Rückblick COP23 – Meeresforschung im Herzen der Klimaverhandlungen

Als „Klimamaschine" sind die Ozeane in der Klimaforschung verankert. Doch welchen Risiken sind unsere Weltmeere tatsächlich im fortschreitenden Klimawandel ausgesetzt? Welche neuen Erkenntnisse und Antworten kann die Meeresforschung in die Klimaverhandlungen einspeisen? Welche möglichen Konsequenzen sind für Natur und Gesellschaften zu erwarten?
German Science Hour (Hartmut Schug / VDI Technologiezentrum GmbH)
Prof. Ulf Riebesell (GEOMAR), Dr. Sebastian Ferse (Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung), Prof. Hans-Otto Pörtner (Alfred Wegener Institut) im Gespräch mit der Moderatorin Conny Czymoch auf der Science Hour „Our ocean future", Deutscher Pavillon, COP 23, Bonn
Foto: Hartmut Schug / VDI Technologiezentrum GmbH

„Our ocean future: marine ecosystems under climate change" – unter diesem Titel diskutierten ausgewählte Meeresforscher die Zukunft unserer Ozeane zur „German Science Hour" des Bundesministeriums für Bildung und Forschung am 11.11.2017 anlässlich der 23. Weltklimakonferenz in Bonn. Forschungsergebnisse und Forderungen – ein Rück- und Ausblick der deutschen Meeresforschung zu den Klimaverhandlungen 2017.

Ozeanversauerung – Ergebnisse aus acht Jahren BIOACID-Forschung

Ozeane nehmen als Wärmespeicher und CO2-Speicher eine zentrale Rolle im Klimasystem ein. Der Ozean nimmt 92 Prozent der menschengemachten Erwärmung auf, gleichzeitig endet ein Drittel des menschengemachten CO2 im Ozean. Zwei wesentliche Dienstleistungen des marinen Ökosystems, die nach den Forschungsergebnissen von Prof. Dr. Ulf Riebesell, GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel, und seinen Kollegen drastischen Änderungen unterliegen könnten. „Beide Effekte sorgen dafür, dass die Erwärmung in der Atmosphäre bei weitem nicht so stark ausfällt, wie sie ohne den Ozean ausfallen würde, " so Riebesell.

Die Auswirkungen des vermehrten Eintrags von Kohlendioxid in unseren Ozean, die sogenannte Ozeanversauerung, hat Riebesell im internationalen Forschungsvorhaben BIOACID untersucht. „Unsere Studien zeigen, dass mehr als die Hälfte aller Organismen, die wir getestet haben, negative Auswirkungen zeigen." Effekte betreffen die Wachstumsrate, die Reproduktion und, insbesondere für kalkbildende Organismen wie Schnecken und Korallen, die Kalkbildungsrate.

„Wir müssen das in Paris vereinbarte unter 2-Grad-Ziel um jeden Preis versuchen einzuhalten, am besten deutlich darunter bleiben." Mit dieser Forderung übergibt Riebesell die Ergebnisse aus acht Jahren BIOACID-Forschung an die Politik."Zusätzliche Stressfaktoren minimieren" lautet eine weitere Forderung von Riebesell, um die Gesundheit unserer Ozeane auch in Zukunft zu gewähren. „Es hat sich gezeigt, dass Ozeanversauerung in Kombination mit anderen Stressoren, wie Erwärmung, Verschmutzung, und Überdüngung deutlich stärker ausgeprägt ist – sich nicht nur addiert, sondern sogar gegenseitig verstärkt."

Klimawandel unter und über Wasser – Sichtbare Bedrohungen in den Tropen

Fünf Personen als Polabären verkleidet stehen vor einer Weltkugel (Renate Duckat / Projektträger Jülich)
Demonstranten bei der Weltklimakonferenz 2017
Foto: Renate Duckat / Projektträger Jülich

Die zunehmende Versauerung unserer Weltmeere als Auswirkungen des Temperaturanstiegs beobachtet auch der Riff-Ökologe Dr. Sebastian Ferse vom Leibniz Zentrum für Marine Tropenforschung (ZMT). Die massive Korallenbleiche der vergangenen zwei Jahre sei nicht zuletzt durch das Korallensterben am Great Barrier Reef in Australien in die breite Öffentlichkeit gelangt.

Ferse erforscht in den Tropen jedoch nicht nur die klimarelevanten Ereignisse unter Wasser. Auch die Küstengemeinschaften an Land zeigen laut Ferse konkrete Auswirkungen des Klimawandels: „Wir sehen es über Wasser mit den menschlichen Küstengemeinschaften, mit denen wir arbeiten. Dass da zum Beispiel Zyklone, Hurrikane und Stürme in einer bisher nicht erlebten Heftigkeit auftreten." Die Verwüstung der Insel Fidji in 2016 sei nur ein Beispiel von vielen in dieser Region.

