Walforscherin: Unterwasserlärm kann schwerwiegende Folgen für Meerestiere haben

Küstenzonen werden immer wieder zur tödlichen Falle für viele Wale weltweit. Aktuell bewegt das traurige Schicksal eines jungen Buckelwals die Öffentlichkeit. Die Gründe von Walstrandungen sind vielfältig, sagt Prof. Ursula Siebert, Direktorin des Instituts für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover im Interview. Sie erforscht die Auswirkungen von Unterwasserlärm auf Meeresbewohner - aktuell in zwei vom BMFTR geförderten internationalen Projekten.

Frau Prof. Siebert, der junge Buckelwal bewegt derzeit viele Menschen in der Öffentlichkeit. Was macht diesen Fall eines in der Ostsee gestrandeten Wals aus Ihrer Sicht so besonders? 

Der Fall ist besonders, weil einerseits Sichtungen von Buckelwalen in der Ostsee selten sind und bisher noch kein Buckelwal dort gestrandet ist. Zudem ist der Buckelwal wiederholt in Strand- oder Hafennähe gesichtet worden bzw. dort gestrandet. Die mediale Aufmerksamkeit hat dazu geführt, dass jeder das Tier aus dem „Wohnzimmer“ heraus beobachten kann.

Viele fragen sich: Warum verirren sich große Wale überhaupt in die Ostsee - was macht dieses Binnenmeer für sie zur Falle? 

Buckelwale kommen zwar in fast allen Weltmeeren vor, sie sind jedoch nicht in der Ostsee heimisch. Dennoch werden dort häufiger junge, unerfahrene Tiere beobachtet, begünstigt durch die wachsende nordatlantische Population. Auch wenn Buckelwale sich häufig in Küstennähe oder flacheren Gewässern aufhalten, können Sandbänke, enge Passagen und die insgesamt schwierigen Bedingungen eines Binnenmeers ein Problem für sie werden. Ein Tier findet hier unter Stress oder Schwäche nicht immer wieder sicher hinaus.

Der Buckelwal ist mehrfach auf Sandbänken gestrandet. Sind solche Strandungen eher ein Zeichen von Desorientierung oder sogar von gesundheitlichen Problemen? 

Das wiederholte Stranden des Wals deutet darauf hin, dass ein grundlegendes Problem vorliegt oder auch mehrere Faktoren zusammenkommen: Dazu zählen Orientierungsschwierigkeiten, körperliche Erschöpfung, Stress, Krankheiten sowie zusätzliche Beeinträchtigungen wie Verletzungen und das Verfangen in Fischereigeräten.

Wie gefährlich ist Unterwasserlärm für Wale, Schweinswale und andere Meerestiere?

Unterwasserlärm ist keineswegs ein Randproblem, sondern kann Wale und andere Meerestiere auf vielfältige Weise beeinträchtigen. Er kann ihr Verhalten verändern, wichtige Signale überdecken und so dazu führen, dass Tiere ihre eigenen Laute oder Umweltreize nicht mehr wahrnehmen. Außerdem kann dieser Lärm erhöhten Stress oder Hörschäden verursachen. Wale und Delfine nutzen Schall für nahezu alle zentralen Lebensfunktionen, wie die Kommunikation, Orientierung, Nahrungssuche, Paarung und das Meiden von Gefahren, Die Beeinträchtigung ihres Hörvermögens kann also schwerwiegende Folgen haben. Umso wichtiger ist es, die Auswirkungen von Unterwasserlärm auf Meeressäugetiere und andere Wasserorganismen genauer zu erfassen und zu bewerten.

 

 

Sie erforschen seit Jahren speziell die Auswirkungen von Unterwasserlärm auf Schweinswale: Was passiert im Körper dieser Tiere, wenn sie dauerhaft oder plötzlich starkem Unterwasserlärm ausgesetzt sind? 

Im akuten Stadium kann sehr starker Lärm Hörschäden bis zum Tod hervorrufen, aber auch zu Stressreaktionen und Verhaltensänderungen führen. Chronisch kann dauerhafter Lärm dazu beitragen, dass Tiere Lebensräume schlechter nutzen, weniger effizient jagen und dauerhaft physiologisch belastet werden. Gerade beim Schweinswal ist das gravierend, weil er stark auf akustische Wahrnehmung angewiesen ist. Unser Projekt DIAPHONIA setzt genau hier an und untersucht funktionelle und morphologische Veränderungen entlang der Hörbahn.

Die von Ihnen geleiteten und vom BMFTR geförderten internationalen Forschungsprojekte DIAPHONIA und PURE WIND beschäftigen sich sehr konkret mit den Folgen dieser unsichtbaren „Verschmutzung“ der Meere. Welche Erkenntnisse sind hierbei bedeutend?  

