35 BiodivTransform-Projekte nehmen die Arbeit auf: Biodiversitätsforschung vom Symptom zum System denken
Vom 21. bis 23. April 2026 fand auf den Azoren die Kick-off Veranstaltung für 35 Projekte des europäischen Calls „Biodiversity and Transformative Change“ (BiodivTransform) statt. Der Auftakt machte deutlich: Biodiversitätsverlust wird nicht nur als ökologisches Problem verstanden, sondern als Ergebnis gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und politischer Systeme.
Rund 120 Stakeholder aus 31 Ländern sind in Ponta Delgada zusammengekommen, um ihre Projekte vorzustellen und sich zu vernetzen. Vertreten waren Forschungseinrichtungen, Förderorganisationen, Behörden, Nichtregierungsorganisationen und andere internationale Akteure. Im Mittelpunkt standen transformative Veränderungen zum Schutz der biologischen Vielfalt, mögliche Schnittstellen zwischen Forschung, Politik und Praxis sowie die Frage, welche Rolle Forschung in transformativen Veränderungsprozessen spielen kann.
Der BiodivTransform-Call ist für die beteiligten Projektpartner deshalb besonders, weil er darauf abzielt Forschung zu fördern, die nicht nur Natur schützen will, sondern echte Veränderungen im Umgang mit ihr anstößt. Wissenschaft arbeitet dabei ganz praktisch: Forschende entwickeln gemeinsam mit Politik, Wirtschaft und Gesellschaft konkrete Lösungen, testen diese und passen sie an. So entsteht Wissen, das direkt in Entscheidungen einfließen kann und hilft, Biodiversität wirksam zu schützen. Für viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, das wurde im Laufe der Veranstaltung deutlich, ist dieses transdisziplinäre Arbeiten nicht selbstverständlich.
Zielkonflikte sichtbar machen
Die Bandbreite der BiodivTransform-Projekte ist groß. Sie reicht von Biodiversität in der Energiewende über Stadtökologie, Küsten- und Meeresökosysteme, Auen- und Waldrestauration bis hin zu transnationaler Governance, Umweltgerechtigkeit, Konflikttransformation und neuen Formen der gesellschaftlichen Beteiligung. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Verbindung von Biodiversitätsschutz und anderen gesellschaftlichen Transformationsprozessen. Mehrere Projekte adressieren die ökologischen und sozialen Folgen erneuerbarer Energien, etwa im Kontext von Offshore-Wind, Solarenergie oder großskaliger Energieplanung. Andere Vorhaben untersuchen, wie Naturschutz unter geopolitischen Spannungen, in grenzüberschreitenden Schutzgebieten oder in konfliktbehafteten Meeresräumen handlungsfähig bleiben kann. Damit wird deutlich: Transformative Biodiversitätsforschung betrachtet Zielkonflikte nicht als Randbedingungen, sondern als zentralen Gegenstand wissenschaftlicher Arbeit.
Biodiversitätsverlust als Systemfrage
Trotz dieser thematischen Vielfalt zeigte sich beim Kick-off eine klare gemeinsame Stoßrichtung: Zusätzliche Erkenntnisse allein werden den Biodiversitätsverlust nicht stoppen. Wer Biodiversitätsverlust verstehen will, muss sich auch mit den Systemen auseinandersetzen, die ihn verursachen. Dabei muss Forschung ihre eigene Rolle in diesen Systemen kritisch reflektieren. Genau dieser Perspektivwechsel wurde auf der Veranstaltung deutlich. Die Projekte wurden nicht nur als Beiträge zur Biodiversitätsforschung vorgestellt, sondern als Teil eines breiteren wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Prozesses: Wie können Veränderungen so gestaltet werden, dass sie biologische Vielfalt erhalten, soziale Gerechtigkeit berücksichtigen und politische Handlungsfähigkeit stärken?
Vernetzung für Wirkung
Begleitet wurde der Kick-off durch ein Science-Policy Forum zu Biodiversität und transformativem Wandel sowie durch Formate zum Capacity Building und zur Vernetzung. Insbesondere der vom Projektträger Jülich organisierte Clustering-Workshop zielte darauf, Synergien zwischen den Projekten frühzeitig sichtbar zu machen und gemeinsame Aktivitäten für die Projektlaufzeit anzustoßen.
Im September 2024 veröffentlichte die Europäische Biodiversitätspartnerschaft Biodiversa+ den Förderaufruf „Biodiversity and Transformative Change“ (BiodivTransform). Ende 2025 wurden in diesem Rahmen 35 Projekte zur Förderung ausgewählt. Diese erhalten insgesamt über 40 Millionen Euro, um zentrale Herausforderungen des Biodiversitätsschutzes im Zusammenspiel mit Klimawandel und Umweltverschmutzung zu adressieren. Der deutsche Förderanteil beläuft sich auf insgesamt 3,5 Millionen Euro, bereitgestellt durch das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) sowie die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG). An 22 Projekten sind deutsche Forschungseinrichtungen beteiligt. Sie sind Anfang 2026 gestartet.
Weitere Informationen zu den Projekten finden Sie im englischsprachigen Projektkatalog.