Die Region der Tropen zeige deutlich: Der Umweltwandel, der sich momentan vollzieht, ist rasant. Gleichzeitig geht damit auch ein rasanter gesellschaftlicher Wandel einher. Diese Zusammenhänge zu erforschen und mögliche Lösungsansätze für die betroffenen Küstengesellschaften zu finden – von marinen bis terrestrischen Fragen – ist eine komplexe Aufgabe. „Das bedeutet für die Forschung, dass wir inter- und transdisziplinäre Ansätze brauchen, die auch in der Forschungsförderung und in der Forschungspolitik eine stärkere Rolle spielen müssen", so die Forderung von Ferse.

Meeresforschung in den Klimaverhandlungen – zunehmende Relevanz im Weltklimarat

„Mittlerweile ist die Ozeanforschung gut in der Klimaforschung aufgestellt, Tendenz steigend", so Prof. Dr. Hans-Otto Pörtner vom Alfred-Wegener-Institut Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung. Der letzte Weltklimabericht der Vereinten Nationen, dessen Mitautor Pörtner ist, habe bereits zwei unabhängige Ozeankapitel ausgewiesen. In der Arbeitsgruppe I wird die grundlegende Klimaphysik der Ozeane behandelt, die Auswirkungen des Klimawandels auf die Weltmeere werden in Arbeitsgruppe II aufgegriffen.

„Der IPCC-Prozess ist wissenschaftlich eine ungemein große Bereicherung", beschreibt der Meeresbiologe Pörtner die Bedeutung des Weltklimarates (IPCC) in seiner Funktion als Ko-Vorsitzender der Arbeitsgruppe II. Mit folgenden Schwerpunkten könne die Meeresforschung laut Pörtner die Klimafragen auch in Zukunft stärker bereichern: Forschung in den grundlegenden Fragen verstärken, Forschung regionalisieren und die Bereitschaft in den einzelnen Communities erhöhen, gemeinschaftliche Schlussfolgerungen zu erlangen, so die Priorisierung von Pörtner.

Deutsche Meeresforschung – mit MARE:N gut aufgestellt für die Zukunft

Herr Kraus steht am Rednerpult. Es sind drei weitere Referenten zu sehen. (Renate Duckat / Projektträger Jülich)
MinDirig Wilfried Kraus betont bei der Weltklimakonferenz in Bonn die Bedeutung der Meeresforschung für die Agenda 2030.
Foto: Renate Duckat / Projektträger Jülich

„Die Deutsche Meeresforschung ist bestens aufgestellt, um das relevante Entscheidungswissen zu den drängenden Fragen des Klimawandels zu erforschen", so Wilfried Kraus, Leiter der Unterabteilung „Nachhaltigkeit, Klima, Energie" des Bundesforschungsministeriums. Mit dem in 2016 verabschiedeten Bundesprogramm MARE:N investiere das BMBF in den kommenden zehn Jahren 450 Millionen Euro in die deutsche Meeresforschung. Die zukünftigen Forschungsfragen unter MARE:N erarbeitet das BMBF dabei gemeinsam mit der Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Unternehmen. So lädt das BMBF in dem aktuellen Agendaprozess „Blauer Ozean" die relevanten Akteure ein, die zentralen Fragen für kommende Förderungen zu identifizieren.

Unter dem Dreiklang „Exzellenz – Relevanz – Wirkung" betone das BMBF die Prinzipien der Nachhaltigkeitsforschung, die an der Schnittstelle der Klima- und Meeresforschung besonders deutlich werden, so Kraus. Denn nur mit exzellenter Forschung könnten relevante Fragestellungen für die Gesellschaft untersucht werden - vom prognostizierten Meeresspiegelanstieg, der zunehmenden Versauerung der Ozeane bis hin zu einer nachhaltigen Fischerei. Neues Wissen aus der Forschung stünde somit für die Politik und Gesellschaft regionalspezifisch zur Verfügung, um zielgerichtet Optionen für Lösungen anzubieten.

Die deutschen Meeresforscher präsentieren angesichts des fortschreitenden Klimawandels eindeutige Forschungsergebnisse, komplexe Forschungsfragen und ein knappes Zeitfenster für Handlungen. Optimistisch und bestimmt lautet der Appell von Pörtner zu Gunsten von mehr Klimaschutz an die internationale Staatengemeinschaft: „Nur wenn die Weltgemeinschaft – das heißt die Zivilgesellschaft und die Politik – sehr rasch handelt und an einem Strang zieht, können wir das unter 1,5 Grad-Ziel noch erreichen."

German Science Hour – Täglich eine Stunde Wissenschaft

Im Rahmen der Klimaverhandlungen zur COP23 in Bonn hat das BMBF täglich zur „German Science Hour" im Deutschen Pavillon eingeladen. Gemeinsam mit Fachleuten aus Wissenschaft, Politik und Gesellschaft präsentierte das BMBF die Vielfalt der Klimaforschung bei den Verhandlungen zur COP23. Hier geht zur Veranstaltungsseite.