Ein erster zentraler Punkt ist, dass Lärmauswirkungen über viele Organismengruppen hinweg betrachtet werden müssen – von Wirbellosen über Fische bis zu Meeressäugern. Zweitens zeigt das Projekt PURE WIND, dass nicht nur Bauphasen, sondern auch die Betriebsphase von Offshore-Windparks für die Meeresumwelt relevant ist und bislang noch zu wenig verstanden wurde. Drittens bereiten wir die Schritte von der Einzelbeobachtung hin zu regulatorisch nutzbarem Wissen vor: also von biologischen Effekten hin zu Bewertung, Minderung und Planung.

In DIAPHONIA wollen die Forschenden diagnostische Fingerabdrücke für Lärmschäden entwickeln. Könnte dies künftig dabei helfen, die Ursachen besser einzuordnen und gezielter Gegenmaßnahmen zu ergreifen?

Ja, das ist eine sehr wichtige Perspektive. DIAPHONIA entwickelt einen diagnostischen Ansatz aus verschiedenen Methoden, um funktionelle und morphologische Veränderungen in den akustischen Strukturen nachzuweisen. Solche „Fingerabdrücke“ könnten künftig helfen, Lärmeinwirkungen besser von anderen Belastungen zu unterscheiden und Maßnahmen gezielter zu begründen.

Sie wollen das in den genannten Projekten gesammelte Wissen den politischen Entscheidungsträgern zur Verfügung stellen. Speziell die Emissionen durch Offshore-Windanlagen stehen hier im Fokus. Gibt es aus Ihrer Sicht Möglichkeiten, die Windparks umweltschonender und geräuschärmer in die Meere zu integrieren?

Ja, es gibt dafür mehrere Hebel: leisere Gründungsverfahren, technische Dämpfungsmaßnahmen, eine kluge Standortwahl, zeitliche Planung außerhalb sensibler Perioden, lärmarme Betriebsstrategien und ein stärkerer Blick auf kumulative Effekte mehrerer Parks. Das Projekt PURE WIND arbeitet genau daran, die Schallquellen, deren Ausbreitung, empfindliche Habitate und biologische Folgen besser zusammenzuführen, um Minderungsmaßnahmen regulatorisch nutzbar zu machen.

Was müsste sich aus Ihrer Sicht ändern, damit Meeressäuger in Nord- und Ostsee besser geschützt werden?

Entscheidend sind aus unserer Sicht drei Punkte: eine verbindlichere und überprüfbare Lärmminderung, eine Meeresraumplanung, die sensible Gebiete und Zeiträume konsequent berücksichtigt, und ein besseres kumulatives Management, das die Gesamtbelastung eines Lebensraums in den Blick nimmt. Meeressäuger in Nord- und Ostsee lassen sich nur wirksam schützen, wenn Naturschutz, Schifffahrt, Offshore-Ausbau und Fischerei gemeinsam gedacht werden. Gleichzeitig besteht weiterhin großer Wissensbedarf, weil die Auswirkungen von Unterwasserlärm außerordentlich komplex sind.

(Das Interview führte Henning Kraudzun)

Folgen des Unterwasserlärms

Der Lärmpegel in den Meeren hat stark zugenommen. Der durch die Schifffahrt, Sonargeräte und Offshore-Bauarbeiten hervorgerufene Unterwasserlärm hat Auswirkungen für die Gesundheit ganzer mariner Populationen, da die meisten Meerestiere den Schall für lebenserhaltende Funktionen nutzen. So stören diese Emissionen insbesondere die akustische Orientierung, Kommunikation und Nahrungssuche von Walen. 

Welche konkreten Folgen der Unterwasserlärm hat, untersuchen fünf Forschungsprojekte im Rahmen der transnationalen Fördermaßnahme „Underwater Noise in the Marine Environment“ der europäischen Initiative JPI Oceans. Auf deutscher Seite wurden und werden die Projekte ORCHESTRA, DeuteroNoise, DIAPHONIA, SONORA und PURE WIND vom BMFTR gefördert. Die Förderung lief bis Ende Dezember 2025, bei DIAPHONIA noch bis Ende Juni 2026.

Erste Ergebnisse der Projekte wurden bei einer Konferenz Ende 2025 bereits Vertreterinnen und Vertreter der Europäischen Kommission und weiteren Entscheidungsträgern auf EU-Ebene präsentiert. Das Ziel: Die gewonnenen Erkenntnisse der Forschenden sollen in europaweite Rechtsvorschriften einfließen, wodurch künftig eine Verringerung des Unterwasserlärms in europäischen Meeren erreicht werden kann.

Maßnahmen gegen Unterwasserlärm

In der Politik werden bereits Maßnahmen getroffen, um diese Emissionen zu minimieren. So hat die EU hat 2022 im Rahmen der Meeresstrategierahmenrichtlinie erstmals gemeinsame Grenz- bzw. Schwellenwerte für Unterwasserlärm festgelegt. Deutschland hat 2023 den Runden Tisch „Unterwasserlärm und Schifffahrt“ gestartet. Zudem hat die IMO im Jahr 2023 ihre überarbeiteten Leitlinien zur Verringerung des Unterwasserschalls aus der Schifffahrt verabschiedet und arbeitet weiter an der Umsetzung.