Arktisdialog in Potsdam: Mit indigenem Wissen und moderner Forschung gegen den Klimawandel

Die Arktis steht im Zentrum des Klimawandels: Sie erwärmt sich fast viermal schneller als der Rest der Erde. Das traditionelle Wissen von indigenen Völkern, das über Jahrtausende an Generationen weitergegeben wurde, kann der Wissenschaft und Gesellschaft helfen, die dortigen Veränderungen frühzeitig zu erkennen und zu verstehen. Gleichzeitig werden durch die Forschung weiterhin bestehende Datenlücken über die Folgen des Klimawandels geschlossen. Der 27. Arktisdialog in Potsdam bringt beide Perspektiven zusammen, um gemeinsam und auf Augenhöhe an Lösungen im Kampf gegen den Klimawandel zu arbeiten. Organisiert wird die Veranstaltung vom Deutschen Arktisbüro am Alfred-Wegener-Institut und wird gefördert vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR).

Für die indigenen Völker in der Arktis ist der Klimawandel eine allgegenwärtige Bedrohung, die ihre Lebensgrundlage und ihre Lebensweisen gefährdet. Ihre erfolgreichen Strategien und Perspektiven, mit diesen Veränderungen umzugehen, können auch für uns wichtige Einsichten eröffnen. Doch was in der Arktis passiert, bleibt nicht in der Arktis: Veränderungen in der arktischen Atmosphäre und im Ozean, insbesondere das Abschmelzen des Meereises beeinflussen nicht nur globale Prozesse, sondern auch das europäische Wetter direkt. Und umgekehrt bleibt das, was vor unserer Haustür passiert, nicht vor unserer Haustür: Emissionen und Abfälle aus den Industrieländern beeinflussen alle Prozesse im arktischen Ökosystem und treiben den Klimawandel vor Ort. So ist es wichtig beide Perspektiven zu verbinden: Indigenes Wissen und moderne Wissenschaft müssen eng zusammenarbeiten, um Lebensgrundlagen zu sichern. 

„Oft entsteht der Eindruck, dass die Arktis neuentdecktes Terrain ist, das durch einseitige Interessen geprägt wird“, sagt Volker Rachold, Leiter des Deutschen Arktisbüros am Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI). „Indigene Völker bewohnen die Region jedoch bereits seit Tausenden von Jahren. Ihre Kulturen haben sich über lange Zeiten entwickelt und sind an die natürlichen Gegebenheiten der Arktis angepasst. Deshalb müssen bei allen Aktivitäten in der Arktis die Interessen der dort lebenden Menschen berücksichtigt und die Rechte und Interessen indigener Bevölkerungsgruppen gewahrt werden.“

Arktisdialog in einem geschützten Raum  

Das Deutsche Arktisbüro organisiert seit 2017 halbjährlich den Arktisdialog, um den Informationsaustausch zwischen Forschenden, politischen Entscheidungstragenden und der arktischen Bevölkerung zu verbessern und Akteure in einem geschützten Raum zusammenzubringen. Denn auch die deutsche Bundesregierung hält in ihren Leitlinien zur deutschen Arktispolitik fest, dass eine konsequente Berücksichtigung der indigenen Bevölkerung bei politischen Entscheidungen unverzichtbar ist, um nachhaltige Lösungen im Naturschutz zu finden. 

Der 27. Arktisdialog am 14. April 2026 in Potsdam stellt deshalb die Frage, wie Forschung und Finanzierungsstrukturen überdacht werden können, um soziale Gerechtigkeit und respektvolle Beziehungen zu gewährleisten. In einem vertraulichen Kreis treffen sich Vertreterinnen und Vertreter der indigenen Bevölkerung, von Bundeministerien und -behörden, wissenschaftlichen Instituten und Stiftungen. „Wir müssen es hinter uns lassen, über die Köpfe der indigenen Völker hinweg zu forschen und stattdessen auf Augenhöhe zusammen mit ihnen neue Ansätze und Möglichkeiten schaffen“, sagt Volker Rachold. „Indigenes Wissen kann den Weg zu einer ganzheitlichen Arktisforschung weisen, wenn sich indigene Wissensformen und akademisch orientierte Forschung ergänzen, um einen Mehrwert für uns alle zu schaffen“, ergänzt AWI-Direktor Hajo Eicken, der am Arktisdialog teilnehmen wird.

Vom BMFTR gefördertes Projekt SQUEEZE: Schutz der arktischen Tundra

Das vom BMFTR  im Förderschwerpunkt „Polarregionen im Wandel – Einfluss globaler und regionaler Stressoren“ geförderte Verbundvorhaben SQUEEZE geht dabei einen Schritt weiter und bindet indigenes Wissen in den Forschungsprozess ein. Das Projekt widmet sich dem Schutz der schwindenden arktischen Tundra. „Sie ist die nördlichste Vegetationszone der Erde, bevor die polare Wüste anfängt“, erklärt Lia Schulz, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Arktisbüro. „Und sie ist ein Sammelort für arktische Biodiversität.“ Für Indigene Völker sowie Karibus ist die Tundra essentieller Lebensraum – der Klimawandel setzt das Gebiet jedoch zunehmend unter Druck: Durch die steigenden Temperaturen breiten sich immer mehr Pflanzen und Sträucher aus dem Süden aus. Die Waldgrenze verschiebt sich stetig gen Norden. Zudem tauen die Permafrostböden, was den Arktisbewohnern keinen Raum zum Ausweichen lässt.

„Wir wollen die arktischen Gemeinschaften bei der Beantwortung der Frage unterstützen, welche Gebiete in der Tundra prioritär geschützt werden müssen, damit Biodiversität, Ökosystemleistungen und Permafrost den Höhepunkt der zukünftigen Erwärmung überstehen können“, erklärt Lia Schulz. Im vergangenen Jahr hat sich die AWI-Wissenschaftlerin in den kanadischen Northwest Territories und Yukon mit Vertreterinnen und Vertretern der Gwich’in und Inuvialuit zur Landnutzung und traditionellen Anpassungsstrategien ausgetauscht. Zwei weitere Exkursionen nach Kanada sind für dieses Jahr geplant, eine im Sommer, eine im Winter, um den jahreszeitlichen Wandel der Tundra zu begleiten und Gespräche zu führen, die den Veränderungen im Ökosystem über das gesamte Jahr folgen. Die Planung erfolgt in enger Abstimmung mit den Partnern vor Ort und richtet sich nach deren Rhythmen und Verfügbarkeiten.

Forschende entwickeln interaktives Tool TundraProtect

Die Kombination von „klassischer“ Modellierung sowie Monitoring und den traditionellen Wissensnetzwerken Indigener Völker zeigt, wo Klimaeffekte und kulturelle Nutzungsformen besonders im Kontrast stehen und akuter Handlungsbedarf besteht, denn diese Regionen brauchen dringend Schutzmaßnahmen. Die Ergebnisse aus SQUEEZE sollen bis Ende 2026 in die Konzeptionierung des interaktiven Tools „TundraProtect“ eingehen: Es ermöglicht, ein nachhaltiges und tragfähiges Netzwerk von Tundra-Schutzgebieten in der Arktis systematisch zu planen. „Mit SQUEEZE möchten wir fundierte Entscheidungshilfen bereitstellen und gemeinsam mit den Menschen vor Ort lokal verankerte Schutzstrategien entwickeln", betont Lia Schulz.. „Das ist dringend nötig: Nur etwa 16 Prozent der Tundra sind aktuell gesetzlich geschützt – obwohl sie für das globale Klima, die arktische Biodiversität und die indigenen Gemeinschaften unverzichtbar ist.“