Gastbeitrag: Wie kann das „Kind der See“ gerettet werden?

Das einst ressourcenreiche "Kind der See", so lautet übersetzt der Name der Segara Anakan Lagune im Süden der indonesischen Insel Java, droht zu verlanden. Je weiter die Lagune schrumpft, desto weniger Fische leben dort – eine katastrophale Entwicklung für die Bevölkerung, die in erster Linie vom Fischfang lebt. Um die nachhaltige Nutzung der mangrovenbestandenen Lagune und ihres Umlandes zu ermöglichen, wurde vor über zehn Jahren das Forschungs- und Ausbildungsprogramm „SPICE - Wissenschaft zum Schutz der Küstenökosysteme Indonesiens“ ins Leben gerufen.
Ein deutsch-indonesisches Team von Studenten und Technikern bahnt sich zur Mangrovenbeprobung bei Hochwasser einen Weg durch einen Tidenkanal. (PD Dr. Tim Jennerjahn/ZMT)
Ein deutsch-indonesisches Team von Studenten und Technikern bahnt sich zur Mangrovenbeprobung bei Hochwasser einen Weg durch einen Tidenkanal.
Foto: PD Dr. Tim Jennerjahn/ZMT

Schon Jahrzehnte vor SPICE versuchten die Weltbank und die asiatische Entwicklungsbank im Rahmen von Managementprogrammen, der Verlandung und Ressourcenknappheit in der Lagune entgegenzuwirken. Ein zufriedenstellendes Ergebnis konnte jedoch nicht erzielt werden. Aus diesem Grunde entwickelten wir vom Leibniz-Zentrum für Marine Tropenökologie gemeinsam mit unseren deutschen und indonesischen Kollegen ein interdisziplinäres Forschungskonzept, um die Kaskade von Ursachen und Wirkungen dieses komplexen Systems zu verstehen. Unsere Forschungsfragen lauteten: Was führt zur Verlandung der Lagune und was kann dagegen unternommen werden? Ist die Artenvielfalt in Gefahr? Kann die Lagune die Bevölkerung auch in Zukunft noch ernähren?

Mangrovenwälder als wertvoller Küstenschutz

Wir haben herausgefunden, dass die mangrovenbestandene Fläche aufgrund von Abholzung abnimmt, die Verlandung aber langsamer vonstattengeht als angenommen. Grund für die Verlandung sind nicht nachhaltige Nutzungspraktiken wie die Abholzung der Wälder im Hinterland, die zur Bodenerosion beitragen und dazu führen, dass riesige Mengen an Sediment in die Lagune transportiert werden. Dies steht beispielhaft für die globale Problematik, dass Küstenzonen übernutzt werden, die insbesondere in Südostasien schnell voranschreitet. Gerade in den vergangenen Jahren wurde deutlich, wie wertvoll die Ökosystemleistungen von Mangrovenwäldern für Küstenzonen sind: Sie schützen die Küsten und Böden vor Erosion, indem sie mit ihrem Wurzelwerk die Wucht heranrollender Wellen bremsen. Außerdem bilden sie die Kinderstube für Fische und andere Bewohner der Küstenmeere, sind Kohlenstoffspeicher und schützen die Gewässer der Küstenzone, indem sie von Land eingetragene Schadstoffe herausfiltern.

Erstaunt hat uns die Vielfalt der Arten, die trotz Mangrovenabholzung in der Lagune leben. Insbesondere kommen hier viele bodenlebende Organismen wie Krebse, Schnecken und Muscheln vor. Die Abholzung führte jedoch zusammen mit der Überfischung zu einer drastischen Abnahme der Artenzahlen von Flora und Fauna innerhalb der letzten zehn Jahre. Auch Abfälle und Abwässer der benachbarten Stadt Cilacap gefährden die Organismen der Lagune.

Konflikte um Landbesitz

Die sozialwissenschaftlichen Studien kamen zu dem Ergebnis, dass neben dem Verlust des Mangrovengürtels und der Wälder im Hinterland eine ganze Reihe von sozioökomischen Faktoren für die starke Erosion des Hinterlandes verantwortlich ist. Hauptverantwortlich sind Konflikte um Landbesitz zwischen staatlichen Institutionen und oftmals enteigneten Bauern: Wenn Kleinbauern nicht Eigentümer des bewirtschafteten Landes sind, beuten sie es nur aus. Gehört das Land aber ihnen, legen sie großen Wert auf bodenerhaltende Maßnahmen, die der Erosion und damit der Verlandung der Lagune wesentlich entgegenwirken. Weiterhin haben wir den Entscheidungsträgern vor Ort empfohlen, die Einleitung ungeklärter Abwässer und den Einsatz von umwelt- sowie gesundheitsgefährdenden Stoffen in Landwirtschaft, Haushalten und Industrie zu regulieren. Außerdem müssen Überfischung und die Abholzung der Mangroven gestoppt werden und ihre Aufforstung vorangetrieben werden.

Gleicher Fischertrag bei weniger Futter

Damit die lokale Bevölkerung aber weiterhin eine Lebensgrundlage hat, ist es essenziell, alternative Einkommensmöglichkeiten oder Einsparmöglichkeiten anzubieten. Gemeinsam mit zur Aquakultur übergehenden indonesischen Fischern ermittelten wir in einem Experiment, dass Fische auch bei einer Verringerung der sonst üblichen Futtermenge das gleiche Gewicht erreichten. Dieses Experiment trägt gleichzeitig dazu bei, die Gewässerbelastung zu reduzieren. Wenn die oben genannten Maßnahmen umgesetzt werden, kann die Ernährungsgrundlage der Menschen in der Lagune gesichert werden.

Das Wissen weitergeben

Im Forschungsprogramm SPICE, das seit dem Jahr 2003 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gemeinsam mit den indonesischen Ministerien für Forschung, Technologie und Bildung (RISTEKDIKTI) und für Meeresangelegen­heiten und Fischerei (KKP) gefördert wurde, haben wir besonderen Wert darauf gelegt, unsere Ergebnisse in die Wissenschaft und Gesellschaft zu transferieren. So haben wir die wissenschaftlichen Ergebnisse auf zahlreichen internationalen Konferenzen vorgestellt, in Fachzeitschriften veröffentlicht und tragen damit zur global relevanten Debatte um die nachhaltige Nutzung von Ökosystemen bei. In zahlreichen Workshops wurden die gesellschaftlich relevanten Ergebnisse mit Politikern, Industrie- und Behördenvertretern sowie mit Nichtregierungsorganisationen diskutiert, um das Umweltbewusstsein der Entscheidungsträger zu schärfen. Auch die Ausbildung junger Wissenschaftler ist ein wichtiger Aspekt des Programms, damit modernste Untersuchungsmethoden und das neu erworbene Wissen auch von der nächsten Forschergeneration angewandt werden. So können die wissenschaftlichen Ergebnisse und unsere Handlungsempfehlungen zu einer nachhaltigen Nutzung der natürlichen Ressourcen beitragen – und das "Kind der See" hoffentlich auch in Zukunft existieren und seine Bewohner weiterhin ernähren.

Die in Gastbeiträgen veröffentlichten Inhalte und Meinungen der Autoren entsprechen nicht notwendigerweise der Position des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.