KüNO-Konferenz: Forschende suchen Lösungen für gestresste deutsche Küstenmeere

Durch Klimawandel und hohen Nutzungsdruck stehen Nord- und Ostsee unter massivem Umweltstress mit zum Teil gravierenden Folgen – etwa für Küstenschutz, Tourismus und Fischerei. In diesem Zusammenhang diskutierten jetzt rund 80 Expertinnen und Experten aktuelle Forschungsergebnisse des Verbundes „Küstenforschung Nordsee-Ostsee“ (KüNO) am Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde (IOW). Der Verbund aus 24 Forschungseinrichtungen wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert.

Im Fokus der zweitägigen KüNO-Konferenz im IOW am 5. und 6. Dezember 2023 standen die Projekt-Abschlussberichte der aktuellen dritten Förderphase des Verbundes. KüNO-Sprecherin Ingrid Kröncke zieht positive Bilanz: „Der zentrale Ansatz aller Projekte besteht neben der hervorragenden Forschung darin, Stakeholder zu informieren und sich mit ihnen auszutauschen. Dieser Ansatz war ein großer Erfolg. Die Erkenntnisse der Projekte haben so zu einem besseren Systemverständnis sowie zu einem zielgerichteten Management beigetragen.“

Balt_ADAPT

Ein gutes Beispiel hierfür liefert das Projekt Balt_ADAPT, das sich mit dem konfliktträchtigen Thema der schwer von Überfischung und Klimawandel beeinträchtigten Küstenfischerei der westlichen Ostsee befasst: Hier sind traditionell bedeutende Fischbestände wie Hering und Dorsch eingebrochen, so dass die Fischerei aktuell weitgehend eingestellt ist.

Das Projekt bezog neben der regionalen Verwaltung und Politik auch die Fischer ein und erarbeitete Wissen zur Gefährdung der Fischarten durch den Klimawandel. Es zeigte außerdem, dass das Fischereimanagement an die veränderten Bedingungen angepasst werden muss, um eine zukunftsfähige und ökologische Bewirtschaftung zu erreichen. Eine von der Fischerei getragene und wissenschaftlich begleitete Arbeitsgruppe setzt die Projektergebnisse künftig fort.

SeaStore

Eine öffentlich beachtete Erfolgsgeschichte ist auch das Projekt SeaStore. Hier wurden Möglichkeiten der Wiederansiedelung von Seegraswiesen in der Ostsee erforscht, die als Lebensraum mit vielen wertvollen Ökosystemleistungen gelten: Sie fördern Biodiversität – als Kinderstube vieler Fischarten und als Lebensraum für Meeresbodenbewohner – sind effektive Kohlenstoffspeicher  und stabilisieren die küstennahen Sedimente, was zu naturbasiertem Küstenschutz beiträgt. Ziel des Projekts: Ein Masterplan für neue Seegraswiesen in der Ostsee.

Das Projekt erzielte sehr gute Ergebnisse mit Anpflanzungen, bei denen sich an allen drei Projektstandorten die Sprossdichte bereits im ersten Jahr nach der Anpflanzung stark vermehrt hat. Zusätzlich konnte eine Besiedlung der Flächen mit zahlreichen Tieren beobachtet werden. Offen bleibt jedoch, ob die neu angelegten Seegraswiesen ähnliche Ökosystemleistungen erbringen wie natürliche.

ECAS-BALTIC

Mit naturnahem und naturbasierten Ostsee-Küstenschutz befasste sich auch das Projekt ECAS-BALTIC. Angesichts des schlechten ökologischen Zustands der Küstengewässer und des steigenden Meeresspiegels ging es hier darum, effektive und für die Bevölkerung akzeptable Schutzmaßnahmen zu entwickeln, die natürliche Küstenprozesse oder Ökosysteme nutzen. 

Hervorragende Ergebnisse wurde mit dem Aufspülen von Sand zur Verstärkung von Schutzdünen erzielt. Großes Potential hat auch das Wiederherstellen von Küstenfeuchtgebieten durch die Rückverlegung von Deichen auf vormals landwirtschafltlich genutzten Flächen. Diese Maßnahme wird indes kontrovers diskutiert, da hierbei Interessen von Naturschutz und Küstenschutz sowie der Landwirte und Kommunen sorgfältig abgewogen werden müssen.

BioWeb

Um konkrete Anpassungsstrategien an die Umweltveränderungen ging es auch in den Nordseeprojekten des KüNO-Verbundes. Das Projekt BioWeb untersuchte mit Hilfe von Langzeitdaten und Modellierungen, wie sich Veränderungen in der Artenvielfalt – von Kleinstlebewesen über Meeresbodenbewohner bis hin zu den Fischen und Meeressäugetieren – auf das komplexe System der Nahrungsnetze in der südöstlichen Nordsee ausgewirkt haben.  Die Ergebnisse wurden mit Schleswig-Holsteinischen Fischereiverbänden bewertet.

MuSSeL

Das Projekt MuSSeL nahm den durch Menschen verursachten Vielfachstress auf das gesamte Ökosystem in der südlichen Nordsee in den Blick. Das Projekt zeigte, dass die Schadstoffbelastungen generell - auch die Nährstofffrachten aus den Flüssen - abgenommen haben. Warum das Küstenmeer dennoch keinen guten ökologischen Zustand erreicht hat, konnte durch einen systemischen Forschungsansatz geklärt werden. 

Wahrscheinlich sind hierfür Nahrungsnetzveränderungen aufgrund der Klimaerwärmung verantwortlich: So sind beispielsweise kleine Fische aktiver, die verstärkt Zooplankton fressen, das dann wiederum weniger Phytoplankton fressen kann. Das begünstigt die Entwicklung von starken Algenblüten. Dieses Ergebnis verdeutlicht, dass das Auftreten von Algenblüten nicht nur auf Überdüngungsphänomene zurückzuführen ist. Außerdem konnten die Forschenden Vorhersagen zur zukünftigen Verteilung wirtschaftlich wichtiger Fischpopulationen machen.

BluEs

Auswirkungen vielfältiger Stressoren auf die Ästuare von Elbe und Oder standen im Fokus des Projekts BluEs. Hier wurde erforscht, wie sich die Gebiete zwischen Land und Meer trotz immensem Umweltstress nachhaltig zu bewohnbaren Lebensräumen für die Tier- und Pflanzenwelt entwickeln können. Beide Ästuare leiden unter dem Klimawandel und menschlichen Aktivitäten, insbesondere dem Ausbaggern von Fahrrinnen. Workshops mit den Stakeholdern zeigten, dass eine bessere Kommunikation über Landesgrenzen hinweg notwendig ist.

Mit Blick auf die Zukunft zeigt sich KüNO-Co-Sprecher Jochen Hinkel überzeugt: „In dieser dritten Förderphase des Verbundes haben wir neue inter- und transdisziplinäre Modelle der Integration und Zusammenarbeit zwischen Naturwissenschaften, Sozialwissenschaften, Ingenieuren und Praxispartner etabliert. Das ist eine wegweisende Blaupause auch für zukünftige Forschung.“ Das gewonnene Wissen biete ein sehr gute Basis, um gemeinsam mit Praxispartnern entscheidende Lösungen für die Küsten im Wandel zu erarbeiten.