Prof. Dr. Eckhard Weidner Mitglied der Green Talents Jury

25 frisch gekürte »Green Talents«, Nachwuchswissenschaftler aus 21 Ländern, tourten vom 16. bis 27. Oktober 2017 durch die deutsche Forschungslandschaft und informierten sich bei führenden Nachhaltigkeitsforschern über »Nachhaltige Produktion und Konsum«. Prof. Dr. Eckhard Weidner, Leiter von Fraunhofer UMSICHT und Mitglied der Green Talents Jury, sprach über Nachhaltigkeit, Forschung und den vom BMBF ausgeschriebenen Green Talents Award.
Gruppenbild der Green Talents 2017. Jeder trägt eine Tasche mit der Aufschrift "Green Talents". (Sebastian Bullinger / DLR PT)
Green Talents Awardees 2017
Foto: Sebastian Bullinger / DLR PT

Der Green Talents Award zeichnet talentierte Nachwuchswissenschaftler aus. Der Preis wurde am 27. Oktober 2017 in Berlin zum neunten Mal unter der Schirmherrschaft von Bundesforschungsministerin Professorin Johanna Wanka verliehen. Der Preis bietet jungen Forschern eine Plattform, ihre Ansichten über grüne Konzepte zu teilen, um unsere Welt zu einem besseren Ort zu machen. Eine hochrangige Expertenjury hat aus 602 Bewerbern, welche sich aus 95 Ländern beworben haben, die 25 Nachwuchswissenschaftler ausgewählt. Ihr Preis ist eine der begehrten Eintrittskarten für das »Green Talents – International Forum for High Potentials in Sustainable Development«, das die Nachwuchswissenschaftler auf eine zweiwöchigen Wissenschaftsreise durch Deutschland schickte.

Nachfolgend werden Auszüge aus einem Interview dargestellt, das das Green Talents Team nach der Jury-Entscheidung mit Prof. Eckhard Weidner geführt hat.

Inverview mit Prof. Eckhard Weidner

Was ist Ihrer Meinung nach derzeit die größte Herausforderung für die Nachhaltigkeit?

Die größte Herausforderung ist, dass Nachhaltigkeit ernst genommen und gelebt wird, anstatt nur ein Lippenbekenntnis zu leisten. Unglücklicherweise werden jedoch Gewinn und kurzfristiger Erfolg oft über alles gesetzt, anstatt nachhaltig und langfristig zu denken und zu handeln. Ein aktuelles Beispiel ist die Diesel-Affäre, bei der das Wohlergehen der Menschen und eine intakte Umwelt im Interesse größerer Gewinne rücksichtslos missachtet wurden. Wir brauchen hier einen tief greifenden Umdenkprozess.

Wie beurteilen Sie das Zusammenspiel von Politik, Wirtschaft und Forschung im Bereich Nachhaltigkeit?

Forderungen nach nachhaltigen Lösungen seitens der Politik, der Gesellschaft und damit der Industrie sind sehr präzise und prägnant geworden. Wir Wissenschaftler setzen daher alles daran, diese Anforderungen zu erfüllen und nachhaltige Lösungen zu entwickeln.

Es ist immer eine Herausforderung, neue und nachhaltige Technologien in die Märkte einzuführen. Aus meiner Sicht profitiert Deutschland von einem gut etablierten PPP-System (Public Private Partnership). Dieses System ermöglicht den Vorreitern, nachhaltige Entwicklung in einen industriellen Kontext zu übertragen. Fraunhofer entwickelt sowohl neue Technologien und ist fähig industrielle Partner bei der Initiierung von PPP-Projekten zur Implementierung dieser Technologien zu unterstützen.

Fraunhofer UMSICHT arbeitet kontinuierlich an technischen Innovationen in den Bereichen Umwelt-, Material-, Prozess- und Energietechnik. Welche Innovationen Ihres Instituts werden in den nächsten Jahren den Alltag beeinflussen?

Eine unserer jüngsten Entwicklungen ist ein polymeres bipolares Material, das in Batterien zur Energiespeicherung verwendet werden kann. Die Speicherung von Energie wird immer wichtiger, da der Anteil flüchtiger erneuerbarer Energien, zum Beispiel von Solar- und Windenergie, im Stromnetz stetig zunimmt. Derzeit wird das Material von der Volterion GmbH, einem der Spin-offs von Fraunhofer UMSICHT, in sehr kompakten und effizienten Redox-Flow-Batteriestacks verwendet. Diese sind besonders interessant für Hausbesitzer, da sie diese mit einer Photovoltaikanlage kombinieren können, um die selbst erzeugte Solarenergie zu speichern. Gleichzeitig können - da Redox-Flow-Batterien leicht vergrößert werden können - das Material auch in großen Stacks zur Speicherung von Energie in Großkraftwerken, wie zum Beispiel Windparks, eingesetzt werden.

