Strategien zum Schutz vor klimabedingten Gesundheitsrisiken: Nachwuchsforschende präsentieren Erkenntnisse für Anpassungsmaßnahmen
Das Bundesforschungsministerium hat 2022 erstmals eine inter- und transdisziplinäre Forschung zu klimabedingten Gesundheitsrisiken initiiert. Nachwuchsforschende präsentierten dazu am 27. und 28. Januar 2026 in Bonn erste Ergebnisse ihrer Arbeit.
Hitze, Hochwasser, mehr Pollen, steigende Infektionsrisiken: Der Klimawandel hat direkte Auswirkungen auf unsere Gesundheit. Doch was tun, wenn die Welt heißer wird, auch andere Wetterextreme zunehmen und sich Krankheiten verbreiten? Antworten darauf liefern die vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) geförderten „Nachwuchsgruppen Klima, Umwelt, Gesundheit“. Sie erforschen dazu in verschiedenen Projekten die Ursachen für die Gesundheitsrisiken und geeignete Gegenmaßnahmen.
Hitze und Hitzewellen in dicht bebauten Städten
Hitze belastet vor allem das Herz-Kreislaufsystem und verstärkt Pollenallergien sowie Lungenkrankheiten. So zeigt beispielsweise das Projekt HeWeCon: An heißen Tagen mit Temperaturen über 30 Grad erhöht sich die Anzahl der Krankheitstage um rund zehn Prozent und auch die Krankenhauseinweisungen steigen an. Besonders betroffen sind ältere Menschen sowie Kinder im Alter von fünf bis 14 Jahren. Auch das Projekt CoSynHealth bestätigt, dass mit der steigenden Zahl der Hitzetage auch Krankheitsdiagnosen zunehmen.
Doch die Hitzebelastung ist nicht überall gleich stark: In dicht bebauten und versiegelten Stadtteilen kann es bis zu zwei Grad wärmer sein als in Vierteln mit viel Stadtgrün oder auf dem Land. Für ein ausgeglicheneres Stadtklima sind beispielsweise Stadtbäume zentral. Stadtgrün wirkt darüber hinaus allgemein gesundheitsfördernd, es verbessert die Luftqualität und mindert Lärm. Das Projekt GreenBalance untersucht, wie Stadtgrün die Gesundheit beeinflusst. Erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass Menschen, die regelmäßig städtische Park- und Waldflächen nutzen, körperlich und psychisch gesünder sind. Biodivers gestaltete Grünflächen senken sogar das Risiko für weitere Krankheiten, beispielsweise Borreliose, die durch Zecken übertragen werden kann. Warum ist das so? Biodivers, also artenreich angelegte Flächen, hemmen nachweislich die Ausbreitung von Krankheitserregern.
Hochwasser, Infektionen und Krankheitserreger
Neben lokal begrenzten Risiken gewinnen großflächige Extremwetterereignisse an Bedeutung. Nicht nur Hitze, sondern auch Hochwasser, stellt eine wachsende Bedrohung dar. Das Projekt HI‑CLiF untersucht die gesundheitlichen Folgen nach Hochwasserereignissen in Deutschland und in Vietnam. Dort zeigte sich bereits: Überschwemmungen führen nicht nur zu Gebäudeschäden, sondern schaffen dauerhaft feuchte Lebensräume, die Krankheitserregern ideale Bedingungen bieten. Langfristig steigt daher nach Überschwemmungen das Risiko für Infektionskrankheiten. Die Ergebnisse sind auch auf andere Gebiete übertragbar.
Der Klimawandel verändert zudem die globale Verbreitung von Infektionserregern. Das Projekt CLIMADEMIC analysiert, wie sich tropische Krankheiten, wie Dengue-Fieber, durch den Klimawandel auch in Europa ausweiten. Mit Hilfe Künstlicher Intelligenz haben die Forschenden Weltkarten geeigneter Habitate (Lebensräume) der Tigermücke, Trägerin des Dengue-Virus, erstellt. Daraus lässt sich das wahrscheinliche Auftreten von Krankheitsausbrüchen ableiten. Diese Karten helfen Ärztinnen, Ärzten und Gesundheitseinrichtungen, Vorsorgemaßnahmen gezielter zu planen und umzusetzen.
Frühwarnung vor Pollen via Social Media
Im Zuge der Erderwärmung verändern sich die Blütezyklen von Pflanzen. Wärmere Frühjahre lassen die Blüte vieler Pflanzen früher beginnen. Die wärmeren Temperaturen fördern auch ihr Wachstum und ihre allergene Wirkung. Zusammengefasst führt das häufig zu größerer, längerer und intensiverer Pollenbelastung für die Menschen. Dadurch nehmen pollenbedingte Erkrankungen zu und werden durch Emissionsbelastung (Smog) in dicht besiedelten Gebieten noch verstärkt. Das Projekt IMPACCT untersucht, wie zuverlässig aktuelle Informationen zu Pollen in sozialen Medien sind und wie sie von Betroffenen genutzt werden. Auf der Basis von Erkenntnissen aus Social-Media-Data-Mining (Textanalysen von Social-Media-Beiträgen) werden neue patientennahe Informations- und Frühwarnsysteme entwickelt.
Junge Forschungsgruppen verbinden Grundlagenforschung und Praxis
Was die Nachwuchsgruppen besonders auszeichnet: Sie arbeiten inter- und transdisziplinär und verbinden oft Grundlagen- und angewandte Forschung. Das Projekt CoCareSociety etwa untersucht, wie und wodurch Hitzewellen nicht nur ältere Menschen, sondern auch die Pflegeeinrichtungen belasten: Medikamente müssen gekühlt, das Trinken muss noch aktiver gefördert werden. Zudem bedeutet die Gebäudeerwärmung, dass manche Räume schlechter genutzt werden können. Gleichzeitig erarbeitet das Forschungsteam Lösungen, wie Pflegeeinrichtungen energieeffizient und klimaverträglich gestaltet werden können.
Fazit: Frühzeitig vernetzen und frühzeitig schützen
Die Projekte zeigen bereits anhand ihrer ersten Ergebnisse, wie wichtig interdisziplinäre Forschung ist, um wirksame Schutzmaßahmen zu identifizieren und weiterzuentwickeln. Wichtig ist, und dies haben die Nachwuchsforschenden erkannt, dass sich die Forschung frühzeitig mit Praxispartnern austauscht – etwa mit Klimaanpassungsmanagerinnen und -managern in Kommunen und mit Bürgerinnen und Bürgern in Workshops vor Ort. Auch Fragen nach den Bedürfnissen zukünftiger Generationen werden von den Nachwuchsforschenden anhand neuer Methoden frühzeitig einbezogen und bearbeitet.
Die Forschungsgruppen nutzen unter anderem moderne Klima- und Stadtklimamodellierungswerkzeuge, wie zum Beispiel das Tool PALM‑4U. Auch werden die Forschungsergebnisse direkt für Weiterbildungskurse an großen, internationalen Forschungszentren genutzt wie z. B. im WASCAL-Doktorandenprogramm durch das Projekt IMPAC2T. So entstehen bereits in der Förderphase neue Netzwerke und Instrumente, die helfen, die Gesundheit der Bevölkerung im Klimawandel besser zu schützen.