Wirtschaft und Unternehmen spielen eine zentrale Rolle beim Schutz und bei der nachhaltigen Nutzung der Biodiversität

Jedes Unternehmen ist von der Biodiversität abhängig, und jedes Unternehmen hat Auswirkungen auf sie. Warum grundlegende Veränderungen möglich und notwendig sind und wie sie gelingen können, beantwortet Dr. Vanesa Rodríguez Osuna von der UNEP Finance Initiative.

Das Kapitel 1 „Setting the Scene“ des IPBES-Assessments zu Wirtschaft und Biodiversität schafft den grundlegenden Kontext für das Verständnis der Wechselwirkungen zwischen Unternehmen und Natur und umreißt den Umfang, die Gründe und den Rahmen für die Bewertung der Auswirkungen auf die Biodiversität und der Abhängigkeiten. Es beschreibt die entscheidende Rolle von Unternehmen bei der Umkehrung des Verlusts der biologischen Vielfalt. Vanesa Rodríguez Osuna weiß: „Die Natur bildet die Grundlage aller Volkswirtschaften, die nur dann gedeihen können, wenn wir unser Naturkapital schützen, wiederherstellen und nachhaltig nutzen. Unser Wohlergehen und unser Wohlstand hängen von unserer Beziehung zur Natur ab.“

 

Das Wachstum der Weltwirtschaft geht mit einem immensen Biodiversitätsverlust einher, der ein allgegenwärtiges Risiko für die Wirtschaft, die Finanzstabilität und das Wohlergehen der Menschen darstellt. Dies ist eine zentrale Erkenntnis des „Business & Biodiversity Assessments“, das im Februar auf der 12. Sitzung der IPBES-Vollversammlung in Manchester (UK) verabschiedet wurde. Frau Rodriguez Osuna, worin sehen Sie das Potenzial dieses Assessments?

Der von über 150 Regierungen gebilligte Bericht sendet eine ganz klare Botschaft: Natur und Wirtschaft sind untrennbar verbunden. Alle Unternehmen wirken auf die Natur ein und sind zugleich von ihr abhängig. Kurzfristige Gewinne verlieren langfristig an Wert, wenn sie auf Kosten der Natur entstehen. Das Assessment zeigt jedoch, dass sich diese Beziehung ändern lässt. Es nennt 25 konkrete Maßnahmen, die Unternehmen weltweit – auch in Deutschland – sofort umsetzen können. So können sie naturbezogene Risiken verringern und gleichzeitig neue Chancen erschließen.

Dieses Assessment unterstreicht die zentrale Rolle der Wirtschaft beim Schutz und bei der nachhaltigen Nutzung der Biodiversität. Können Sie uns einige Beispiele für Abhängigkeiten von Unternehmen von Rohstoffen und Biodiversität nennen?

Unternehmen sind für ihren Betrieb und ihre Wertschöpfungsketten direkt auf Biodiversität und Ökosystemleistungen angewiesen, wie beispielsweise die Bestäubung durch Wildbienen, Wasserqualität und Klimaregulierung im Agrarsektor. Der Getränkesektor beispielsweise ist stark auf Wasser und landwirtschaftliche Zutaten angewiesen. Selbst Unternehmen, die scheinbar weit von der Natur entfernt sind, sind von ihr abhängig: Der Automobilsektor beispielsweise weist hohe und oft übersehene Abhängigkeiten von der Natur auf, die sich über den Wasserverbrauch, die Landnutzung und Rohstoffe (Metalle, Gummi und Leder) entlang seiner gesamten Lieferkette erstrecken.

Unternehmen sind auf Profit ausgerichtet. Wie kann Profitstreben mit dem Schutz von Natur und Biodiversität also unserer Lebensgrundlagen einhergehen?

Profit und Naturschutz müssen sich nicht ausschließen, sind aber unter den aktuellen Rahmenbedingungen häufig unvereinbar. Viele Unternehmen unterschätzen ihre Abhängigkeit von der Natur und riskieren dadurch vermeidbare Schäden. Naturbasierte Lösungen wie Mangrovenaufforstung sind oft kosteneffizienter als gebaute Infrastruktur und bieten zusätzliche Vorteile wie Kohlenstoffspeicherung und Wasserregulierung. Zugleich zeigen innovative Geschäftsmodelle, dass naturverträgliche Produktion wirtschaftlich tragfähig und für Investoren attraktiv ist. Die Umlenkung von Kapital in weniger schädliche, skalierbare Modelle verbindet Gewinnstreben mit Naturschutz und stärkt langfristig die Widerstandsfähigkeit von Unternehmen.

Wie können Unternehmen ihre Auswirkungen und Abhängigkeiten besser messen und steuern?

Unternehmen können Naturauswirkungen besser steuern, wenn sie ökologische Faktoren in Strategie, Führung und Risikomanagement verankern und ihre wichtigsten Abhängigkeiten sowie Auswirkungen entlang von Standorten und Wertschöpfungsketten verstehen. Vor Ort braucht es gründliche Umwelt- und Sozialprüfungen sowie die konsequente Anwendung der Schadenminderungshierarchie. In den Lieferketten sollten deshalb risikoreiche Materialien und Standorte priorisiert und Partner aktiv eingebunden werden. Messinstrumente wie Lebenszyklusanalysen und die Zusammenarbeit mit wissenschaftlichem, lokalem und indigenem Wissen unterstützen fundierte Entscheidungen.

Die derzeitigen externen Bedingungen, unter denen Unternehmen agieren, sind nicht immer mit der Verwirklichung des transformativen Wandels und einer nachhaltigen Zukunft vereinbar und verstetigen systemische Risiken. Wie können Unternehmen Akteure eines positiven transformativen Wandels sein?