Fraunhofer UMSICHT engagiert sich aktiv in der internationalen Projektentwicklung und arbeitet eng mit Forschern aus Indien, Indonesien, Chile, Vietnam, Korea, China, Mosambik und Kolumbien zusammen. Welche Fähigkeiten werden von Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftlern benötigt, um dauerhafte (Arbeits-) Beziehungen innerhalb der deutschen Forschungslandschaft zu etablieren?

Wir müssen das aus einem größeren Blickwinkel betrachten. Nicht nur die jungen internationalen Wissenschaftler müssen dazu beitragen - auch wir haben diese Verpflichtung. Beide Seiten müssen ihre Bereitschaft zeigen, in einen wissenschaftlichen und interkulturellen Austausch einzutreten, zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen, Erfahrungen auszutauschen, Verständnis für die Anliegen ihrer Kollegen zu zeigen und die Freiheit, mit der wir hier gesegnet sind, als Chance nutzen zu können auf kreative Weise zum Wohle der Menschheit.

Was hat Sie veranlasst, die Bitte zu akzeptieren, Jury-Mitglied des Green Talents Wettbewerbs 2017 zu werden?

Ich fühle mich geehrt, Teil der Green Talents Jury zu sein - für mich war diese Bitte ein Zeichen der Wertschätzung für die Arbeit, die Fraunhofer UMSICHT seit fast drei Jahrzehnten geleistet hat. Und natürlich war ich sehr neugierig auf die brillanten Kandidaten und ihre faszinierenden Projekte und neuen Ideen.

Warum ist der Green Talents Wettbewerb Ihrer Meinung nach außergewöhnlich und wo liegt der Unterschied zu anderen Wettbewerben?

Tatsächlich ist es das Thema Nachhaltigkeit, das diesen Wettbewerb so besonders macht. Es zeichnet sich durch ein breites Spektrum an wissenschaftlichen Bereichen und die große Transdisziplinarität der Kandidaten aus. Es gibt junge Wissenschaftler aus der ganzen Welt und aus fast allen Disziplinen - Natur- und Ingenieurwissenschaften sowie Wirtschaftswissenschaften und Sozialwissenschaften. Und das ist das Kernstück der Nachhaltigkeit - es betrifft alle Aspekte unseres Lebens und konzentriert sich nicht nur auf ein einziges wissenschaftliches Thema.

Welcher Aspekt hat Sie bei der Auswahl der Green Talents Preisträger 2017 am meisten beeindruckt?

Zunächst einmal die enorme Anzahl von Bewerbungen und die Länder, aus denen sie kommen. Die Projektmanagement-Organisationen hatten sicherlich viel Arbeit bei der Vorauswahl. Dies zeigt, dass die Konkurrenz einen sehr guten und weitreichenden Ruf hat und zweitens die erstaunlichen Biographien der Kandidaten. Die große Vielfalt ihrer Erfahrungen und der Dinge, die sie bereits in ihrer Karriere erreicht haben, sowie die große Bandbreite ihrer Themen waren sehr beeindruckend.

Angenommen, Sie wurden als Green Talent gewählt, welchen Experten würden Sie für Ihr Einzelgespräch auswählen und welche Themen würden Sie diskutieren?

Mein bevorzugter Partner für ein Experteninterview wäre ein CEO eines Chemieunternehmens und ich möchte mit ihm über das Thema einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft sprechen. Die Kreislaufwirtschaft ist bereits in den Vordergrund getreten und wird in allen Bereichen von Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft bald ein wichtiges Thema werden. Für Fraunhofer UMSICHT wird das Umdenken von Kunststoffen ein wichtiger Aspekt unserer zukünftigen Aufgaben sein.

Gibt es spezielle Hinweise, die Sie den derzeitigen Green Talents Gewinnern mitteilen möchten?

Du bist auf dem richtigen Weg! Bitte, mach weiter und trotz aller Hindernisse gib niemals auf, unseren wunderbaren Planeten zu erhalten und unser Leben darauf zu verbessern.