Hochwasserrisiko verringern, Gesundheit verbessern

HI-CLiF: Dr. Nivedita Sairam untersucht mit ihrem Team den Einfluss von Hochwasserereignissen auf unsere Gesundheit. Da durch den Klimawandel Starkregen und Hochwasser wahrscheinlicher werden, steht für Sairam im Zentrum: Wie schützen wir uns besser?

2026 – Auszeichnung als Nachwuchswissenschaftlerin

In Anerkennung ihrer Forschungsarbeit – insbesondere im Rahmen des BMFTR-Projekts HI-CLiF – wurde Dr. Nivedita Sairam im Jahr 2026 mit dem „Arne Richter Award for Outstanding Early Career Scientists“ ausgezeichnet. Die European Geosciences Union vergibt den Preis jährlich zur Würdigung wissenschaftlicher Leistungen in verschiedenen Bereichen der Geowissenschaften. (Weitere Informationen finden Sie im Profil unter „HI-CLiF und Karriere“)

Von Indien nach Potsdam

Nivedita Sairam ist im Süden Indiens im Bundesstaat Tamil Nadu geboren und aufgewachsen. Dort erlebte sie, dass Wasserknappheit im Sommer ein häufiges und ernstes Problem ist. Mit großer Unterstützung ihrer Lehrer und Eltern engagierte sie sich schon als Teenager für den Wasserschutz. So nahm sie beispielsweise an Veranstaltungen teil, die von der Nichtregierungsorganisation Siruthuli und dem Salim Ali Center for Ornithology and Natural History organisiert wurden. Ihr Ziel war es, das Bewusstsein für die Umweltprobleme zu schärfen und sich für die Regenerierung von Flüssen, beispielsweise in der indischen Stadt Coimbatore, einzusetzen. So entstand bei Nivedita Sairam der Wunsch, mit Hilfe der Wissenschaft gesellschaftliche Prozesse zu unterstützen, die ein gesundes Leben gewährleisten - zum Beispiel durch gute Ernährung, sauberes Wasser, Bildung, Zugang zu medizinischen Einrichtungen und Verkehrsinfrastruktur.

Als nächsten Schritt studierte sie Geoinformatik am College Of Engineering Guindy, Chennai/Indien und schloss mit einem Master in Geomatik an der Florida Atlantic University in Boca Raton, Florida/USA ab. Dort wuchs ihr Interesse an Fernerkundung, geografischen Informationen und Softwaretechnik. „Die Geoinformatik gab mir die Möglichkeit, diese Technologien zur Bewältigung realer Herausforderungen einzusetzen. Während meines Masterstudiums an der Florida Atlantic University haben wir (die Forschungsgruppe von Prof. Sudhagar Nagarajan) zum Beispiel ein mobiles Kartierungsgerät entwickelt, das automatisch 3D-Karten der Verkehrsinfrastruktur wie Straßen, Gehwege und Verkehrsschilder erstellt." Diese Informationen können genutzt werden, um die Straßeninfrastruktur nach den Schäden und Zerstörungen durch die häufigen Wirbelstürme in Südflorida zu bewerten und wieder aufzubauen. Die praktische Relevanz dieses Projekts hat sie motiviert, eine akademische Laufbahn einzuschlagen und in der Arbeitsgruppe von Dr. Heidi Kreibich am GFZ in Potsdam zum Thema Hochwasserrisiko und Klimaanpassung zu promovieren. So schloss Nivedita Sairam ihre Promotion an der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin ab. Heute forscht sie am Deutschen GeoForschungsZentrum (GFZ), Helmholtz-Zentrum Potsdam, wo sie die Nachwuchsgruppe HI-CLiF (Understanding and modelling the Health Impacts under future and Climate socio-economic drivers of the Flood Risk System) leitet.

Nachwuchsgruppe HI-CLiF

Sairams Idee für HI-CLiF war, die Zusammenarbeit zwischen Gesundheitswissenschaften und Naturwissenschaften im Zusammenhang mit Hochwasserrisiko und Klimaanpassung zu fördern. „In der Vergangenheit wurden bei Entscheidungen zur Hochwasseranpassung nur Ingenieure konsultiert. In den Folgejahren wurden dann mit Unterstützung von Sozial- und Wirtschaftswissenschaftlern auch soziale und wirtschaftliche Aspekte berücksichtigt. Dies führte zu sozial integrativeren und umfassenderen Anpassungsstrategien. Das derzeit fehlende Bindeglied ist die Gesundheit." Die Menschen litten häufig unter den kurz- und langfristigen Auswirkungen von Überschwemmungen in Bezug auf ihre körperliche und geistige Gesundheit. Dies erhöhe den Bedarf an gesundheitlicher Unterstützung in der Reaktions- und Erholungsphase von Katastrophen. Durch den Klimawandel sind weltweit mehr Menschen von Hochwasser betroffen als von jeder anderen Naturgefahr. Es wird erwartet, dass die negativen Auswirkungen auf die körperliche und geistige Gesundheit und das psychosoziale Wohlbefinden der Bevölkerung aufgrund des Klimawandels und der raschen Urbanisierung zunehmen werden. Mit ihren Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern möchte Nivedita Sairam die Prozesse, die zu gesundheitlichen Auswirkungen von Überschwemmungen führen, besser verstehen und Maßnahmen zur Verringerung der gesundheitlichen Belastungen entwickeln. So sollen unter Berücksichtigung künftiger klimatischer und sozioökonomischer Veränderungen Möglichkeiten zur Anpassung an den Klimawandel entwickelt werden.

