„Ich habe den Klimawandel gesehen": Start für neue deutsch-russische Polarforschungsprojekte in der Arktis

Welche drängenden wissenschaftlichen Fragen kann die Polarforschung beantworten und warum muss ein Polarforscher auf dem Eis immer ein Gewehr bei sich haben? Dr. Heidemarie Kassens vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel leitet ein Projekt der deutsch-russischen Zusammenarbeit in der Polar- und Meeresforschung, das am 1. März 2017 seine Arbeit aufgenommen hat. Die Forscher befassen sich mit den Folgen des Klimawandels in der sibirischen Arktis. Wie sich der Klimawandel zum einen auf das Ökosystem und das Meereis in der Arktis und zum anderen auf das Klima in Europa auswirkt, berichtet die Wissenschaftlerin und Trägerin des Bundesverdienstkreuzes im Interview.
Eine Frau und ein Mann sitzen mit Gewehr über den Knien auf Aluminiumkiste vor einem Zelt in der Arktis (Heidemarie Kassens/GEOMAR)
Heidemarie Kassens und Viktor Vizitov
photo: Heidemarie Kassens/GEOMAR

Frau Dr. Kassens, wie sieht der Klimawandel denn aus?
Er sieht so aus, dass sich das Meereis immer schneller zurückzieht. Auch dieses Jahr ist wieder ein Negativ-Rekordjahr, was die Eisbedeckung betrifft. Ich fahre seit 1991 fast jedes Jahr in die sibirische Arktis, zu Anfang noch mit schweren Eisbrechern. Diese Spezialschiffe brauchen wir heute nicht mehr unbedingt – in den Sommermonaten können wir mit eisgängigen Forschungsschiffen sehr gut arbeiten. Dafür haben wir jetzt viele Seekranke, die es vorher nicht gegeben hat. (lacht) In den großen eisfreien Gebieten können sich schon sehr hohe Wellen bilden.

Inwiefern begegnen Sie mit dem Projekt den Herausforderungen, vor die uns der Klimawandel stellt?
Die Arktis spielt eine wichtige Rolle für das weltweite Klima. Indem wir untersuchen, was sich aktuell in der Arktis verändert und wie sich das Klima in den nächsten zehn Jahren entwickeln wird, wollen wir herausfinden, an welchen Stellschrauben wir drehen müssen, um den Klimawandel zu verlangsamen.

Was sind die Ziele des Projekts CATS, in dem Sie gemeinsam mit russischen Wissenschaftlern die Folgen des Klimawandels erforschen?
Wir wollen herausfinden, wie sich die sibirische Arktis verändert und wie sich diese Änderungen auf die Ozeanströmungen und auf das Treibeis auswirken. Bei zwei Schiffsexpeditionen in diesem Sommer und im Jahr 2018 untersuchen wir auf dem russischen Eisbrecher Akademik Treshnikov und einem anderen Forschungsschiff, wie sich das Umweltsystem in der Arktis verändert. Außerdem interessiert uns, wie die Meereisproduktion in der Arktis aussieht und wie sich diese regionalen Veränderungen auf das Klima in Europa auswirken.
In den vergangenen Jahren haben wir beobachtet, dass sich das Ökosystem schon sehr verändert hat: Weil der Ozean immer wärmer wird, finden wir dort ganz andere Arten als früher. Die sind aus den wärmeren Breiten in die Arktis eingewandert, wir sprechen von einer Atlantifizierung der Arten. Gleichzeitig hat die Artenvielfalt deutlich abgenommen. Außerdem ist der Sommer um mehr als einen Monat länger als noch vor einigen Jahren, es gibt also viel längere eisfreie Perioden. Die gravierendsten Veränderungen sind, dass die durchschnittliche Lufttemperatur in der Arktis in den vergangenen Jahrzehnten um vier Grad angestiegen ist und sich die Ozeanströmungen verändern.

Was können wir tun, um diese Veränderungen zu verlangsamen?
Ich glaube, dass wir uns an den Klimawandel anpassen müssen. Ich bin Geologin und habe mich viel mit der Paläoklimaforschung beschäftigt, also die lange vergangene Klimageschichte rekonstruiert: Es hat zwar immer wieder Klimaschwankungen gegeben, aber das, was jetzt auf unserem Planeten passiert, haben wir Menschen maßgeblich durch unsere CO2-Emissionen herbeigeführt. Die Emission von Treibhausgasen müssen wir in jedem Fall reduzieren und versuchen, diese Prozesse zu verlangsamen. Ich glaube aber nicht, dass wir das Rad wieder zurückdrehen und die Veränderungen ungeschehen machen können.

Sie blicken auf über 20 Jahre der Polarforschung zurück – was interessiert Sie an der Arktis?
Mich interessiert vor allen Dingen, dass es sich bei der Arktis um ein so sensibles System handelt und die klimabedingten Änderungen dort viel ausgeprägter sind als in anderen Regionen. Ich habe den Klimawandel in der Arktis während unserer Expeditionen mit eigenen Augen gesehen. Das fasziniert mich.

