschied zu überörtlich oder gar global agierenden Unternehmen über zumeist auf Stadt und Region bezogene Einkaufs- und Vertriebswege. Strategien urbaner Produktion können also zur Stärkung lokaler Ökonomien maßgeblich beitragen.

Neue Möglichkeiten Urbanität zu stärken

Traditionelle Strategien der Bereitstellung von Flächen für Wirtschaft und Gewerbe oder des Standortmarketings erscheinen immer weniger ausreichend. Unternehmen der Kreativwirtschaft beispielsweise suchen eher kleinteilige Flächen in integrierten, urbanen Lagen, so Frank Osterhage. Auch die digitale Produktion sucht integrierte Standorte. Eine Untersuchung in NRW hat ergeben, dass Start-ups häufig eng in den urbanen Raum eingebunden sein wollen. Doch auch die Standortpräferenzen der klassischen Industrie- und Gewerbebetriebe orientieren sich zunehmend an den Bedarfen potenzieller Beschäftigter und Kunden. So werden die Nähe von Wohnen und Arbeiten bzw. eine gute verkehrliche Anbindung, ein attraktives Arbeitsumfeld sowie eine ansprechendes Freizeitangebot zu immer wichtigeren Standortfaktoren.

All dies verändert auch die Anforderungen an die Kommunen in ihrer Eigenschaft als räumlich planende und die Wirtschaft fördernde Akteure. Um in städtischen Lagen künftig eine höhere bauliche Dichte und mehr Nutzungsmischung zu erreichen, haben Städte und Gemeinden seit 2017 die Möglichkeit, die neue Baugebietskategorie "Urbanes Gebiet" auszuweisen. Zentrales Ziel dieser Änderung der Baunutzungsverordnung ist es, Wohnen und urbane Produktion in der nutzungsgemischten Stadt miteinander zu versöhnen. Auf diese Weise sollen gleichermaßen wirtschaftliche Impulse gesetzt und die Vitalität von Wohnquartieren mit hoher Lebensqualität gefördert werden.

Innovationen in und mit der Wirtschaftsförderung

Auch die Rolle der kommunalen Wirtschaftsförderungen und deren Befähigung, innovativ mit neuen Trends des urbanen Wirtschaftens umzugehen und nachhaltige urbane Produktionsweisen weiterzuentwickeln, wurden auf dem FONA-Workshop thematisiert. Es sind oftmals die Wirtschaftsförderer selbst, die hier Nachholbedarf erkennen und sich auf die Suche nach neuen strategischen Ansätzen begeben. Es geht nicht zuletzt um die Besinnung auf Kernelemente der sozialen Marktwirtschaft im Sinne der Stärkung lokaler Strukturen und damit des gesellschaftlichen Zusammenhalts, so Michael Kopatz. Die Wirtschaftsförderung sollte dieses Anliegen offensiv vertreten und sich nicht allein auf angebotsorientierte Politiken im Standortwettbewerb reduzieren lassen. Er plädiert für ein erweitertes Selbstverständnis der Wirtschaftsförderung, die sich auch als Anwalt und Unterstützer kreativer Produktions- und Dienstleistungsmilieus begreifen sollte. So kann Wirtschaftsförderung innovativ lokale und regionale Wertschöpfungsnetze stärken und mehr denn je einen räumlich wirksamen Beitrag zur Stadtentwicklung leisten. Erfolgreiche Beispiele sollten intensiver in der Fachwelt kommuniziert werden.

Die drei Beiträge und die anschließende Diskussion machten deutlich, dass das Handlungsfeld der Urbanen Produktion ein zentrales Element der Zukunftsstadt ist.

Der Workshop wurde im Auftrag des BMBF vom DLR Projektträger im Rahmen des 14. FONA-Forums veranstaltet und gemeinsam von Dr. Frank Betker (DLR Projektträger) sowie Dipl.-Ing. Sandra Wagner-Endres und Dr. Jens Libbe (Deutsches Institut für Urbanistik – Difu) moderiert. Verantwortlich und Zusammenfassung: Dr. Frank Betker und Dr. Jens Libbe.