Podcast: Mikroplastik - Trojanisches Pferd für Bakterien und Schadstoffe

Winzige Plastikpartikel im Meer tragen Chemikalien in die Körper von Meereslebewesen. Meeresforscher vom Alfred-Wegener-Institut und von der Universität Oldenburg berichten im Podcast über ihre Forschung zu Mikroplastik – eine relativ neue Umweltverschmutzung, da Kunststoff erst seit etwa 60 Jahren in riesigen Mengen produziert wird.

Mikroplastik (Audio)


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Mikroplastikpartikel (alle größer als einen halben Millimeter) unter dem Binokular. (Svenja Mintenig, Ivo Int-Veen/Alfred-Wegener-Institut)
Mikroplastikpartikel (alle größer als einen halben Millimeter) unter dem Binokular.
Foto: Svenja Mintenig, Ivo Int-Veen/Alfred-Wegener-Institut

Beim Strandspaziergang fällt er sofort ins Auge: Plastikmüll.

„Alte Kanister, Plastiktüten, jede Menge.“ – „Das war in Dänemark nach einem Sturm, da war eine Plastikpuppe, auch Spielsachen, wo auch schon Seepocken dran waren.“ – „Plastikflasche und eine Mülltüte mal, so eine Plastiktüte.“ – „Ich hab mal eine Flaschenpost gefunden. Das war eine Plastikflasche, die bei uns im Fluss rumgeschwommen ist.“

Werden die Plastiktüten, -puppen et cetera nicht von den Stränden aufgesammelt, trägt das Meer sie bald davon. Auch Plastikmüll, der auf dem Festland weggeweht wird, landet früher oder später oft im Meer. Doch Plastik verrottet nicht. Es verwittert nur, wird also von Wellen und von der UV-Strahlung immer weiter zerkleinert, bis es mit bloßem Auge kaum noch zu erkennen ist. Sind die Plastikpartikel irgendwann kleiner als fünf Millimeter – kleiner als ein Marienkäfer – werden sie Mikroplastik genannt.
Dr. Gunnar Gerdts ist Meeresbiologe am Alfred-Wegener-Institut und befasst sich mit Mikroplastik. Um zu seinem Labor zu gelangen, muss man weit auf's Meer hinausfahren: Er forscht auf der einzigen deutschen Hochseeinsel: Helgoland.

Gerdts: Helgoland ist ein prima Standort für Meeresforschung, wir sind hier ja mitten in der deutschen Bucht. Deshalb wurde hier vor zig Jahren auch die Biologische Anstalt Helgoland gegründet. Eigentlich ein sehr guter Ort, um Forschung zu betreiben.

Die Wissenschaftler unterscheiden zwei Arten von Mikroplastik: Das Mikroplastik, das früher einmal größerer Plastikmüll war und mit der Zeit zerkleinert wurde, ist das sekundäre Mikroplastik.

Gerdts: Das primäre Mikroplastik, das war zumindest mal in aller Munde und zwar in Form von kleinen Zahnpastakügelchen. Das ist alles solches Plastik, was absichtlich in irgendetwas reingegeben wird, um eine physikalische Wirkung zu erzeugen. Das heißt in Peelings oder sogar beim Sandstrahlen wird das eingesetzt.

Auch winzige Kunststofffasern, die beim Waschen aus synthetischer Kleidung wie Fleece gelöst werden, verschmutzen das Meer. Dort geben die Plastikteilchen giftige Schadstoffe wie Flammschutzmittel und Weichmacher in die Umwelt ab. Meerestiere und Vögel nehmen es mit der Nahrung auf. So gelangt es in die Nahrungskette. Wie gefährlich Mikroplastik für die Natur und schließlich auch für den Menschen ist, ist noch unbekannt:

Gerdts: Mikroplastik ist eventuell gefährlich. Also, letztendlich wissen wir es überhaupt nicht. Diese ersten Untersuchungen, die da gemacht worden sind, die haben Effekte gezeigt – das heißt entzündliche Reaktionen im Gewebe von Muscheln et cetera. Mein Problem mit diesen ganzen Publikationen ist allerdings, dass irrsinnig hohe Konzentrationen an Mikroplastik eingesetzt worden sind.