Unternehmen können auch unter schwierigen Marktbedingungen zentrale Treiber eines systemischen Wandels sein – vorausgesetzt, Nachhaltigkeit und insbesondere naturbezogene Aspekte sind fest in der Kernstrategie verankert. So beeinflussen sie nicht nur Mitarbeitende, Lieferanten und Kunden, sondern eröffnen sich zugleich neue wirtschaftliche Chancen. Eine konsequente Nachhaltigkeitstransformation ermöglicht innovative Geschäftsmodelle, etwa in den Bereichen Agrartechnologien, Umwelt-DNA oder Wasser- und Kreislauflösungen. Sektorale Umstellungen schaffen jährlich erhebliche Geschäftspotenziale, zahlreiche Arbeitsplätze und stärken die Resilienz. Unternehmen, die ihre Investitionen und ihr Engagement konsequent an nachhaltigen Prinzipien ausrichten, gestalten aktiv den Übergang zu einer zukunftsfähigen Wirtschaft.

Die bestehende Wissensbasis in der Biodiversitätsforschung ist inzwischen groß. Gibt es denn noch Lücken im Wissen und in dessen Anwendung und wenn ja, welche?

Ja, es bestehen Wissenslücken. Dazu zählen ein Mangel an konsistenten und standardisierten Daten, unvollständige wissenschaftliche Erkenntnisse und die unzureichende Einbeziehung des Wissens indigener und lokaler Gemeinschaften. Mit den derzeitigen Methoden lassen sich die Zusammenhänge zwischen unternehmerischen Entscheidungen und deren Auswirkungen auf die Biodiversität nicht immer angemessen erfassen. Darüber hinaus sind die Zugänglichkeit und Transparenz der Daten unzureichend und die Nutzung verfügbarer Ansätze und Erkenntnisse ist in vielen Bereichen nach wie vor gering.

Welche Anreize für Maßnahmen müssen geschaffen werden, die für Unternehmen, die Biodiversität und die Gesellschaft von Vorteil sind und zu einer gerechten und nachhaltigen Zukunft beitragen?

Wirksame Maßnahmen erfordern: Erstens klare politische und rechtliche Rahmen, die Biodiversität in Regulierung und Rechenschaftspflicht zu verankern. Zweitens Wirtschafts- und Finanzsysteme, die Anreize durch den Abbau schädlicher Subventionen und die Förderung naturfreundlicher Investitionen neu ausrichten. Drittens ein Wandel von Werten und Normen durch Transparenz und Bewusstseinsbildung. Viertens robuste Technologie- und Datensysteme für Monitoring und evidenzbasierte Entscheidungen. Fünftens gestärkte Kapazitäten durch Bildung, Forschung, sektorübergreifende Kooperation und die Einbeziehung indigener und lokaler Gemeinschaften.

Üblicherweise sind für Biodiversitäts- und Umweltfragen Forschungs- und Umweltministerien zuständig. Wie können Wirtschafts- und Finanzministerien einbezogen werden beziehungsweise wie kann diesen Ressorts die Dringlichkeit zum Handeln nahegebracht werden sowie zu Gesetzen führen?

Wirtschafts- und Finanzministerien sollten einbezogen werden, da der Biodiversitätsverlust erhebliche makroökonomische und finanzielle Risiken verursacht. Er zählt zu den gravierendsten langfristigen Bedrohungen für Wachstum, Haushalte und Kapitalmärkte. Schon heute beeinträchtigen Wasserknappheit, Dürre und geschädigte Ökosysteme Lieferketten, Produktivität und Vermögenswerte. Naturschutz ist daher auch für wirtschaftliche Resilienz und Stabilität zentral. Ministerien können entscheidend beitragen, indem sie Natur in Entwicklungsstrategien, Finanzpolitik und sektorale Übergangspläne integrieren und Biodiversitätsziele in gesamtwirtschaftliche Maßnahmen überführen.

Frau Rodríguez Osuna, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Zur Person

Dr. Vanesa Rodríguez Osuna verfügt über umfassende internationale Erfahrung an der Schnittstelle von nachhaltiger Finanzierung, Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und grünen Technologien. Seit 2021 leitet sie den Bereich „Climate Transition“ und arbeitet als Natur-Expertin bei der UNEP Finance Initiative mit Finanzinstituten in den Sektoren Landwirtschaft, Ernährung und Immobilien zusammen, um klimabezogene und naturbezogene Risiken und Chancen strategisch zu steuern. Zuvor hat sie bei der GIZ politische Entscheidungsträger zu den Themen Kreislaufwirtschaft, Green Tech und umweltpolitische Instrumente beraten. Bei sequa leitete sie internationale Programme mit der deutschen Wirtschaft. In New York hat sie ein R&D-Projekt im Bereich Impact Investing geleitet, in dem die ökologischen und sozialen Auswirkungen globaler Aktienportfolios für einen großen niederländischen Pensionsfondsmanager bewertet wurden. Zudem hat sie die Entwicklung nachhaltiger Lieferketten (Schokolade, Luxusfasern, Palmöl) in Lateinamerika unterstützt.

Sie hat einen wissenschaftlichen Hintergrund als Umweltingenieurin, einen Master of Science und eine Promotion in Naturwissenschaften. Sie arbeitete auch in der Wissenschaft am Zentrum für Entwicklungsforschung der Universität Bonn in den Bereichen Klimarisiken, wirtschaftliche Anreize für den Naturschutz, ökologisch-ökonomische Auswertung von Ökosystemleistungen sowie nachhaltiges Land- und Wassermanagement.