Auf den Bildern von Ihnen im Eis sind Forscher mit Gewehren zu sehen...
Ja, das sind die Eisbärenwächter! Die brauchen wir ganz dringend. Es ist nicht erlaubt ohne einen bewaffneten Begleiter auf dem Eis zu arbeiten. In erster Linie geht es darum, die Eisbären zu verschrecken und zu vertreiben. Sie sind sehr neugierig, haben keine natürlichen Feinde und kommen uns manchmal sehr nah. Und sie sind sehr schnell. Was sie besonders lieben, sind schwarze Kabel. Eisbären haben uns schon sehr viele Messgeräte kaputt gemacht und auch eines unserer Boote zerfetzt. Wir haben jahrelang versucht irgendetwas zu finden, das sie davon abhält. Dann bin ich eines Tages zu einer einheimischen Jakutin gegangen, für die Eisbären zum Alltag gehören. Sie hat mir verraten, dass wir die Kabel mit Diesel anstreichen müssen. Da hab ich erstmal großes Gelächter von meinen wissenschaftlichen Kollegen geerntet, aber am Ende hat es funktioniert, den Geruch mögen die Bären überhaupt nicht.

In der Arktis forschen Sie unter extremen Bedingungen. Wie gestaltet sich die Arbeit auf dem Eis?
Wir haben in den vergangenen 20 Jahren vier Winterexpeditionen durchgeführt, zu denen wir im März aufgebrochen sind. Morgens sind wir mit dem Helikopter zwei Stunden zu den offenen Wasserflächen am Festeisrand geflogen und das waren schon spannende Tage, wenn Sie bei minus 40 Grad arbeiten und der Tee in den Thermoskannen gefriert. Die Stationsarbeit darf nicht länger als zwei Stunden dauern, weil die Helikopter sonst nicht mehr starten können. In dieser Zeit bauen wir mit irrsinniger Geschwindigkeit ein großes Klappzelt auf, das wir mit einem Gasofen auf minus zehn Grad aufheizen, damit unsere Computer überhaupt hochfahren können. Dann bohren wir Löcher durch das etwa anderthalb Meter mächtige Eis, nehmen Boden- und Wasserproben und messen die Strömungen.

Seit dem 18. Jahrhundert erforschen Wissenschaftler die Polargebiete in der Arktis und Antarktis. Was sind in der Polarforschung die großen Forschungsfragen, die offen bleiben?
Ich glaube, dass wir sehen müssen, wie sich so ein riesiges System an verschiedene Bedingungen anpasst. Welche Rückkopplungsprozesse haben wir? Was haben wir durch den drastischen Klimawandel in Gang gesetzt? Vor allem fächerübergreifende Forschung ist hier gefragt, damit wir zu Antworten kommen, wie sich das Klima in Zukunft verändern wird.

Im Jahr 1995 haben das Bundesforschungsministerium und das russische Forschungsministerium die deutsch-russische Zusammenarbeit in der Polar- und Meeresforschung beschlossen. Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit den russischen Kollegen?
Die Zusammenarbeit ist sehr vertrauensvoll und basiert auf Jahrzehnten der deutsch-russischen Kooperation: 1999 haben wir das Otto-Schmidt-Labor für Polar- und Meeresforschung in St. Petersburg gegründet, in dem deutsche und russische Wissenschaftler auch zwischen Forschungsexpeditionen gemeinsam forschen. 2001 haben wir den Masterstudiengang für Polar- und Meereswissenschaften POMOR gegründet und die Studierenden sind zu meiner Freude sehr erfolgreich: Fast alle haben im Anschluss an das Studium einen Arbeitsplatz in der Wissenschaft gefunden. So ist auch der stellvertretende Koordinator des Projekts auf russischer Seite, das nun startet, ein POMOR-Student aus dem ersten Jahrgang, Mikhail Makhotin. Ich muss zugeben, darauf bin ich irgendwie stolz.

Sie haben im Dezember das Bundesverdienstkreuz für „herausragende wissenschaftliche Arbeit" und „besondere Verdienste um die deutsch-russische Nachwuchsförderung" von Bundesforschungsministerin Johanna Wanka überreicht bekommen. Wie war das für Sie?
Also, ich kann es immer noch nicht fassen, damit habe ich nicht gerechnet. Der Brief von Bundesforschungsministerin Professor Wanka kam wirklich überraschend. Die Verleihung war sehr schön, ich konnte 20 Gäste einladen und auch meine russischen Kollegen sind extra dafür angereist. Das war schon ein sehr festlicher Moment. Frau Wanka war zuerst ein bisschen überrascht, weil wir eine Dolmetscherin dabeihatten, die die Reden übersetzt hat. Ich bin überzeugt, dass diese Auszeichnung ein sehr positives Signal für die deutsch-russische Zusammenarbeit in der Forschung ist.