Die genauen Auswirkungen von Mikroplastik auf das Leben im Meer sind noch nicht bekannt. Die internationale Förderinitiative JPI Oceans, in der Deutschland durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung vertreten wird, soll das ändern.
Vor kurzem entdeckte Gunnar Gerdts, dass nicht nur Chemikalien, sondern auch gefährliche Bakterien an Mikroplastik andocken und auf den Plastikpartikeln durch die Weltmeere reisen:

Gerdts: Es kann durchaus sein, dass diese Bakterien dann in Organismen geraten, also Fische oder Muscheln, die wir dann direkt zu uns nehmen. Und die werden dann in den Organismen weiterwachsen und als kleine Infektionsbomben unterwegs sein.

Aktuelle Studien deuten darauf hin, dass Mikroplastik schon viele Ökosysteme auf der Welt verschmutzt. Selbst im arktischen Eis haben Wissenschaftler winzige Plastikpartikel gefunden. Um aber genau sagen zu können, wie viel Mikroplastik sich in der Umwelt befindet, müssen international einheitliche Messmethoden entwickelt werden. Nur so lassen sich Ergebnisse aus verschiedenen Regionen miteinander vergleichen. Diesem Ziel widmet sich das JPI Oceans-Projekt, das Gunnar Gerdts von Helgoland aus koordiniert, und an dem auch Dr. Barbara Scholz-Böttcher beteiligt ist. Sie ist Umweltchemikerin am Institut für Chemie und Biologie des Meeres an der Universität Oldenburg:

Scholz-Böttcher: Wichtige Fragen bei der Mikroplastikanalytik sind: Wie kann man vergleichbare Daten generieren, um auch langfristige Trends zu erkennen, wie sich Kunststoffe ausbreiten, ob die Mengen weniger oder mehr werden, wie und wo kann ich eine Probe vernünftig nehmen, um eine verwertbare Aussage zu machen? An einer Stelle gibt es wenig an einer anderen viel Mikroplastik, jeder weiß das vom Müll am Strand, mal ist der Strand ganz voll mit Müll, dann ist er wieder völlig sauber. Hier spielen die Morphologie, der Wind und Strömungen eine große Rolle.

Bisher vermessen Wissenschaftler auf der ganzen Welt Mikroplastik noch mit ganz unterschiedlichen Methoden. Um herauszufinden, wie gut die verschiedenen Methoden sind, unterzieht Gerdts seine Kollegen einem Test: Zusammen mit Forschern der Universität Bayreuth bereitet er Proben vor, denen er eine winzige Menge unterschiedlicher Kunststoffe beimischt. Die verschickt er dann an Wissenschaftler auf der ganzen Welt:

Gerdts: In den Polymer-Kit gehen dann drei bis vier Polymere rein, in verschiedenen Größen und wir wissen, was da drin ist, aber nicht die Leute, die den bekommen und die sollen uns dann sagen, was da drin war.

Momentan sind die Wissenschaftler noch dabei, die Test-Proben zusammenzustellen. In den nächsten Monaten werden die Gemische aus Wasser, Sand, Meereslebewesen und Plastik dann in vielen Laboren mit ganz verschiedenen Methoden untersucht. So viel verrät Gerdts schon: Die kleinsten Plastikteilchen sind 20 Mikrometer klein – nicht mal halb so dick wie ein menschliches Haar.

Gerdts: Ich werde jetzt natürlich nicht verraten, wie viel von was wo drin ist, aber es ist nicht sonderlich viel. Man muss sich da schon ein bisschen mehr anstrengen.

Da Kunststoff erst seit etwa 60 Jahren weltweit in riesigen Mengen produziert wird, handelt es sich bei Mikroplastik um eine relativ neue Umweltverschmutzung. Bisher gibt es noch keine Gesetze, die regeln, wie Mikroplastik hergestellt, genutzt und entsorgt werden darf. Die internationale Forschungsinitiative soll nun die wissenschaftliche Grundlage für den Umgang mit Mikroplastik bilden.