Internationale Zusammenarbeit

HI-CLiF basiert auf verschiedenen Fallstudien aus Deutschland und Vietnam. Die Motivation für die länderübergreifende Zusammenarbeit sei der Austausch von Erkenntnissen über die Verringerung des Katastrophenrisikos und die öffentliche Gesundheit. „Die Zusammenarbeit mit internationalen Wissenschaftlern und Akteuren ist eine sehr bereichernde Erfahrung." Es gebe viele interessante Aspekte des Risikomanagements – vor allem im Zusammenhang mit Risikoanpassung und Resilienz, wo der Transfer von der Wissenschaft in die Praxis noch eine Lücke darstellt. „Ich freue mich darauf, im Rahmen dieses Projekts Entscheidungsträger aus beiden Ländern in unseren Stakeholder-Workshops zusammenzubringen, um diese Erkenntnisse zu vertiefen und sie mit der Praxis zu verknüpfen." Zu vielen Aspekten des Risikomanagements gehörten aber auch die Sensibilisierung und die Vorbereitung von Bürgerinnen und Bürgern, zum Beispiel das Wissen, was man tun müsse, wenn man eine Hochwasserwarnung erhält. „Daher beziehen wir Stakeholder sowie Bürgerinnen und Bürger aus beiden Ländern – Deutschland und Vietnam – in Umfragen und Workshops ein."

Anpassung an die klimatische Realität

Auch die Forscherin Nivedita Sairam ist persönlich von den Auswirkungen des Klimawandels betroffen. Sie weiß, dass die Menschen von der Forschung Ergebnisse und Informationen erwarten – Informationen, die sie im Alltag nutzen können. Man kann sich auf Katastrophen vorbereiten und sich auch an Interventions- und Anpassungsprogrammen in der eigenen Nachbarschaft beteiligen. „Unsere Forschungsergebnisse werden dazu beitragen, die Politikgestaltung zur Anpassung an Hochwasserrisiken zu verbessern und zu erweitern, wobei nicht nur die wirtschaftlichen Auswirkungen, sondern auch die Auswirkungen auf Gesundheit und Wohlbefinden berücksichtigt werden. Dies wird ein gesundheits- und sozialverträgliches Risikomanagement sowohl kurz- als auch langfristig gewährleisten.“

HI-CLiF und Karriere – ausgezeichnet mit dem „Arne-Richter-Preis für herausragende Nachwuchswissenschaftler“

Das Projekt HI-CLiF ist für Sairam als junge Wissenschaftlerin sehr wichtig, da es ihr die Möglichkeit gibt, zum ersten Mal ein eigenes Forschungsteam zu leiten. „Das ist für meine Karriere sehr wichtig, da ich mich von einer unabhängigen Forscherin zu einer Gruppenleiterin entwickle, die andere Forscher betreuen und beraten kann.“ Am Ende des Projekts möchte sie sich und ihre Gruppenmitglieder als Experten auf dem transdisziplinären Gebiet von Naturkatastrophen und öffentlicher Gesundheit sehen, die in der Lage sind, mit Fachleuten beider Bereiche zusammenzuarbeiten. Durch die BMFTR-Förderung für ihr Projekt HI-CLiF konnte sie den Fokus ihrer Forschung von den wirtschaftlichen Auswirkungen von Überschwemmungen auf soziale und gesundheitsbezogene Auswirkungen ausweiten. Der Erfolg dieses innovativen Ansatzes ist offensichtlich: Im Jahr 2026 erhielt Nivedita Sairam den „Arne Richter Award for Outstanding Early Career Scientists“ von der European Geosciences Union. „Ich freue mich sehr über diese Auszeichnung. Durch HI-CLiF trage ich dazu bei, psychische Gesundheitsaspekte in die Bewertung von Hochwasserfolgen einzubeziehen, was zu einem ganzheitlicheren Verständnis von Vulnerabilität führt. Ich möchte zu diesem Thema qualitativ hochwertige wissenschaftliche Forschung betreiben. Außerdem möchte ich sehen, wie wissenschaftliche Erkenntnisse in die Praxis umgesetzt werden, um effiziente politische Entscheidungen zu ermöglichen, die den betroffenen Bürgern helfen.“

Laut Sairam ist das Besondere an diesem BMFTR-Förderprogramm, dass junge Wissenschaftler die Möglichkeit haben, dazu beizutragen, Menschen vor den verheerenden Auswirkungen von Extremwetterereignissen wie Hochwasser zu schützen, ihre Forschungsgruppen zu leiten und bereits früh in ihrer Karriere durch „Learning by Doing“ Führungs-, Team- und Projektmanagementkompetenzen zu erlernen. Zudem ist das Thema von HI-CLiF transdisziplinär und für die Lösung lokaler und globaler Probleme von großer Relevanz. Es bietet die Möglichkeit, Kooperationen mit Instituten und Wissenschaftlern aus anderen Disziplinen aufzubauen und fortzusetzen. „Ein Schwerpunkt unserer Arbeit liegt auf der Anwendbarkeit und dem Transfer von Forschungsergebnissen in die Praxis. Unsere Forschungsergebnisse sollen nicht nur zur Veröffentlichung von Artikeln führen, sondern auch in der Praxis genutzt werden.“

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